Der Vater der maßgeschneiderten Organe

8. November 2011, 17:02
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Harald Ott erweckt in Boston biologische Herz- und Lungengewebe zu neuem Leben

"Forscher erschaffen ein schlagendes Herz im Labor". Mit dieser Schlagzeile im Web-Portal Phys-Org.com wurde Harald Ott 2008 vom Außenseiter zum Frontrunner. Drei Jahre später arbeiten viele Gruppen mit der Methode der sogenannten Dezellularisation.

An der University of Minnesota gelang es dem Tiroler, sämtliche Zellen aus Ratten- und Schweine-herzen auszuwaschen, bis nur das Bindegewebegerüst übrig blieb. Diese extrazelluläre Matrix wurde mit einer Mischung aus lebenden (Stamm-)Zellen geimpft und damit funktionstüchtiges Herzgewebe gezüchtet (veröffentlicht in Nature Medicine).

"Das National Institute of Health (NIH) hat ein eigenes Programm ins Leben gerufen, unzählige Publikationen sind erschienen. Die kritische Masse lässt mich hoffen, dass es eines Tages beim Menschen funktionieren wird", sagt der forschende Chirurg, heute am Massachusetts General Hospital in Boston tätig.

Seit sieben Jahren lebt und arbeitet Ott in den USA. 2011 bekam er einen New Innovator Award des NIH zugesprochen. Die 1,5 Millionen Dollar fließen in seine Forschungsgruppe, die er "wie einen Kleinbetrieb in der Uni" führt. Miete, Gehälter für zehn Mitarbeiter, Geräte etc. finanziert er durch Grants und Verträge. Herz- und Lungenregeneration sind seine Favoriten, wiewohl er insgesamt neun Projekte zu verschiedenen Organen (auch Bauchspeicheldrüse und Niere) betreut: "Mein Lebensziel ist, die Transplantation eines bioartifiziellen - also regenerierten Organs - zu erleben."

Spenderorgane für Transplantationen sind rar, und die lebenslange Medikation, um Abstoßungsreaktionen zu verhindern, ist sehr belastend. In Harald Otts Zukunftsvision ist das nicht mehr nötig: Ein Patient kommt mit Organversagen in die Klinik, eine Blutabnahme oder Gewebebiopsie erfolgt, und dann wird ein Organ "maßgeschneidert" aus den Zellen des Patienten hergestellt. So weit der Plan. Seine ersten Versuche unternahm er mit reifen Vorläuferzellen, die "wissen", welches Organ sie bilden sollen. Derzeit arbeitet er mit unreiferen Stammzellen von Patienten. Diese in die richtige Richtung zu "differenzieren", um Gewebe zu formen und Tumorbildung zu verhindern, ist das Forschungsziel.

Für Medizin entschied er sich ursprünglich, weil es eine naturwissenschaftliche Disziplin ist, "die damit beschäftigt ist, Menschen zu helfen". Der 34-jährige Innsbrucker beendete 2000 sein Studium an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und begann dort seine klinische Ausbildung in Herz-Thorax-Chirurgie.

Die hohe Dichte an Forschungsinstituten, Uni-Kliniken und Biotechfirmen in Boston ermöglicht ihm die rasche Entwicklung, Finanzierung und Durchführung von Projekten. Forschung, Lehre, Chirurgie und Administration sind seine Eckpfeiler. Ott arbeitet täglich im Massachusetts General Hospital, wo er sich um Patienten kümmert und drei bis vier Tage in der Woche operiert. Sein Labor ist im Center for Regenerative Medicine, direkt gegenüber vom Spital. Das Pensum schafft er mit wenig Schlaf, viel Unterstützung seines Teams, seiner Partnerin und der Familie, die ihn mit Neuigkeiten aus der Heimat versorgt. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 9. 11. 2011)

  • Der Tiroler Harald Ott forscht und operiert.
    foto: massgeneral

    Der Tiroler Harald Ott forscht und operiert.

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