Teurere Risikoleben- und Kfz-Polizzen für Frauen

8. November 2011, 10:45
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Nach Fall des Kriteriums Geschlecht müssen Versicherer alternative Merkmale finden - Für Männer werden deshalb Renten- und Krankenpolizzen teurer werden, so Expertin

Wien - Mit dem Verbot der Geschlechter-Differenzierung bei Versicherungsverträgen ab Dezember 2012 infolge des EuGH-Urteils vom Frühjahr werden Risikoleben- und Kfz-Polizzen tendenziell für Frauen teurer und für Männer billiger, bei Renten- und Krankenpolizzen ist es umgekehrt. Darauf verwies am Montagabend die bei der Zürcher Anwaltskanzlei gbf tätige deutsche Juristin Ulrike Mönnich in einem Vortrag an der Uni Wien. VerbraucherInnen sollten sich aber nicht vorschnell pro oder contra entscheiden, da jeder Vertrag von einer Vielzahl von Faktoren abhänge. Die Assekuranz wiederum sollte mehr Fantasie walten lassen und alternative Merkmale finden, die die bisherigen Anknüpfungen an das Geschlecht ersetzen können. Dies sei auch wichtig, um eine Flucht von VersicherungskundInnen zu vermeiden.

In der Rentenversicherung, wo Männer für die Assekuranz "die guten Risiken" seien, "weil sie zirka fünf Jahre früher sterben" als Frauen, bestehe durch die künftigen einheitlichen Tarife nämlich die konkrete Gefahr einer "Anti-Selektion". Denn wenn VersicherungsnehmerInnen fürchten, eine solche Polizze rentiere sich für sie nicht mehr, könnten sie in andere Veranlagungen wie Sparpläne oder Immobilien ausweichen. Ein Abwandern solcher KundInnen könne die Assekuranz durch eine "Impaired Life Policy" verhindern, wie sie in Großbritannien üblich sei: Dort bieten Versicherer ihren KundInnen eine etwas höhere Rente, wenn diese bestimmte neu aufgetauchte Risiken nennen, die auf eine Verkürzung der Lebenserwartung schließen lassen.

Statt Geschlecht Ernährung oder Beruf als Kriterien

Einen Weg in Richtung neue Kriterien habe bereits EuGH-Generalanwältin Juliane Kokott in ihrem Schlussantrag vom vorigen Herbst zum Urteil des europäischen Gerichts von Frühjahr 2011 gewiesen. Kokott habe etwa auf Beruf, familiäres und soziales Umfeld, Ernährungsgewohnheiten, Freizeitverhalten oder Drogenkonsum als alternative Merkmale zur Tarifierung verwiesen - aber teilweise seien solche Kriterien ungeeignet, meinte Mönnich auf Einladung der Österreichischen Gesellschaft für Versicherungsfachwissen. Sportliche Betätigung etwa sei faktisch nicht kontrollierbar, und manche Sportarten würden das Risiko ja sogar erhöhen und nicht senken.

Der Bedarf an alternativen Merkmalen für die künftige Tarifierung zeige aber auch rasch die Grenzen des Möglichen auf, so die Juristin: Denn Fragen nach der Dauer des täglichen Aufenthalts im Badezimmer oder der Anzahl der Schuhe würden in Zukunft bei der Prämiengestaltung im Neugeschäft wohl ebenso unzulässig sein wie Angebote einer Gruppenversicherung für JägerInnen, da vermutlich das eine auf Frauen und das andere auf Männer hingetrimmt sei. Die Anwendung eines Body-Mass-Index, der für Frauen und Männer unterschiedlich ist, hält die Versicherungsexpertin aber weiterhin für vertretbar.

Kfz-Bereich am unkompliziertesten

Am einfachsten seien Unisex-Tarife in der Kfz-Sparte zu realisieren, da hier die Kilometer-Fahrleistung das wichtigste Kriterium sei. Und dass Frauen ein geringeres Fahrrisiko aufweisen sei möglicherweise wirklich darauf zurückzuführen, dass sie seltener und kürzer unterwegs seien als männliche Autofahrer. In der Privatkrankenversicherung und der Lebensversicherung sollte die Assekuranz die Gesundheits-Fragen und Untersuchungen intensivieren, rät die Expertin. Umgekehrt warnt sie VersicherungsnehmerInnen davor, ihre Polizze - etwa in der Hoffnung es könnte dadurch billiger werden - unüberlegt zu kündigen und eine neue abzuschließen. In der Lebens- oder der Krankenversicherung etwa zahle sich das überhaupt nicht aus, da hier bei höherem Abschlussalter ja teurere Prämien greifen würden.

"Mitteilung" im Dezember

Klarstellungen zum Unisex-Thema erhofft sich die Expertin durch eine noch für heuer im Dezember erwartete "Mitteilung" der EU-Kommission - ein Jahr vor Inkrafttreten der Neuregelung. Darin werde Brüssel hoffentlich auch Antworten darauf geben, wo in Zukunft der Kontrahierungs-Zwang für Versicherer beginne und wo er ende bzw. welche Effekte die neuen Tarife auf die Versicherungsbestände haben würden. Zwar seien solche Mitteilungen der Kommission rechtlich nicht bindend, faktisch halte man sich aber daran, so Mönnich. (APA)

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