"Er prägte die Rechte und die Linke"

Interview8. November 2011, 19:33
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Der italienische Publizist Stefano Folli ist sich sicher: Italien kann seinen Schuldenberg abbauen - Berlusconi wird die politische Bühne aber nicht ohne Theaterdonner verlassen

Mit Folli sprach Gerhard Mumelter.

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STANDARD: Wie wird Italien nach Berlusconi aussehen?

Folli: Zunächst vermutlich etwas konfus. Er hat schließlich eine ganze politische Epoche geprägt - im Guten wie im Bösen. Er war, auch finanziell, die dominierende Figur der letzten zwei Jahrzehnte. Er hat nicht nur die politische Rechte entscheidend beeinflusst und wichtige Reformen verhindert, sondern auch die Linke, die sich darauf beschränken konnte, ihn zu verteufeln, statt neue Konzepte zu entwickeln. Einer wie Berlusconi verlässt die Szene nicht ohne Schmerzen und ohne Theaterdonner. Und er wünscht keinen, der ihn übergangslos ersetzen könnte, sondern sofortige Neuwahlen. Berlusconis Partei ist lädiert und zerbröckelt, aber sie bleibt die stärkste Kraft im Parlament. Eine Lösung ohne sie ist kaum machbar. Italiens Zukunft hängt nun davon ab, wie weit sich Opposition und Mehrheit auf einen neuen Kurs verständigen können. Da ist eher Skepsis geboten.

STANDARD: Warum will Berlusconi Neuwahlen? Seine Umfragewerte sind eher miserabel.

Folli: Es waren und sind die gemäßigten Kräfte in der Mehrheit. Unter einer neuen Führung, mit neuem Programm, könnte die Partei den Schaden zumindest in Grenzen halten und sich für die kommenden Jahre neu organisieren.

STANDARD: Welche Option halten Sie für wahrscheinlich?

Folli: Im Gespräch ist eine Regierung der Nationalen Einheit, die etwa vom Ökonomen Mario Monti angeführt werden könnte. Es gibt aber erhebliche Hürden. Vor allem wird dieses Szenario von der Regierungspartei PDL abgelehnt. Die Parteien müssten die Kraft zu einem Neubeginn aufbringen und gemeinsam jenes Programm durchziehen, das die EZB der Regierung verordnet und das Berlusconi in Cannes versprochen hat - auch um den Preis von Konsens und Popularität. Aber da sind die Gegensätze groß.

STANDARD: Unter Berlusconi hat Italien international viel an Glaubwürdigkeit verloren. Ist der Schaden überhaupt noch wettzumachen?

Folli: Ja, natürlich. Italien ist ein Gründungsmitglied der EU und mit einem erheblichen wirtschaftlichen Potenzial ausgestattet. Nur müssen endlich die notwendigen Reformen durchgeführt werden. Und das Land benötigt eine glaubwürdige und fähige Regierung, die die Modernisierung Italiens anpackt. Der Schuldenberg kann in Absprache mit der EU allmählich reduziert werden.

STANDARD: Im Ausland fällt der peinliche Servilismus in der Regierungspartei PDL auf. Wie wird das in Italien wahrgenommen?

Folli: Die PDL ist eine Ein-Mann-Partei, in der nie eine Führungsklasse ausgebildet wurde. Eine Partei ohne Tradition und ohne Dialektik, in der Berlusconi nicht nur Gründer, sondern auch Eigner war - eine absolute Monarchie, wenn Sie so wollen. Mit Berlusconis Abgang hat sie die Chance, zu einer normalen Partei zu werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.11.2011)

  • Stefano Folli (62) ist ehemaliger Chefredakteur des 
"Corriere della Sera"  und Leitartikler von "IlSole 24 Ore". Er gilt als
 einer der angesehensten Kommentatoren der italienischen Innenpolitik.
    foto: standard/alessiagiuliani/ccp

    Stefano Folli (62) ist ehemaliger Chefredakteur des "Corriere della Sera" und Leitartikler von "IlSole 24 Ore". Er gilt als einer der angesehensten Kommentatoren der italienischen Innenpolitik.

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