Schlaue Stadt vom Reißbrett

8. November 2011, 17:02
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Die chinesische Fünf-Millionen-Stadt Nanchang plant ihre emissionsarme und energieeffiziente Zukunft nach einem Modell von österreichischen Forschern - und soll damit als lebendiges Labor für ähnliche Projekte dienen

Drei Viertel der CO2-Emissionen und des Energieverbrauchs gehen in der Europäischen Union auf das Konto urbaner Regionen. Logisch also, dass die klimarelevante Forschungs- und Technologiepolitik genau dort ansetzt: Europas Städte, heißt es unter anderem im Strategischen Energie- und Technologie-Plan der EU (SET), müssten zu Smart Citys werden, in denen ganze Grätzel mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen.

Kritikern, die den globalen Effekt bewerten, wird dadurch kaum Wind aus den Segeln genommen. Sie argumentieren, dass diese Klimarechnung ohne den Wirt gemacht wird, der noch viele Klimasünder bedient: China - auf die Einwohnerzahl umgelegt zwar nur ein Kohlendioxidemittent aus dem Reich der statistischen Mitte, aber in absoluten Zahlen bereits der größte - hat bis heute nur verschleierte Negativziele formuliert. Um 45 Prozent niedriger sollen die CO2-Emissionen bis 2020 im Vergleich zu 2005 sein - allerdings in Relation zum Bruttoinlandsprodukt. Das bedeutet im Klartext: Steigt das chinesische BIP jährlich um rund neun Prozent, ist nach dieser Definition sogar eine weitere Erhöhung der Emissionen auf das Doppelte von 2005 möglich.

Reduzierter Energieaufwand

Die chinesische Klimapolitik ist aber nicht nur schwer durchschaubar, sondern auch ambivalent. So wurde erst im Oktober auf der Uno-Klimakonferenz in Panama festgehalten, dass China sehr wohl auch Beachtliches in diesem Bereich leistet: Mit einem um 20 Prozent reduzierten Energieaufwand erbringt das Land heute dieselbe Wirtschaftsleistung wie vor fünf Jahren.

Allerdings steht China die größte Welle der Urbanisierung noch bevor: Ab 2015 wird mehr als die Hälfte der Chinesen in Städten leben. Wie dort die CO2-Reduktion trotz wachsender Wirtschaft tatsächlich gelingen soll, bleibt eine offene Frage.

Dass Antworten aus Österreich kommen, mag ein wenig überraschen. Dem Land fällt das Erreichen der Kioto-Ziele bekanntlich selbst recht schwer. Obwohl es dafür gute Rezepte hätte: Die Umsetzung der Smart-City-Idee wird in der EU bisher nur vom österreichischen Infrastrukturministerium explizit in einem nationalen Programm gebündelt - 20 heimische Städte machen schon mit. Und nun auch eine chinesische.

Unmittelbar nach der Expo in Schanghai beauftragte die Fünf-Millionen-Einwohner-Stadt Nanchang im Südosten Chinas das Austrian Institute of Technology (AIT) mit der Erstellung eines "Low Carbon City Action Plan", der genau auf diesem Smart-City-Konzept beruht. Erreicht wird damit im besten Fall mehr als die definierten Umweltziele: Österreich könnte als Brücke zwischen der EU und China fungieren, falls sich das Konzept zur CO2-Reduktion in einer chinesischen Metropole bewährt. "Wir haben das Dokument so formuliert, dass es nicht in einer Schublade landet. Es gibt darin konkrete Handlungs- und Zielvorgaben, die vom AIT wissenschaftlich bewertet wurden", erklärt Brigitte Bach, Leiterin des AIT-Energy-Departments.

Smart-City-Expertise

Zudem greift das chinesische Wissenschaftsministerium schon seit 2009 auf AIT-Expertisen zur Gestaltung seiner Innovationspolitik zurück. Daran sollen in Zukunft abwechselnd in Wien und Peking stattfindende Konferenzen zur Entwicklung weiterer politischer Strategien geknüpft werden.

Das AIT sieht die chinesische Stadt aber auch als "lebendiges Labor". "Nanchang ist eine wertvolle Möglichkeit, unsere eigene Methoden überprüfen zu können", bestätigt Bach. Oder anders ausgedrückt: Ist es gelungen, heimische Smart-City-Konzepte in einer fernen Millionenstadt zu etablieren, dürfte es wohl ebenso gut in Amstetten oder Wörgl funktionieren.

Dass es in China grundsätzlich einfacher sei, nachhaltige Städte quasi auf der "grünen Wiese" zu planen, kann Bach aber nicht bestätigen: "Planungsprozesse passieren dort extrem schnell. Dieser Zeitdruck reduziert den kreativen Spielraum."

Auch deshalb werde die erste Smart City eher eine europäische als eine chinesische sein, hofft Bach und begründet dies so: "Wir haben in diesem Bereich einen Wissensvorsprung - den wollen wir durch die Kooperation mit China ausbauen." Demnach sei dieser Technologietransfer auch keineswegs als "Ausverkauf" von europäischem Know-how zu verstehen: "Der Nutzen überwiegt", betont Bach.

So wird bereits in den nächsten Tagen eine Kooperation zwischen dem AIT und der Universität Nanchang entstehen - weitere gemeinsame Projekte mit der TU Wien sollen folgen. "Natürlich sind wir nicht in jede Phase der Planung eingebunden", betont Bach, "aber es muss ja auch das Ziel sein, dass Nanchang solche Konzepte in Zukunft allein umsetzen kann." (Sascha Aumüller/DER STANDARD, Printausgabe, 9. 11. 2011)


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AIT

  • Der Schein des Pojang-Sees vor Nanchang trügt: Auch in China können 
nachhaltige Städte nicht auf der "grünen Wiese" geplant werden.
    foto: nanchang drc

    Der Schein des Pojang-Sees vor Nanchang trügt: Auch in China können nachhaltige Städte nicht auf der "grünen Wiese" geplant werden.

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