Ein Engel geht baden

8. November 2011, 17:37
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45 Jahre nach Beginn der Aufnahmesessions liegt nun erstmals das niemals regulär veröffentlichte Meisterwerk "Smile" der kalifornischen Beach Boys vor

Wien - Der Heilige Gral der Popmusik. Die Mutter aller Konzeptalben, Sgt. Pepper von den Beatles, aber richtig. Das weite Feld der US-Musikgeschichte unter besonderer Berücksichtigung von Surfbrett, Minstrel-Show, Vaudeville, Country, George Gershwin, Rock 'n' Roll, Jazz, Blue Yodel Hawaii, dem Zauberer von Oz und Lebenshilfe aus der Apotheke. Größenwahn, Jammertal, Zusammenbruch - und ein Pferd, auf dem der heldenhafte Reiter tödlich verwundet, aber aufrecht in den Sonnenuntergang des Königreichs Cinemascope reitet. Ein Silver Surfer, dem man chemisch verseuchten Strandsand ins Getriebe gestreut hat.

Seit dem Beginn der Aufnahmesessions für das Beach-Boys-Album SMiLE im Jahr 1966 rankten sich zahllose, schließlich auch im Internet bemühte Mythen um dieses nie vollendete und dessen musikalisches Mastermind Brian Wilson endgültig in den auch von Drogen induzierten Wahnsinn treibende Werk.

Die Arbeiten am frühen Opus magnum der amerikanischen Popkultur mussten 1967 eingestellt werden. Wilson saß kettenrauchend im Bademantel in seinem Wohnzimmer in Los Angeles an einem Klavier, das er sich in einen Sandhaufen stellen ließ. So er während mehrerer Jahre überhaupt das Bett verließ, um zu beweinen, dass ihm die Beatles mit Sgt. Pepper als bestem Album aller Zeiten zuvorgekommen waren.

Die Musiker im Studio mussten sich während der Aufnahmen zu Kompositionen wie The Elements: Fire Feuerwehrhelme aufsetzen, um sich ins Thema einzufühlen. Als in der Nachbarschaft tatsächlich ein Feuer ausbrach, drehte Wilson durch. Kurz, der Meister wollte Großes schaffen. Die Welt war aber dagegen. Von diesem Scheitern sollte sich Wilson bis heute nicht mehr erholen. Medikamente und Therapeuten ermöglichten Wilson zumindest seit den Nullerjahren eine gewisse Regeneration auch als (Live-)Musiker.

Der Heilige Gral des Pop

Teile von SMiLE, etwa die Jahrhundertsongs Heroes And Villains oder Surf's Up, wurden deshalb zum Teil erst Jahre später auf anderen Arbeiten der kalifornischen Band veröffentlicht. Nun liegt endlich ein möglicherweise so von Brian Wilson ursprünglich intendiertes Endergebnis vor.

Diverse, je nach Besessenheitsgrad des kaufwilligen Publikums älterer Herren nun offiziell dokumentierte Formate zwischen ausreichender wie empfehlenswerter Doppel-CD und opulenter Sechs-CD-Box von SMiLE zeugen von einem: Am Übergang der Band von fröhlichen kalifornischen Buben (California Girls, I Get Around, Surfin' USA) zu ernsthaften Künstlern mit ernsthaften Problemen, etwa im Falle Wilsons der Einnahme "bewusstseinserweiternder" Drogen und deren Langzeitschäden, markiert dieses verschollene Doppelalbum einen Bruch.

Dieser konnte nie mehr behoben werden, auch wenn sich die anderen Mitglieder dieser Familienband noch so sehr bemühten.

Ein "verrücktes" Genie aus dem Bilderbuch produzierte damals angesichts der Breitwandproduktionen eines Phil Spector und der Kompositionen der Beatles eine wehmütige, melancholische, himmelhoch im Falsett und brüderlichen Chor jauchzende, zu Tode betrübte und im Hintergrund kräftig mit Cabrios anschiebende Avantgarde-Massenmusik, die bis heute für Amerika und speziell für Kalifornien steht. Speziell die Taschenoper Surf's Up steht trotz ihrer Abmischung in Mono bis heute einzigartig da. Interessant auf der Doppel-CD auch die diversen Demo-Versuche, den Chorgesang bei einzelnen Nummern zu perfektionieren. Die Engel machen Urlaub am Strand. (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe 9. November 2011)

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    Brian Wilson (Vierter von links) und die Beach Boys auf dem Höhepunkt ihres Schaffens 1966.

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