Neoliberalismus ist schuld, da helfen nur noch Wunder

Kommentar der anderen | Peter A. Ulram, 8. November 2011, 17:31

Mit der Krise wächst die Unsicherheit - Auf der Suche nach Ursache und Lösung geben Wunderheiler die einfachsten Antworten - Eine Replik auf Stephan Schulmeisters Thesen von Peter A. Ulram

Krisenzeiten sind Zeiten der Unsicherheit. Wo Unsicherheit herrscht sehnen sich viele nach Gewissheiten, nicht zuletzt bei der Benennung der Ursachen/Schuldigen und den Lösungen. Dementsprechend floriert die Profession der (Böses-weg-)Zauberer und Wunderheiler. In der Politik findet man sie oft auf der Rechten (wohl nicht ganz zufällig vertreibt die Wirtschaftsexpertin der FPÖ im Hauptberuf ein wundersames Wässerchen), in der Ökonomie gerne auch links.

Wunderheiler sind große Vereinfacher. Sie sind publikumswirksam (daher heute in den Medien und nicht mehr auf den Jahrmärkten). Sie verfügen über eine höhere Einsicht bzw. den Durchblick (ihre Köpfe sind nicht vom "neoliberale(n) Smog" vernebelt, daher begreifen sie den "systemischen Charakter der Krise" anders als "Staatenlenker" und "Eliten"). Sie vermitteln ein moralisch negativ konnotiertes Bild von der Krankheit (hier "Zinsepidemie") und den Keimen ("Spekulation", "Finanzalchemie"). Vor allem haben sie ein Wunder(heil)mittel. So auch Stephan Schulmeister.

Die Abfolge ist klar. Erstens die Diagnose: "Die Krise ist nämlich keine Griechenland-Krise, sondern eine Systemkrise". Dessen Staatsschulden sind lediglich ein Symptom, ist doch die Staatsschuldenquote "zwischen 2000 und 2007 (...) konstant geblieben (...), sie stieg erst danach drastisch an, und zwar wegen der Krise des Finanzsystems (...) wegen der durch Spekulation (...) gestiegenen Zinsen und wegen einer rabiaten Sparpolitik, welche das BIP vier Jahre lang schrumpfen ließ". Gewiss, Kritiker mögen einwenden, dass die Konstanz vielleicht etwas mit der Mitgliedschaft im Euroraum zu tun hatte und dass die "rabiate Sparpolitik" eher neueren Datums ist. Bleiben die Folgen der Finanz-und Wirtschaftskrise und die stark ansteigenden Zinsen.

Nur: Es "zeigen die Staatsschulden (...) die Tendenz, explosionsartig anzusteigen; in allen Krisen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Hauptursachen der Schuldenexplosion (sind) nicht die immer wieder zitierten Kosten der Rettungsmaßnahmen und der Rekapitalisierung des Bankensystems (...) der größte Treiber des Schuldenanstiegs (ist) der unvermeidliche Einbruch der Steuereinnahmen im Anschluss an eine (...) Rezession. Viele Länder leiden zudem unter einem sprunghaften Anstieg der Staatsschulden." Carmen M. Reinhart und Kenneth S. Rogoff, Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen, S.317/318. Ist halt eine ziemlich alte Systemkrise und der Neoliberalismus auch nicht mehr so "neo".

Der springende Punkt ist aber natürlich das Wunderheilmittel. Es muss schon ein wenig wehtun, aber tunlichst nur wenigen ("höhere Konsolidierungsbeiträge der Bestsituierten"). Das ist aber nur eine Ingredienz, die Wichtigste ist die Zinsensenkung: "Ein Europäischer Währungsfonds (EWF) gibt Eurobonds zu festen Zinssätzen aus, er hat die unbeschränkte Garantie aller Euroländer und die Rückendeckung der EZB. Eurobonds (...) sind nicht handelbar (...) Jegliche Spekulation mit den Staatsfinanzen hört sich dann auf." Bedauerlicherweise gibt es auch klitzekleine Nebenwirkungen des Wundermittels Eurobonds, jedenfalls in dieser Version. Zum einen bedeutet eine "unbeschränkte Garantie" eine unbeschränkte Haftung aller. Zum anderen sieht das Modell kein Instrument zur Schuldenbegrenzung vor (die waren ja im Falle Griechenlands sogar laut Schulmeister "auf zu hohem Niveau").

Sparanstrengungen sind "kontraproduktiv" (warum dann sich der Mühe unterziehen?) und "wirtschaftspolitische Entmündigung" ist überhaupt von Übel. Wenig erstaunlich, dass in Italien (Schulden auch eher "auf zu hohem Niveau) sowohl die amtierende Mitte-rechts-Koalition (die Wähler sind ohnehin schon verärgert, nur nicht noch mehr reizen) wie die vermutlich ins Haus stehende Mitte-links-Koalition (Konsolidierung als "soziales Massaker") dem Mittel einiges abgewinnen können.

Damit Wundermittel wirken können, muss man auch an sie glauben. Glaube versetzt bekanntlich Berge (warum also nicht Staatsschulden, wohin auch immer). Glaube bedarf manchmal auch ein wenig Nachhilfe, z. B. durch die Androhung von Höllenqualen für Ungläubige und Glaubensschwache. "Also Wirtschaftskrieg. Dann können die Gespenster der Vergangenheit, die man mit der EU befrieden wollte, wiederauferstehen. Und niemand wird sie besser zum Tanzen bringen als die Zuchtmeister von damals in ihrer Rolle als Lehrmeister von heute." Der Hinweis ist etwas kryptisch, es sei denn man versteht unter "damals" die Zwanziger-, Dreißiger- und Vierzigerjahre des vorigen Jahrhunderts und unter den "Zuchtmeistern" Deutschland (samt dem zeitweise nicht existierenden Österreich) und Finnland (weil die irgendwie auch dabei waren). Leider kommen auch Frankreich und die Niederlande zum Handkuss, die wohl eher die Gezüchtigten waren. Aber der Wirtschaftsforscher ist kein Historiker, und Neoliberale sind allemal böse.

So weit, so schlecht, und - nachdem die Griechen die Abstimmung abgesagt haben - auch die Prognose ist nicht ganz punktgenau ("Die griechische Bevölkerung wird (...) verweigern"). Aber da die Systemkrise andauert, bleibt auch die Nachfrage nach Wunderheilung ungebrochen. (Peter A. Ulram, DER STANDARD, Printausgabe, 9.11.2011)

PETER ULRAM ist Universitätsdozent für Politikwissenschaft und Geschäftsführer von Ecoquest, einem neuen Institut für Markt- und Meinungsforschung und Consulting.

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Unpackbar...

Da schreibt ein offenbar Verwirrter, dass der Wunderheiler am Jahrmarkt ein vom Teufel besessener (ein Linker!!!) ist und am besten nicht da wäre, da er Angst verbreitet (er hat was gegen wirtschaftspolitische Entmündigung souveräner Staaten --> Scheiterhaufen). Wir schreiben das Jahr 2011...

Also Herr Ulram (mutig, den Klarnamen unter so einen Text zu setzen), lassen Sie sich einen Tipp geben: Bilden Sie eine eigene Meinung!
Das hat zwei Vorteile: 1.) Sie müssen nicht permanent andere zitieren und 2.) die Chancen ein Argument zu bilden steigen enorm!

Nicht, dass ich mit Schuleister auf einer Linie bin, aber der kann seine Aussagen wenigstens begründen. Ihr Text dagegen ist einfach nur wirr...

danke ulram

das schöne an leuten wie ulram ist ja, dass deren texte einem gerade bei hochkomplexen und unüberschaubaren materien wie der finanzkrise orientierung geben. man weiß nämlich dann ziemlich genau, was sich die apologeten des neoliberalismus wünschen - und kann auf das gegenteil hoffen

Wo sind eigenbtlich

Ulrams Argumente? Ich lese hier 3 "Argumente" heraus, und zwar aus folgenden Polemiken:
moralisch: "warum dann sich der Mühe unterziehen?"
und zwei Mal mehr oder weniger Name Dropping:
Eine Studie von Rogoff und Reinhart (deren Nennung allein kein Argument für gar nix ist).
Und die kommende italienische Mitte "Links" Regierung (WO IST DAS ARGUMENT?).
Das ist billigste Polemik, was der bringt. Dass Ulram das nicht peinlich ist. Schulmeister kann doch auf so eine geschwurbelten polemischen Unsinn nicht einmal antworten.

ich denke es ging um eine Replik auf Schulmeister. Damit prangert Ulram Schulmeisters teils abstruse Argumentationslinie an und deckt v.a., das ist mir besonders wichtig, seine populistischen Vereinfachungen auf. Das was Schulmeister schreibt könnte genauso aus Herbert Kickl's Feder kommen und das ist einem Wissenschafter wohl eher nicht angemessen.

Der folgende Satz ist Demagogie in höchster Vollendung:

Es muss schon ein wenig wehtun, aber tunlichst nur wenigen ("höhere Konsolidierungsbeiträge der Bestsituierten").

also

habe jetzt den beitrag durchgelesen.

schade um die bytes im web.

das ist das Schulmeister-Paradoxon

Die Finanzmisere der einzelnen Länder auf alle übertragen (Eurobonds sind gut) ohne zentralen Durchgriff der EU bis hin zum Bürger (aber Zwangsmaßnahmen sind böse).

Entweder wir machen Eurobonds, und die EU darf griechische Steuersünder in den EU-Kotter sperren (und ganz allgemein das Fehlverhalten von Staaten und seinen Bürgern direkt sanktionieren) ODER die Griechen gehen aus dem Euro raus und lösen ihre Probleme eben selbst.

sowas von daneben

ulram lesen - schade um die Zeit , besser:
http://krugman.blogs.nytimes.com/2011/11/0... ro-ends-2/

Lese ich den Standard oder einen Werbeflyer der Deutschen Bank AG ?

Wer ist für die Schulden verantwortlich ?

Die "Staatsschuldenkrise" (darum gehts ja !) entstand, weil Politiker mit leeren Taschen (und nicht der Liberalismus !) zusätzlich neue Schulden am Markt (also bei uns) aufgenommen haben.
Die Banken und wir sind nur naiv gewesen. Weil wir glaubten, dass Staaten nicht pleitegehen können, weil sie ja ewig leben und auch kommende Generationen in Schuldknechtschaft halten können.

replik auf peter ulram

komplexität lässt sich mittels vereinfachung nicht lösen, da manche (scheinbar wichtige) relationen einfach negiert werden (so ist es allerdings mit allen entscheidungen - es wird dabei scheinbar wichtiges von weniger wichtigem geschieden - darüber lässt sich bereits trefflich streiten)

diese tatsache zu negieren und dann mit entwertenden begriffen um sich zu werfen, zeugt allerdings auch nicht vom großen durchblick - sondern im gegenteil von eher gleicher verfasstheit wie die vereinfacher (oder eben wunderheiler) und das ohne angebot einer lösung.

in seiner gesamtheit also ein geringerere beitrag zu einer möglichen lösung als die äußerungen der verunglimpften.

der autor dieses artikels glaubt an das wundermittel der herrschaft der FI (finanzindustrie), obwohl sie uns offensichtlich ins desaster führt.

er sagt, nicht die kontinuierlichen astronomischen bailouts haben der wirtschaft den rest gegeben und die FI so reich wie noch nie gemacht, sondern "eine rezession", die wohl vom himmel gefallen ist, so wie die staatsverschuldungen. umkehrung von ursache und wirkung als extrem-primitiv-argumentation.

das wundersystem FI lässt alle programme zu ihrer demokratisierung (und auch heilung!) mit der retourkutsche "naive wundergläubigkeit" abprallen. aber es wächst auch systemintern eine vernunftabteilung, die erkennt, dass das

BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN für alle

eine wirtschaftliche, demokratische und friedenspolitische notwendigkeit geworden ist.

"... ein neues (!) Institut für Markt- und Meinungsforschung und Consulting."

DAS hat die Welt gebraucht. Noch mehr Dummschwätzer und Besserwisser, die sich für ihre "Leistung" fürstlich bezahlen lassen. Wann hört dieser Wahnsinn auf?

Wolle er uns irgendetwas NEUES sagen?

So ein Schmarrn...

Der nächste Universitätsprofessor, der nichts beizutragen hat aber viel kritisiert.
Ich hab ja eigentlich eine gute Meinung von den Universitäten, aber viele professoren dort halten wohl nciht so viel von objektiver, faktenbasierter Wissenschaft. Da wird viel lieber Ideologie betrieben, zur Not auch indem man andere schlecht macht.
Warum so jemand Universitätsprofessor wird ist mir ein Rätsel.

Es sind eigentlich sehr wenige Professoren, die sich so benehmen. Leider sind es aber fast ausschließlich diese, die auch in Tageszeitungen publizieren.

Ist er eh nicht, keine Sorge!

Er hält jedes zweite Semester ein Proseminar zum Thema "empirische Wahlforschung" - sprich wie funktionieren Wählerstromanalysen, Exit Polls, Meinungsumfragen - that's it.

lieber herr ulram, abgesehen davon, dass es etwas billig wirkt, schulmeisters THESEN völlig ohne irgendwelche argumente auf ein level mit wunderheilern, fpö usw zu stellen, wie würden sie denn die strategie bezeichnen, exponentiell wachsende schulden mit neuen exponentiell wachsenden schulden zu tilgen - voodoo ?

Lieber Peter Ulram

oft ist es ja recht klass, was sie schreiben, aber diesmal war ein bissl zuviel Emotion dabei. Außer Schulmeister-Bashing war nix Substanzielles. Oder war der ÖVP-Auftrag soo zwingend? Nationalökonomie ist jedenfalls nicht ihre Stärke.

Ja, er sollte sich nicht als Nationalökonom sondern als Globalökologe versuchen. Fachkräfte werden zur Zeit wieder händeringend gesucht.

Die Prognose ist nicht ganz punktgenau...

...von einem Politikwissenschafter sollte man doch erwarten können, dass er "Prognose" und "Wahrsagerei" auseinander zu halten weiß. Die Prognose wäre vielleicht - womöglich sogar punktgenau - richtig gewesen, aber Schulmeister hätte nur im Kaffeesud lesen können, dass die Abstimmung als Grundlage zur Beurteilung seiner Prognosenqualität wegfallen wird. Dann wäre er Wunderheiler und kein ausgezeichneter Wirtschaftsanalyst.

Astrologie, Prognose und Wahrsagerei ist genau genommen derselbe Unsinn.

anstatt pseudo-experten abzudrucken ...

... lieber zwei ökonomen zuhören:

http://tinyurl.com/ca3t4cq

beide sind ideologiesierte dummschwätzer

einer so unnötig wie der andere.

Offensichtlich bin ich nicht der einzige, dem sich die inhaltlichen und argumentativen Leistungen dieses Beitrags nicht erschließen.

Ja, Schulmeister neigt ein wenig zu pregnanten "Kampfbegriffen" - schlecht? Ja, er versucht sich an radikaleren Erklärungsmodellen und Handlungsanleitungen, und hat - zugegeben - einen gewissen Zug in die Medien - schlecht?

Was mich aber wirklich mal interessieren würde - und da könnte der Standard ja eine analytische Serie beginnen - wo genau irrt sich Schulmeister - empirisch, mathematisch, spieltheoretisch von mir aus. - Thesen, Argumente, Zahlen - Lösungsansätze.

Was mir auffällt bei den zahlreichen Diskussionen bei denen auch Schulmeister beteiligt ist: er wirft was auf, weist auf das Problem hin und zeigt eine mögliche Lösung auf. - Die anderen wechseln das Thema, oder sind bestenfalls "der Meinung" dass, das so nicht geht...

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