Merkel und Medwedew feiern Ostsee-Gaspipeline

8. November 2011, 17:01
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Lubmin/Berlin - Nach jahrelangen Planungen, Protesten von Umweltschützern und Einwänden von Anrainer-Staaten haben die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Dmitri Medwedew am Dienstag die Ostsee-Gaspipeline eröffnet. Erstmals gibt es damit eine direkte Gasröhre von Russland nach Deutschland, nachdem in der Vergangenheit Streitereien zwischen Russland und der Ukraine die Transitwege nach Europa behindert hatten. Die erste Röhre hat eine Kapazität von jährlich 27,5 Mrd. Kubikmeter. Das entspricht etwa einem Viertel des deutschen Jahresverbrauchs. Eine zweite Leitung soll 2012 in Betrieb gehen.

Doch die rund 7,4 Mrd. Euro teuren Pipelines sollen nicht nur Verbraucher in Deutschland, sondern insgesamt rund 26 Millionen Haushalte in Mitteleuropa mit Erdgas versorgen. Merkel sprach im Beisein des französischen Ministerpräsidenten Francois Fillon und des niederländischen Regierungschefs Mark Rutte von einer beispielhaften Zusammenarbeit zwischen Russland und der Europäischen Union. Das Projekt zeige, dass die Wirtschaft in der Lage sei, hochkomplexe Großvorhaben verantwortungsbewusst zu realisieren. Mit der 1.224 Kilometer langen Pipeline werde ein großer Beitrag zur verlässlichen Energieversorgung Europas geleistet. "Es profitieren die Abnehmerländer und Russland gleichermaßen", sagte Merkel in der Ostseestadt Lubmin.

Der russische Energiekonzern Gazprom hält die Mehrheit an dem Nord-Stream-Konsortium, dessen Aufsichtsratschef Merkels Amtsvorgänger Gerhard Schröder ist. Beteiligt sind E.ON Ruhrgas, die BASF-Tochter Wintershall, die französische GDF Suez und die niederländische Gasunie.

Partnerschaft

Der russische Präsident Medwedew sprach von einer "neuen Seite in der Partnerschaft Russlands mit der EU", die mit der neuen Pipeline aufgeschlagen werde. Ihre Inbetriebnahme sei ein symbolträchtiges Ereignis. Russland habe seine Verpflichtungen aus Energiegeschäften immer penibel erfüllt. Zugleich bekräftigte Medwedew das russische Interesse, sich in der Energieverteilung und -infrastruktur in Europa zu engagieren. Er hoffe, dass dies nicht mit überflüssigen Hürden erschwert werde. Gazprom prüft derzeit unter anderem die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens mit RWE zum Betrieb von Kraftwerken in Deutschland, Großbritannien und den Benelux-Staaten.

Russland ist mit Abstand der größte Erdgaslieferant Deutschland und Europas. Die EU versucht auch, ihren Bezug auf eine breitere Basis zu stellen. Projekte unabhängig von Russland, wie die von RWE mit Partnern geplante Nabucco-Pipeline vom kaspischen Raum nach Europa, sind bisher jedoch nicht gesichert.

Unternehmen wie RWE und E.ON haben Lieferverträge mit Russland abgeschlossen, die teilweise über eine Zeit von 30 Jahren laufen und an den Ölpreis gebunden sind. Ruhrgas-Vorstandsmitglied Hans-Peter Floren nutzte die Feier in Lubmin, um flexiblere Verträge zu fordern. "Wir stehen weiterhin zu unseren langfristigen Lieferverträgen, wir möchten sie für die Zukunft halten." Er fügte aber hinzu: "Allerdings muss diese Partnerschaft, was die Preisgestaltung betrifft, auf eine neue Basis gestellt werden, die die aktuellen stark veränderten Marktverhältnisse auch angemessen reflektiert." E.ON ist wie RWE in einer Bredouille: Während sie an Gazprom noch hohe Preise zahlen, wollen die eigenen Kunden die wegen des Überangebots in Europa gefallenen Spotmarktpreise berappen. Dadurch brechen den deutschen Energieriesen im Gasgeschäft die Gewinne weg.

Die Preise könnten einer Erhebung zufolge jedoch in den kommenden Jahren deutlich anziehen. Bis 2014 sei mit Steigerungen bis zu 40 Prozent zu rechnen, sagte die Unternehmensberatung A.T. Kearney in einer Studie voraus. 2015 werde dann allerdings zum Wendejahr, und die Preise im Großhandel würden bis zu 60 Prozent einbrechen. Es sei mit Überkapazitäten zu rechnen, die sich auch auf die Auslastung neu gebauter und geplanter Pipelines aus Russland und dem kaspischen Raum auswirken werde. Auch die Ostseepipeline werde wohl kaum zusätzliche Gasmengen transportieren, sondern sei auch eine Alternativroute zu existierenden Verbindungen wie durch die Ukraine. (APA/Reuters)

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