Berg-Karabach

Aserbaidschan fordert politische Lösung

9. November 2011, 08:09

Vizeminister Azimov: Minsk-Gruppe "ohne Ergebnisse" - Baku verfolge "multipolare Außenpolitik" - Pipelines: "Keine Konkurrenz, sondern Netzwerk"

Wien - Die Regierung in Baku pocht im Konflikt um das zwischen Aserbaidschan und Armenien umstrittene Gebiet Nagorny (Berg)-Karabach auf die "Wiederherstellung der territorialen Integrität", d.h. die Rückgabe an Aserbaidschan. Der aserbaidschanische Vizeaußenminister Araz Azimov, der sich derzeit zu Gesprächen mit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Wien aufhält, betonte in einem Gespräch mit Medienvertretern, sein Land wünsche keinen Krieg, sondern eine politische Lösung. Doch die mit der Causa befasste Minsk-Gruppe der OSZE habe bisher keinen Erfolg erzielt.

"Ich kann keinerlei Ergebnis erkennen", zog der Vizeminister eine negative Bilanz über den Minsk-Prozess. Nagorny-Karabach gehört völkerrechtlich zu Aserbaidschan, wurde aber in einem blutigen Krieg in den 1990er Jahren von armenischen Truppen besetzt und agiert als international nicht anerkannte Republik. Seit 1994 herrscht Waffenstillstand, der Konflikt ist eingefroren. Azimov geht weiter von einer Rückkehr der rund 750.000 aserbaidschanischen Flüchtlinge nach Berg-Karabach aus. "Eine Kompromisslösung würde keinesfalls eine Gebietsabtretung an Armenien bedeuten, sondern eine Koexistenz" der beiden Volksgruppen. Von "Unvereinbarkeit" zu sprechen, sei "faschistisch", so Azimov mit Blick auf Armenien.

Ob Krieg zur Erreichung seiner Ziele für Baku eine Option sei? "Aserbaidschan will keinen Krieg", betonte der Vizeminister. "Aserbaidschan muss eine starke Armee aufbauen, wünscht aber eine politische Lösung." Armenien habe mit der Besetzung von Berg-Karabach 20 Prozent aserbaidschanischen Territoriums okkupiert und behaupte nun provozierend, dieses Gebiet werde nie wieder aserbaidschanisch sein. Hingegen wolle Aserbaidschan im Einklang mit dem Völkerrecht die politischen Mittel ausschöpfen und seine "territoriale Integrität wiedererlangen", also Nagorny-Karabach zurückbekommen.

Azimov nannte auch Zahlen: Im Verhältnis zur Bevölkerung habe Armenien - drei Millionen Einwohner, 71.000 Mann - viel größere Streitkräfte als Aserbaidschan - 8,6 Millionen Einwohner und 63.000 Mann. Er verwies auf den Umstand, dass bei bewaffneten Auseinandersetzungen immer wieder auch aserbaidschanische Zivilisten getötet würden. Zugleich warnte der Vizeminister des öl- und gasreichen Landes und wichtigen Energielieferanten vor den Folgen für das Ausland: "Ein Verlust von territorialer Integrität würde Aserbaidschan in die Enge treiben. Das wäre nicht gut für die Energieversorgung."

Wirtschaftlich erlebe Aserbaidschan einen großen Aufschwung, dank seiner Öl- und Gasressourcen. Bei Gas sei sein Land "ein global player auf hohem Niveau", sagte Azimov. Wirtschaftlich praktiziere Aserbaidschan "das Prinzip der Multiplizität", habe Verträge mit unterschiedlichsten Staaten, kooperiere mit Ländern Lateinamerikas, Afrikas, des arabischen und asiatischen Raums. Armenien hingegen sollte Bilanz ziehen und sich fragen, "was es bisher gewonnen hat". Wegen der schlechten Wirtschaftslage verzeichne das Nachbarland einen Exodus, der die Bevölkerung der Republik halbiert habe, sogar aus Nagorny-Karabach sei eine Abwanderung im Gang. Die armenische Jugend sehe keine Perspektive. Er würde dies als "eine nationale Katastrophe" empfinden.

Zum geopolitischen Standort Aserbaidschan sagte Azimov, Baku verfolge "eine multipolare Außenpolitik". Die Türkei sei ein enger Partner, wirtschaftlich wie politisch. Russland erkenne die wichtige Rolle Aserbaidschans im südlichen Kaukasus an und sollte Interesse haben an einem "verlässlichen Nachbarn". Zum Iran bemerkte Azimov, dort leben 30 Millionen Aseris, also rund drei Mal so viele wie im Staat Aserbaidschan. Und: "Wir sind ein Partner der EU", fügte er hinzu. Aserbaidschan pflege strategische Partnerschaften, "aber wir werden keine ausländischen Militärbasen auf unserem Territorium akzeptieren".

Beim Thema Energiepolitik sieht sich Azimov nicht als Spezialist. Auf Fragen zum Gas-Pipeline-Projekt "Nabucco", bei dem die österreichische OMV federführend ist, äußert er sich dementsprechend vorsichtig. Ob "Nabucco" von Erfolg gekrönt sein werde, das sei Sache der Europäer, meinte er. Verschiedene Optionen seien verfügbar, "eine Option schließt die anderen nicht aus". Er sehe keine Konkurrenz zwischen den Pipeline-Projekten in der südlichen Region, vielmehr werde es in Zukunft "ein Netzwerk" geben. (APA)

Pjotr Ratschkovskij
00
10.11.2011, 18:43
"ob Nabucco von Erfolg gekrönt sein werde, sei Sache der Europäer"

Wo er Recht hat, hat er Recht. Europa mekert immer darüber, daß es zu sehr in die Abhängigkeit von Rußland gerät, doch selber macht es überhaupt nichts! Die Europäer sollen die Pipeline einmal bauen! Rußland macht es vor- vor ein paar Tagen wurde die Nordseepipeline eröffnet, die Schwarzmeerpipeline ist schon im Bau.
Die Europäer sollten endlich kapieren, daß man in seine Unabhängigkeit auch investieren muß. Von selbst entsteht Nabucco nicht.
Meiner Meinung nach ist dieses Projekt bis jetzt eine Blamage für die EU, im Besonderen für Österreich.

Kurt Bayer
02
9.11.2011, 15:20
Wer für/gegen wen?

Eine Lösung für Nagorno Karabach kann nur politisch erfolgen, erfordert aber auch, daß alle beteilitgten (Nicht-)Partner kooperieren, statt einander jeweils die Schuld zuzuschieben. Die geplagten betroffenen Bevölkerungen verdienen eine Lösung, sowohl die dort lebenden Armenier und die hunderttausenden aserischen Flüchtlinge, die teilweise allerdings bereits neues Leben und Integration in Stamm-Aserbadjan gewonnen haben. Und: das bitterarme Armenien könnte seine riesige Armee abbauen und endlich mit diesem Nachbarn, und dann auch der Türkei (die die Einigung mit Aserbadjan zur Vorbedingung macht) "normale" Beziehungen pflegen.

Strukteur
 
43
9.11.2011, 11:15
und immer fordern die Moslems, das geraubte Land nach dem Völkerrecht nur dem muslimischen Eroberern gehört. So wie es im Koran steht! na das nenne ich mal eine Überraschung

Danke für diese klare Wörter. Berg Karabach war mehrheitlich von Armenier besiedelt und diese sollten vertrieben werden. Die Armenier werden einer weiteren Halbierung Ihres Volks nicht tatenlos zusehen. Klar das Ankara die Moslems unterstützt. Wenn es darum geht Christen zu vertreiben -vor allem Armenier-, dann ist Ankara wohl für Aserbaidschan der richtige Ansprechpartner.

Halbmond
32
9.11.2011, 11:48

Jetzt wird wieder in einem Topf geworfen...was hat das um himmelswillen mit moslems zutun dieser konflikt ??

Raptor Jesus
10
9.11.2011, 23:42
Wieso den Wölfen ein Erfolgserlebnis gönnen?

Da gieß ich doch lieber gleich Öl ins Feuer.

Strukteur
 
32
9.11.2011, 14:07
@ Halbmond: Koranversen verstehen statt nur rezitieren

"Jetzt wird wieder in einem Topf geworfen...was hat das um himmelswillen mit moslems zutun dieser konflikt ??"

/Zitat ende

Im 11. Jahrhundert n.Chr. entwickelte der sunnitische Rechtsgelehrte al-Mawardi eine bis heute einflussreiche Theorie des Djihad. Nach seiner Auffassung führen die Muslime als "Haus des Islam" ständig einen gerechten Eroberungskrieg gegen die Ungläubige aller Welt, welches als das "Haus des Krieges" ausmacht. Beide Bereiche können auf Dauer nicht friedlich nebeneinander existieren. Erst wenn die islamische in Staat und Gesellschaft überall eingerichtet ist, hört nach der Krieg auf. Jeder einzelne Konflikt mit nicht Muslime hat immer mit dem Islam zu tun! Darum steht Ankara, so auch Sie, immer nur hinter Moslems!

Bumbu
 
21
9.11.2011, 12:46
um himmelswillen mit moslems zutun

Nicht viel. Es ist eher nationalistisch: Die Az?ri behaupten, daß die Karabag-Leute in Wirklichkeit christliche Az?ri seien, denen man generationenlang eingeredet hat, sie seien Armenier. Deshalb haben Arenier keinen Anspruch auf dieses christlich–az?rbaycanische Gebiet. Die Armenier halten das natürlich für Schwachfug: Wenn jemand lebt, spricht und glaubt wie ein Armenier, dann ist er einer.

Christen werden in Az?rbaycan nicht drangsaliert. Außer, sie wären Armenier. Aber das ist ja in Georgien auch nicht viel anders. Keine Ahnung, warum alle de Armenier nicht mögen.

Bumbu
 
00
10.11.2011, 11:43
HabHaben die Rotstrichler aus was Inhaltliches zu sagen?

Ich habe die Meinung der beiden Konfliktparteien wiedergegeben, so gut ich sie eben vor Ort verstehen konnte. Das ist interessant, weil es vor Ort wirklich geglaubt wird, auch wenn es Schwachfug sein mag.

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