Shakespeare oder nicht Shakespeare

8. November 2011, 17:03
  • Rhys Ifans als der wahre Shakespeare, Edward de Vere.
    foto: sony

    Rhys Ifans als der wahre Shakespeare, Edward de Vere.

Neuerfindung mit Kostümen und Perücken: Roland Emmerichs Königinnen- und Dichterdrama "Anonymus"

Wien - Auf der Bretterbühne des noch ganz neuen Globe Theatre spricht ein Schauspieler einen mitreißenden Monolog mit kaum verhohlenen Zeitbezügen. Die Menge, die schon im Vorfeld angeheizt wurde, ist bald nicht mehr zu halten und drängt hinaus auf die Straße. Die politische Intrige, welche diesen Aufruhr im Sinne eines potenziellen Thronfolgers hätte nutzen wollen, scheitert jedoch blutig. Der Beweis für die Macht der Worte ist dennoch eindrucksvoll erbracht.

Wir befinden uns im London jener Zeit, als sich die Regentschaft von Elisabeth I (1533-1603) ihrem Ende zuneigte und ein künftiger Dichterfürst namens William Shakespeare (1564-1616) Furore machte. Der deutsche Regisseur Roland Emmerich, der in Hollywood vor allem mit Science-Fiction-Spektakeln reüssierte, hat sich mit seinem aktuellen Film also auf ein ganz anderes Terrain begeben. Wobei er das spekulative Moment nicht aufgegeben, sondern eben einmal auf die Vergangenheit angewandt hat:

Anonymus bezieht sich nämlich auf jene Annahme, wonach die Werke des elisabethanischen Dramatikers, Dichters und Schauspielers William Shakespeare nicht von der historischen Person dieses Namens selbst verfasst worden seien. Eine seit rund hundert Jahren umgehende Verschwörungstheorie hält stattdessen einen adeligen Zeitgenossen, Edward de Vere, Earl of Oxford, für den tatsächlichen Autor.

Diese literaturwissenschaftlich grundsätzlich höchst umstrittene These nimmt der Film zum Ausgangspunkt für noch viel weiter reichende Enthüllungen, welche der jungfräulichen Tudor-Königin allerhand Liebschaften und uneheliche Kinder andichten. Joely Richardson spielt die junge Elisabeth, ihre Mutter Vanessa Redgrave verkörpert die alte Monarchin.

Verwirrende Wechsel

Aber die Handlung wird nicht nur durch den wiederholten Wechsel zwischen Lebensabschnitten verkompliziert - es dauert beispielsweise, bis man den verbitterten Edward (Rhys Ifans) mit seinem jüngeren, draufgängerischen, blondgelockten Selbst (Jamie Campbell Bower) in Verbindung gebracht hat. Vor allem geht zwischen all den Personen und Intrigen, zwischen all den Kostümen und Perücken auch ein wenig verloren, wo das Interesse des Films denn nun eigentlich liegt.

Bei Shakespeare (Rafe Spall) und seinen Dramatikerkollegen jedenfalls nicht; die paar Überlegungen zur politischen Sprengkraft ihrer Kunst bleiben schmückendes Beiwerk - so wie "das Volk" in der eingangs erwähnten Szene Kanonenfutter. Vor allem geht es in dem Prestigeprojekt um ein bisschen sexy aufgepeppte, höfische Ränkespiele, schreibt Anonymus (fiktive) Geschichte von oben. Das passt zum Klassendünkel derer, die den Shakespeare'schen Output nur einem Aristokraten zugestehen wollen.

Ein anderer Zeitgenosse des Stratfordianers inspiriert derweil im richtigen Leben ganz andere Anonymi: Guy Fawkes, der am 5. November 1605 einen Anschlag auf das britische Parlament plante, ist (über den Umweg von Alan Moores und David Lloyds V for Vendetta) zur Bannerfigur der Internetanarchisten von Anonymus avanciert. Heutzutage hat die Macht der Bilder die Worte abgelöst. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe 9. November 2011)

Ab Freitag im Kino

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15 Postings
Evidenz

- http://www.shakespeare-oxford.com/
- Kurt Kreiler: Der Mann, der Shakespeare erfand: Edward de Vere, Earl of Oxford.
- Mark Anderson: Shakespeare by Another Name: The Life of Edward de Vere, Earl of Oxford, the Man Who Was Shakespeare.
- Walter Klier: Das Shakespeare-Komplott.
- Walter Klier: Der Fall Shakespeare - Die Autorschaftsdebatte und der 17. Graf von Oxford als der wahre Shakespeare.
- Andrew Field: Die geheimen Aufzeichnungen des Edward de Vere, Grosskämmerer, 17. Earl of Oxford, Poet und Stückeschreiber, genannt William Shakespeare.
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Aus meiner Sicht neigt sich die Waage der Evidenz zusehends in Richtung Edward de Vere.

Geh bitte!

Die Debatte, ob Shakespeare seine Stücke selbst geschrieben habe, ist doch ein alter Hut! Das regt nur mehr die Halbgebildeten auf, die für dämliche Verschwörungstheorien a la Dan Brown und Konsorten anfällig sind- und natürlich für spekulative Filme, deren Intention leicht zu durchschauen ist. Um mit Hamlet zu sprechen: "Ist dies auch Tollheit, hat es doch Methode".

Verschwörungstheorien sind mir in der Regel zuwider. Aber wenn ich feststelle, dass der Mann einen Wortschatz von 29.000 Wörtern gehabt haben müsste, scheint mir rein mathematisch-statistisch gesehen die Theorie, dass daran mehrere geschrieben haben, recht plausibel und ganz und gar nicht obskur.

Es ist völlig egal wer unter welchem Namen die Stücke geschrieben hat, das ändert nichts an ihrer Kraft und Genialität. ich halte die Diskussion für erheblich überflüssig. Wenn ich nach Stratford upon Avon pilgere dann verneige ich mich vor einem Werk nicht vor einer Person.

Wenn ich nach Stratford upon Avon pilgere dann verneige ich mich vor einem Werk nicht vor einer Person.

Wenn das jeder so sehen würde, dann gäbe es weit aus weniger Diskussionen und "kluge Bücher" über Super-Menschen.

Da sieht man, daß es selbst 80 Jahre später noch begeisterungsfähige Mitbürger für Personenkulte gibt.

Naja, Personenkulte und Idole wird es wohl immer geben und das ist ja nicht per se schlecht. Aber es ist ein Unterschied ob man die Taten und das Leben einer bemerkenswerten Persönlichkeit idealisiert oder ob es sich, wie im Falle Shakespeares um jemand handelt der sich, mangels wissen über Leben und Taten, ausschließlich über sein hinterlassenes Werk definiert - ein großer "Vorteil" von Künstlern. Es blieben ja auch die Pieta, der David oder die sixtinische Kapelle großartige Kunstwerke selbst wenn man feststellte dass sie nicht von Michelangelo sind.

interessant ...

... gibt es dazu seriöse Quellen? :-)

Es ist ganz sicher, dass Shakespeare die ihm zugeschriebenen Werke nicht geschrieben hat. Die Lage ist aber sehr kompkliziert, weil der wahre autor auch Shakespeare hiess. Das hat zu zahlreichen Verwechslungen geführt und führt es immer noch

bei der theorie,

shakespeare wäre in wirklichkeit ein pseudonym des earl of oxford gewesen, geht es meines wissens weniger um klassendünkel als um die tatsache, daß ein einfacher händler zu jener zeit schwerlich jenes hintergrundwissen über höfische ereignisse und jene profunde allgemeinbildung haben konnte, die in shakespeares werken zutage tritt.
aber gut, wenn man nur seine adelsverachtung gassi führen will, kann man auf solche schlüsse locker verzichten.

Das wiederum scheint mir unschlüssig denn gerade ein Händler, nehmen wir als Beispiel einen Buchhändler (in der zeit des aufkommenden Buchdrucks) hätte sich dieses Wissen ohne weiteres aneignen können, allein schon aus Schmähschriften und Pamphleten ohne die Länder besuchen zu müssen. England hatte sich unter Elisabeth, respektive Walsingham ein profundes Informationsnetzwerk aufgebaut und die zig protestantischen Flüchtlinge aus ganz Europa werden sicher auch nicht geschwiegen haben wie Gräber oder sich nur in Adelskreisen bewegt haben.

na da kann ich nur ein buch empfehlen

reclam ausgabe von: samuel pepy´s tagebuecher
da bekommt man einen wirklichen authentischen einblick wie es damals in gb war. (die tb waren nie fuer oeffentlichkeit gedacht)

Wie ich durch Gespräche erfahren habe

... scheint es so zu sein, dass die These von DeVeres Urheberschaft hauptsächlich im vorigen Jahrhundert und damit auch heute noch, in Adelskreisen aufkam und verbreitet wurde.

Dahinter steckt die leidsame Einsicht, bzw. die Verleugnung, dass einfache bürgerliche oder Kinder der Arbeiterklasse durchaus in der Lage sind, alle Leistungen der, sich damals selber für auserwählt haltenden Adelsklasse in den Schatten zu stellen.

Egal, wie man zu Shakespeare und dieser These steht, so sind die Beweise für deVeres Urheberschaft ziemlich dürftig, zumal er, als Toter, ja wohl kaum in der Lage war, Shakespeares spätere Werke zu vollenden.

Da kommt Marlowe wohl eher in Betracht, ach nein, der war ja auch nicht adelig.

Also bleibt nur noch deVere :)

aus so bescheidenen Verhältnissen stammt Shakespeare auch nicht

der Papa war immerhin Bürgermeister einer kleinen Stadt und die Mutter aus der alteingesessenen höheren Gesellschaft.

Der Wappler liebt Shakespeare

Shakespeare ist total super!

Und was liebt Nina?

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