Music Unlimited mit Brötzmann-Intensität

8. November 2011, 17:00
9 Postings

Peter Brötzmann choreografierte im Jahr seines 70. Geburtstag das 25. Music-Unlimited-Festival

Wels - Sollten Tinnitus-Diagnosen in Wels und Resteuropa zunehmen, könnte man dafür eine konkrete Ursache benennen: Peter Brötzmann. Der kultig verehrte Wuppertaler Saxofonist choreografierte im Jahr seines 70. Geburtstag das 25. Music-Unlimited-Festival so, wie dies niemand anderer tun dürfte: als Brötzmann-Totale mit Ausstellung, Filmen und einem Musikprogramm der frei improvisierten Katharsis, das sich um Kontraste nicht viel kümmert. Auch bewies der Jubilar mit zehn (!) Konzerteinsätzen seine tolle Fitness.

Dass man sich diesem Brötzmann-Overkill im (seit Wochen ausverkauften) Alten Schlachthof gerne aussetzt, regt zum Grübeln an: Was macht das Phänomen eines Musikers aus, der im Prinzip seit 45 Jahren dieselbe Musik spielt? Ist es gerade die kompromisslose Sturheit, mit der Brötzmann an freier Improvisation festhält? Oder hat es zuallererst mit der Betonung des archaischen Intensitätsmoments zu tun, das seltene Erlebnisse emotionaler Unmittelbarkeit beschert?

Nach Wels lockten jedenfalls auch konkrete Acts: Da war Keiji Haino, Brötzmanns Seelenbruder der Selbstentäußerung, der in einer unglaublichen Soloperformance entrückte Kopfstimmengesänge und abgrundtiefes Todesgegrummel hören ließ, zudem immer wieder Klänge einer geschundenen Kreatur hervorwürgte. Da war das wiedervereinigte Chicagoer DKV-Trio um Ken Vandermark, das in seiner nuancenreichen Groovyness einen beinahe kammermusikalischen Gegenentwurf zum europäischen Dampfhammer-Jazz bedeutete.

Auch Brötzmann selbst war für denkwürdige Momente gut: etwa in der Begegnung mit Bill Laswell, dem Partner aus alten Last-Exit-Tagen, der Brötzmann (mit dem Marokkaner Maâllem M. Gania und Hamid Drake) tatsächlich phasenweise den Groove beibrachte! Auch gefiel er im famosen Chicago Tentet, das im Rahmen des "Fukushima Project" in kontrastreiche Spontandialoge mit japanischen SolistInnen eintrat, die im Falle von Koto-Spielerin Michiyo Yagi vom Dezibel-Inferno bis zum filigranen Stecknadelklang reichten. Kein Zweifel: Einen Peter Brötzmann braucht die Welt. (felb, DER STANDARD/Printausgabe 9. November 2011)

Share if you care.