"Die Angst wird nach Griechenland verlagert"

Interview8. November 2011, 17:01
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Früher fuhren die Griechen nach Europa - heute sehen sie sich als Europäer, sagt Maria A. Stassinopoulou, Neogräzistin in Wien: Ein Gespräch über die politische Implosion und das Bild Griechenlands

Standard: Als Kulturwissenschafterin und gebürtige Griechin: Wie blicken Sie derzeit auf Griechenland?

Stassinopoulou: In den letzten Tagen hat man noch deutlicher als zuvor sehen können, dass Griechenland neben der Finanzkrise mit einer Implosion der politischen Strukturen konfrontiert ist. Immerhin sind die seriösen Printmedien in Griechenland zu einer ruhigen und analytischen Kommentarsprache übergegangen. Hingegen beharren populistische Medien außerhalb Griechenlands auf groben Verallgemeinerungen, Stichwort "Pleite-Griechen". Insgesamt finde ich an der Darstellung Griechenlands in den Medien seit 2008 interessant, dass wieder das antike Griechenland bemüht werden musste. Ein bekanntes Beispiel: das Cover von Focus, bei dem die Venus den Mittelfinger zeigt.

Standard: Griechenland als Wiege der europäischen Kultur?

Stassinopoulou: Genau. Dann kam die offenbar als medienwirksam empfundene Idee auf, Griechenland solle doch Inseln verkaufen. Hier hat man angeknüpft an den Deutschen oder Österreicher als Tourist. Es gibt also eine sehr begrenzte Wahrnehmung dieses Landes. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es sich um ein Land handelt, das seit 30 Jahren in der EU ist und auch schon mit zeitgenössischen Autoren eine Frankfurter Buchmesse bestritten hat.

Standard: Steht der Fall Griechenland nicht auch für mehr?

Stassinopoulou: Es ist zunehmend so, dass Griechenland nicht als Griechenland interessiert, sondern als ein Fall, bei dem ziemlich deutlich wird, dass die Politik hinter der Wirtschaft zurückgetreten ist. Es zeigt sich die massive Sorge der Europäer darüber, dass sie nicht mehr nachvollziehen können, wer eigentlich die Macht hat. Dies ist wohl auch der Grund für die plakative Darstellung Griechenlands in manchen Medien. Die Angst vor neuen Machtverhältnissen wird ausgegrenzt und in die Peripherie, das südosteuropäische Land mit seinen Eigenheiten, Schwächen in der Steuertradition usw., verlagert.

Standard: Wie wichtig ist heute Europa für die griechische Identität?

Stassinopoulou: Es ist für die Griechen noch nicht sehr lange her, dass sie nach Europa gefahren sind. Man hatte die trennende Linie der osmanischen Kultur verinnerlicht und sich als Teil einer mediterranen, südosteuropäisch-orientalischen Welt wahrgenommen. Die westeuropäischen Elemente der Kultur wurden vor allem innerhalb der Bildungseliten gepflegt. Ich glaube aber, dass sich die jungen Griechen heute eindeutig als Europäer und Bürger der Europäischen Union sehen.

Standard: Ihr Fach ist die Neogräzistik, also die Sprache, Literatur und Geschichte Griechenlands in der Neuzeit. Wie lässt es sich eingrenzen?

Stassinopoulou: Neogräzistik umfasst nicht nur den Staat, sondern auch frühere Phasen der Kultur und Geschichte der neuzeitlichen Griechen. Als zeitlicher Beginn gilt meistens der Fall von Konstantinopel im Jahr 1453, auch wenn das eine formale Abgrenzung ist. In Bezug auf die Sprache ist das schon schwieriger, denn die Entwicklung vom Alt- zum Neugriechischen ist lang. Es gibt etwa literarische Texte des 12. Jahrhunderts, die bereits alle Merkmale des Neugriechischen aufweisen.

Standard: Was zeichnet die neuzeitlichen Griechen aus?

Stassinopoulou: Die beiden identitätsstiftenden Merkmale sind Sprache und Religion, also die Zugehörigkeit zur griechisch-orthodoxen Kirche. Allerdings war das Griechische Bildungs- und Handelssprache in den europäischen Teilen des Osmanischen Reiches und wurde auch von anderen ethnischen Gruppen gesprochen. Auch bei der religiösen Zugehörigkeit muss berücksichtigt werden, dass unter dem Patriarchat von Konstantinopel mehrere ethnische Gruppen subsumiert sind.

Standard: Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist Migration. Die hat in Griechenland eine lange Tradition.

Stassinopoulou: Bei den Forschungsprojekten in Wien konzentrieren wir uns auf die Migration im 18. und 19. Jahrhundert, etwa der Kaufleute und Gelehrten, aus dem Osmanischen ins Habsburgerreich. Bereits im 17. und 18. Jahrhundert, also noch vor der Nationalstaatlichkeit, gab es ausgeprägte Wanderungsbewegungen. Das setzte sich auch nach der Staatsgründung 1830 fort, mit einem ersten Höhepunkt in der Emigration in die USA an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Standard: Nach der EU-Süderweiterung blieb die befürchtete Auswanderungswelle aus den Beitrittsländern aus. Warum?

Stassinopoulou: In der Nachkriegszeit gehörte Griechenland zu den Emigrationsländern. Viele Griechen sind daher nach Deutschland, aber auch Belgien und Australien ausgewandert. Nach dem Ende der Obristendiktatur im Jahr 1974 und dann auch mit dem EU-Beitritt 1981 sind die Griechen, auch jene politischen Flüchtlinge des Bürgerkriegs vor allem, zurückgekehrt. Griechenland wurde insbesondere nach 1989 ein Empfängerland und sehr bedeutend für die Migration aus benachbarten Ländern, aber auch aus afrikanischen und osteuropäischen Ländern.

Standard: Wagen Sie angesichts der aktuellen Lage eine Prognose?

Stassinopoulou: Qualifizierte Migrationsströme hat es durchgehend gegeben. Dass junge Griechen im Ausland studieren, ist zum Standard geworden. Das wird so bleiben, die Frage ist nur, ob es für die Familien finanziell haltbar ist. Eine andere Frage ist, ob es wieder eine Arbeitermigration geben wird. Innerhalb der EU kann ich mir das gut vorstellen. (Lena Yadlapalli/DER STANDARD, Printausgabe, 9. 11. 2011)

-->Wissen: Die Wiener Neogräzistik 


Die Wiener Neogräzistik

Neben Sprache und Literatur bildet Geschichte einen Schwerpunkt der Wiener Neogräzistik. Der Begriff Neogräzistik war bis vor 30 Jahren noch nicht verbreitet und ist damit noch vergleichsweise jung. Üblicher war es, von der neugriechischen Philologie zu sprechen. Der erste Lehrstuhl für Neogräzistik wurde an der Universität Wien eingerichtet. Er wurde 1982 ausgeschrieben, als erster Professor wurde der Südosteuropa-Historiker Gunnar Hering berufen. Damit öffnete sich das Fach zur Geschichte hin.

Inzwischen findet man die Bezeichnung an mehreren Universitäten des deutschsprachigen Raums. Das Institut für Byzantinistik (später "und Neogräzistik" ) wurde an der Universität Wien 1962 von Herbert Hunger gegründet, der somit die "Wiener Byzantinistik" etablierte.

Das Institut für Byzantinistik und Neogräzistik an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien vertritt beide Fächer in Forschung und Lehre. Hingegen widmet sich das Institut für Byzanzforschung (IBF) an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ausschließlich der byzantinistischen Forschung. (ly/DER STANDARD, Printausgabe, 9. 11. 2011)

 


MARIA A. STASSINOPOULOU, geb. 1961 in Athen, studierte Klassische Philologie, Linguistik und Geschichte. Für das Doktoratsstudium kam die Griechin 1984 nach Wien, wo sie sich auch habilitierte. Seit Oktober 2010 ist sie Leiterin des Instituts für Byzantinistik und Neogräzistik an der Universität Wien.

  • "Es gibt eine begrenzte Wahrnehmung von Griechenland", meint Maria A. 
Stassinopoulou: Auch in der Finanzkrise werde immer wieder das antike 
Griechenland bemüht oder auf das Land als Touristendestination Bezug 
genommen.
    foto: corn

    "Es gibt eine begrenzte Wahrnehmung von Griechenland", meint Maria A. Stassinopoulou: Auch in der Finanzkrise werde immer wieder das antike Griechenland bemüht oder auf das Land als Touristendestination Bezug genommen.

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