Junges Blut lässt Mäusegehirne langsamer altern

8. November 2011, 17:02
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Salzburger Stammzellforscher fanden Substanz, die Gedächtnisleistung beeinflusst

Das Alter mag die Phase der Weisheit und Gelassenheit sein. Aber: Würde die Lebenserfahrung nicht noch mehr Freude machen, wenn der Intellekt seine Spannkraft behielte und das Gedächtnis wie einst funktionieren würde?

Ab dem 65. Lebensjahr steigt die Wahrscheinlichkeit für neurodegenerative Krankheiten wie etwa Alzheimer sprunghaft an. "Würden wir alle 120 Jahre alt werden, dann hätte vermutlich fast jeder Alzheimer", sagt Ludwig Aigner von der Salzburger Paracelsus-Privatuniversität. Der Stammzellforscher hat kürzlich eine Entdeckung gemacht, die die Altersforschung revolutionieren dürfte: Er fand eine Substanz, mit deren Hilfe man das Rad der Zeit zurückdrehen kann - zumindest bei Mäusen. "Wir begannen unsere Versuche mit der Hypothese, dass es im Blut Substanzen gibt, die für die Alterung des Gehirns verantwortlich sind", sagt Aigner im Gespräch mit dem Standard.

Hintergrund dieser Idee waren Befunde aus einem ganz anderen Fachgebiet, der Muskelforschung. Seit einigen Jahren weiß man nämlich, dass Muskeln wegen der Inhaltsstoffe des Blutes an jugendlichem Tonus verlieren. Und das Gleiche gilt offenbar für das Gehirn. Wie Aigner mit Kollegen aus den USA herausgefunden hat, ist ein Signalstoff namens Eotaxin verantwortlich dafür: Er sorgt bei alten Mäusen für Entzündungsprozesse im Gehirn, schränkt die Bildung neuer Nervenzellen ein und beeinträchtigt das Gedächtnis. Zu diesem Ergebnis gelangten die Forscher mit einer Methode namens "Parabiose". Sie mutet zwar ein wenig frankensteinesk an, führt jedoch zu spektakulären Resultaten. Das Prinzip: Man nehme zwei genetisch idente Mäuse und mache sie operativ zu siamesischen Zwillingen.

"Meine Kollegen von der Stanford University haben den Blutkreislauf einer alten Maus an jenen einer jungen Maus angeschlossen. Das Ergebnis: Das junge Blut verjüngte das Gehirn der alten Maus. Und das alte Blut ließ das Gehirn der jungen Maus altern." Dass sich die Gedächtnisleistung der Mäuse durch den Eingriff tatsächlich änderte, konnten die Forscher unter anderem an Verhaltenstests zeigen. Die Mäuse arrangieren sich nämlich relativ schnell mit ihrem Schicksal als siamesische Neozwillinge, sie lernen, gemeinsam zu laufen und verhalten sich auch sonst erstaunlich natürlich. "Die Mäuse sind zwar überrascht, wenn sie nach der Narkose mit einem Partner an ihrer Seite aufwachen", so Aigner. "Aber sie lernen einander recht schnell lieben. Das mag auch daran liegen, dass sie ein gemeinsames Hormonsystem besitzen."

Besonders überrascht hat die Forscher, dass das im Blut enthaltene Eotaxin die Ursache der Alterung des Gehirns ist. Denn bisher kannte man die Substanz nur aus der Immun- und Allergieforschung. Sie ist etwa an Autoimmunreaktionen bei Asthma beteiligt. Dass sie etwas mit dem Gehirn zu tun haben könnte, war bislang völlig unbekannt. Der fachliche Brückenschlag zur Immunologie ist im Übrigen nicht der erste seiner Art.

Entzündung als Ursache

Wie Forschungen der vergangenen Jahre gezeigt haben, sind Entzündungen an allen möglichen Krankheiten - von der Osteoporose bis Krebs - beteiligt. Und, wie man jetzt weiß, offenbar auch an der altersbedingten Abnahme der Gehirnleistung. "Entzündungen gleichen einem Januskopf", sagt Aigner. "Einerseits sind sie vor allem bei regenerativen Vorgängen lebenswichtig. Aber sie können, sofern sie aus dem Gleichgewicht geraten, auch krank machen."

Der Fund weckt Hoffnungen, dass man die aus der Balance geratenen Entzündungen im Gehirn stoppen - und dadurch die Alterung aufhalten könnte. Aigner: "Die pharmazeutischen Forschungen der vergangenen Jahrzehnte zeigen, dass man mit Hemmstoffen viel schneller ans Ziel kommt als mit aktivierenden Substanzen. Zufällig ist gerade ein Hemmstoff für Eotaxin in klinischer Erprobung." Die klinischen Studien zielen zwar momentan auf eine Verwendung als Asthmamittel ab. Sofern der Wirkstoff zugelassen wird, müsste man eben dessen Anwendungsspektrum erweitern.

Was in der Geschichte der Pharmakologie kein Einzelfall wäre: Sildenafil, der Wirkstoff von Viagra, wurde etwa ursprünglich als Blutdruckmittel entwickelt. Könnte der Eotaxin-Hemmer quasi das Viagra des Gehirns werden? "Man sollte sich die Ziele nicht zu hoch stecken", sagt Aigner. "Realistisch betrachtet wird daraus nicht die Anti-Aging-Pille werden. Aber es wäre zumindest denkbar, dass wir damit Alzheimer im Frühstadium aufhalten können." (Robert Czepel/DER STANDARD, Printausgabe, 9. 11. 2011)

  • Die Bildung neuer Nervenzellen (in Grün) beeinflusst die Gedächtnisleistung.
    foto: pmu

    Die Bildung neuer Nervenzellen (in Grün) beeinflusst die Gedächtnisleistung.

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