Votaintelegente-Gründer: Internettechnologie bringe nicht nur Bürgern mehr Transparenz, sie verhelfe auch Politikern zu mehr Ehrlichkeit
Was mit der Transparenzdatenbank meineabgeordneten.at in Österreich gerade beginnt, hat der Chilene Felipe Heusser für sein Land vor zwei Jahren ins Rollen gebracht: Politikern wird mithilfe des Internets auf die Finger geschaut. 2009 gründete der Rechtsanwalt und ehemalige Beamte Ciudadano Inteligente (Smarte Bürger). Seither gibt es auf votainteligente.cl, der Webplattform der Organisation zwölf Applikationen, die Bürgern besseren Einblick in das Treiben der Regierung und der Politiker vermitteln.
Demokratisierungseffekt
"Moderne Kommunikationstechnologien können einen großen Demokratisierungseffekt bewirken", sagt Heusser im STANDARD-Gespräch. Er hielt sich in Wien zum Globalizer Summit von Ashoka auf, einem Verein zur Förderung von Sozialunternehmertum, auf dem sich 15 Social Entrepreneurs mit Wirtschaftsmanagern austauschten.
Wenig Vertrauen in Politik
Korruption und politische Mauschelei in Lateinamerika hätten in der Vergangenheit dazu geführt, dass die Bürger öffentlichen Informationen ohnehin kein Vertrauen geschenkt und das Interesse an der politischen Teilhabe verloren hätten. Das Angebot von unabhängigen Web-Plattformen wie Votainteligente, die das verfügbare Material etwa über Abstimmverhalten von Abgeordneten oder deren wirtschaftliche Verflechtungen zusammentragen und verknüpfen, wecke die Menschen aus ihrer politischen Apathie.
Transparenz-Index
Auch auf Politikerseite hinterlassen die Aktionen von Ciudadano Inteligente ihre Spuren: Für die Präsidentenwahl 2009 entwickelten die smarten Bürger einen Transparenz-Index für jeden Kandidaten. Kriterium dabei war auch, wie viel Informationen jeder Politiker freiwillig von sich preisgab. "Während beim ersten Ranking gerade einer von vier Kandidaten über die 50-Prozent-Marke kam, erreichten am Ende der Kampagne bis auf einen alle 60 Prozent", berichtet Heusser.
Anonymisierte Anfragen
Eine andere Applikation nennt sich Accesointeligente. Damit können Bürger von der Plattform aus anonymisiert direkte Anfragen an alle Ministerien abschicken (z. B. über Tränengaslieferanten der Polizei oder Kosten von Obamas Staatsbesuch) und mit Schlagworten nach bereits beantworteten Fragen suchen.
Auch wenn Internettechnolgie ein Demokratisierungstool sei, sei das Internet an sich in den meisten Entwicklungsländern noch nicht demokratisch, d. h. für jeden einfach verfügbar, wendet Heusser ein. Aus diesem Grund vernetzt sich votainteligente.cl mit Medien wie Zeitung, Rundfunk und Fernsehen, "damit auch jene, die offline sind, wissen, was in ihrem Land gespielt wird". (Karin Tzschentke/DER STANDARD Printausgabe, 8. November 2011)