Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn

8. November 2011, 18:29
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Anti-Diplomat mit Faible fürs Fortkommen

Niki heißt jetzt Hartmut. Wenn Kunden der bisherigen Lauda-Airline unzufrieden sind, brauchen sie nicht mehr auf Niki Lauda schimpfen, sondern können Frust, zumindest im Geiste, an Hartmut Mehdorn auslassen. Der Chef der zweitgrößten deutschen Fluglinie Air Berlin gab am Dienstag in Wien bekannt, sein Unternehmen werde die Niki-Anteile übernehmen.

Ausgeschimpft zu werden macht Mehdorn übrigens nichts aus. Zum einen, weil er es gewohnt ist, schließlich war er zehn Jahre lang Chef der Deutschen Bahn und in den Augen vieler an allen Problemen schuld: an unpünktlichen Zügen, zu hohen Ticketpreisen, auch an schlechtem Essen im Speisewagen. Harsche Worte sind Mehdorn jedoch auch deshalb nicht fremd, weil er selbst ein Freund klarer Aussprache ist. Diplomat wollte ich nie werden heißt seine Biografie.

Aber Fliegen wollte er schon immer. Als kleiner Bub fährt der heute 69-Jährige in seiner Berliner Heimatstadt zum Flughafen Tegel, um den Maschinen beim Starten und Landen zuzusehen. Nach dem Studium (Leichtbau) tritt er als Planungsingenieur in die Vereinigten Flugtechnischen Werke (VFW) in Bremen ein. Später arbeitet er für Airbus in Toulouse und in Hamburg. 1995 folgt ein Gastspiel außerhalb der Welt des Fortkommens. Mehdorn übernimmt den weltgrößten Druckmaschinenhersteller (Heidelberger Druck) und bringt ihn an die Börse.

Genau das ist auch sein großes Ziel mit dem nächsten und größten Unternehmen seines persönlichen Portfolios: der Deutschen Bahn, die er ab 1999 umkrempelt. Mehr als 100.000 Jobs werden gestrichen, er verdoppelt den Umsatz auf 33 Milliarden Euro. Zu Fall bringt ihn 2009 eine Datenaffäre. Mehdorn wird vorgeworfen, er habe von Datenmissbrauch im Unternehmen gewusst. Er geht freiwillig, ohne den Börsengang erreicht zu haben.

Das war die Ära Mehdorn, dachten damals viele. Schließlich war der ehemalige Topmanager da schon 67 Jahre alt. Doch dann kam es ganz anders: Im September 2011 übernimmt Mehdorn die defizitäre Air Berlin. Als Übergangschef ist er zunächst vorgesehen, doch Workaholic Mehdorn scheint das anders zu sehen.

Er will 2012 in schwarze Zahlen fliegen. Ob er denn im Juni 2012, bei der Eröffnung des neuen Berliner Großflughafens noch dabei sein werde, wurde er neulich gefragt. Seine Antwort: "Ganz, ganz sicher, und ein paar Tage länger wahrscheinlich auch noch." (Birgit Baumann, DER STANDARD, Printausgabe, 9.11.2011)

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