Ein Denkmal für den Trunkenbold

8. November 2011, 16:50
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Am 9. November jährt sich der Todestag des Dichters Dylan Thomas. Zeit, auf seinen Spuren durch den Südwesten von Wales zu wandern

Gefallener Engel, Lyriker des Jahrhunderts, genialer Trunkenbold, Schürzenjäger - es gibt wohl kein Etikett, das Dylan Thomas nicht angehängt worden ist. Bis heute, 97 Jahre nach seiner Geburt in Swansea, im Südwesten von Wales. Hier, in der Arbeiter- und Hafenmetropole, begegnet man überall dem berühmtesten Sohn. Dylan Thomas und Swansea sind wie Shakespeare und Stratford, Unter dem Milchwald und Hamlet. In der neuen Hafencity haben die Stadtväter extra ein Denkmal für Dylan errichten lassen. Das gebe "eine gewisse Aufmerksamkeit, denn sein Name ist wie ein Logo, eine Marke und gibt uns eine Identität", sagt Peter Stead, Literaturprofessor an der Universität Wales.

In Bronze gegossen sitzt Dylan auf der Kante eines Stuhls. So, als ob er gerade aufspringen wolle, um den Besuchern persönlich das Dylan-Thomas-Theatre hinter seinem Rücken zu zeigen. Allerdings rief der bronzene Poet bei den örtlichen Literaturfans nicht nur Zustimmung hervor. Das jugendliche Gesicht habe überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem Schriftsteller, so die Kritiker. Am Ende seines kurzen Lebens war der Vollblutdichter und -trinker aufgedunsen, dicklich und hatte helle, rot unterlaufene Augen. Dylan konsumierte Unmengen an Bier, Whiskey und billigen Zigaretten.

Swansea war seine Heimatstadt, und er hat die zweitgrößte walisische Metropole nach Cardiff immer wieder beschrieben. Dylans poetische Energie speiste sich aus der Hassliebe zu ihren Bewohnern und ihrer Lebensweise: "this ugly, beautiful town", die sich an einer langen herrlich geschwungenen Küste ausbreitet, "wo Schulschwänzer, Strandläufer und alte Männer nach Standgut suchten, umhertrödelten und den Schiffen nachsahen".

Swansea ist mit seinen 200.000 Einwohnern bis heute eine Arbei-terstadt geblieben, die sich vom Schutt und vom schleichenden Gift ihres industriellen Erbes zu befreien versucht: Im 19. Jahrhundert gehörte die Gegend um Swansea zum größten Kupferverarbeitungszentrum der Welt. Hier, wo angeblich der Stein von König Artus steht, aus dem er das Schwert Excalibur herauszog, an den halbmondförmigen, sandigen Buchten und den grünen Heiden, anmutig gelegen zwischen Meer und sieben Hügeln, vergisst man fast, dass die Stadt Mittelpunkt eines industriellen Ballungsgebietes ist. Von den Deutschen während des Zweiten Weltkriegs fast völlig zerstört, beherrschen heute einstöckige Häuser das Bild, kleine Handwerksbetriebe, ein paar wunderschön renovierte klassizistische Villen und trostlose Backstein-Arbeitersiedlungen.

Frauenheld als Exportgut

Lange Zeit sei Dylan in Swansea überhaupt nicht gewürdigt worden, erzählt Jeff Towns. Der Buchhändler und Ehrenbotschafter des mit 30.000 Britischen Pfund dotierten Dylan-Thomas-Prize 2011 ist eine Institution in Sachen Thomas: "Erst in den 1990er-Jahren hat man ihm Beachtung geschenkt. In Wales gab es so eine Art puritanische Gegenbewegung. Den Leuten gefiel die Vorstellung nicht, dass ihr wertvollstes kul-turelles Exportgut als Trunkenbold und Frauenheld bekannt war, als Bohemien und leichtlebiger Mensch. Aber mit der Zeit wurde einigen Leuten in der Tourismusbranche und im Gemeinderat klar, dass mit diesem Mann ein Geschäft zu machen war". Bereits zum vierten Mal wird der Dylan-Thomas-Literatur-Preis vergeben. Schriftsteller aus allen Erdteilen haben sich beworben. Schirmherrin ist unter anderem die in Swansea geborene Schauspielerin Catherine Zeta-Jones, die selbst zu den begeisterten Dylan-Thomas-Lesern gehört und in den USA für den Preis geworben hat.

Anziehungspunkt für kulturbelesene Touristen will Swansea werden. Mithilfe der Europäischen Union haben die Stadtoberen dafür zahlreiche Kulturprojekte auf den Weg gebracht: Ein Hafenquartier mit eleganten Häusern und Eigentumswohnungen ist entstanden, neue Brücken und Busverbindungen wurden angelegt, der Straßenbau voran- getrieben. Rund um die zentrale St. Marys Church wimmelt es nur von so von Kneipen, Restaurants und den überall gleichen Geschäften.

Hier, gegenüber der Hauptkirche, blitzen die gekreuzten, goldenen Schlüssel des Cross Keys Pub auf. Dylan war Stammgast. Er liebte es, mit den einfachen Leuten im Pub zu sitzen und zu schwatzen - und das Gehörte in Poesie zu verwandeln. Dylans Texte handeln von skurrilen Menschen bei der Arbeit oder in der Kneipe, sind voll obszöner Anspielungen, zart beobachteter Liebesszenen und der rauschhaft empfundenen Natur. Under Milk Wood - Unter dem Milchwald gehört bis heute zu seinen bekanntesten Werken. Und er war Anfang der 1950er-Jahre so etwas wie ein Multimedia-Star. Dylan arbeitete für den Film und den Hörfunk, seine Lesungen und Performances vor allem in den USA waren künstlerische Ereignisse. Auch deshalb wurde 1995 das Dylan-Thomas-Centre vom ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter eröffnet, der sogar ein eigenes Gedicht über Dylan geschrieben hat (des Walisers schwermütige Kunst). Seitdem bietet das Haus eine hervorragende Dauerausstellung mit Erstausgaben, Fotos und Erinnerungsstücken - kein multimedialer Überwältigungsschnickschnack. Hier beginn auch der "Dylan-Thomas-Trial", eine Art literarisch-biografischer Stadtrundgang. Vorbei an den Pubs, in denen er verkehrte, bis hin zum Hafengebiet, den Docks, wo eine Statue von Kapitän Cat und seiner Schiffsglocke steht, dem Seebären aus Unter dem Milchwald.

Vom Hafen geht es schließlich einen steilen Berg hinauf. Uplands heißt das Viertel, die zungenbrecherische Straße Cwmdonkin Drive. Kleine Häuser, winzige Vorgärten, typisch für die britische Mittelklasse. Hier wurde Dylan Thomas 1914 geboren. Nummer 5, Dylans Elternhaus: ein unauffälliges Reihenhaus. Würde nicht ein kleines Schild darauf aufmerksam machen, ginge man daran glatt vorbei, so bescheiden wirkt das 2008 wieder eröffnete Gästehaus von außen. Anne Haden und ihr Mann Geoff haben das historische Gebäude gepachtet und umfangreich restauriert. Alles wurde im viktorianischen Stil möbliert, ganz so, wie die Thomas-Familie 1914 gewohnt hat. Das Geburtshaus mit seinen vier Zimmern bietet Platz für sieben Personen und kann für Tage oder -Wochen gemietet werden. Darunter auch Dylans Kinderzimmer, wo der Elfjährige bereits seine ersten Gedichte schrieb. An der Wand steht in geschwungener Schrift ein Zitat des Dichters: "Ich drehte die Gaslampe ab und ging ins Bett. Ich sagte ein paar Worte zu der nahen und heiligen Dunkelheit, und dann schlief ich ein."

Wie zu Dylans Lebzeiten müssen die Gäste stilecht auf Errungenschaften unserer Moderne verzichten. Statt Mikrowelle, WLAN, Telefon und Fernseher gibt es ein Grammofon, eine Bibliothek und vom ehemaligen Elternschlafzimmer aus einen herrlichen Panoramablick auf die Swansea Bay. Gegenüber liegt der Cwmdonkin Park, in den Dylan täglich zum Spielen ging.

Das Meer war für Dylan Ort der Inspiration. Eine gute Autostunde von Swansea entfernt liegt das kleine Städtchen Laugharne (ausgesprochen "Laan"). Hier, in der Region Carmarthenshire, liegt über der Landschaft ein eigentümlicher Zauber. Seevögel und Kormorane sind auf Fischfang - hier an den Flüssen Taf, Towy und Gwendraeth, die sich zu einer großen Mündung in der Carmarthen-Bucht vereinigen.

In seinem kurzen Leben hatte der walisische Nationaldichter zuletzt in Laugharne gelebt, dieser "verzaubernden Insel-Stadt" am Meer. 1934 besuchte der junge Schriftsteller erstmals die idyllische Farmlandschaft am Meer. 1949 zog er mit seiner Familie endgültig nach Laugharne. Hier entstanden Unter dem Milchwald, Fern Hill und Gedicht im Oktober, die zu Dylans berühmtestes Werken gehören.

Durch das beschauliche Dörflein führt eine Hauptstraße, kopfsteingepflastert. Dicht an dicht stehen einstöckige, bunt bemalte Häuser. In der Dorfmitte erhebt sich eine Burgruine. Im Sommer werden hier Ritterspiele aufgeführt.

Nicht weit entfernt an der Hauptstraße liegt "Browns Hotel". Dylans Stammlokal gibt es noch immer. Allerdings ist es schon seit einigen Jahren geschlossen. 2012 soll es nach einer aufwändigen Renovierung wieder seine Türen und 15 Zimmer für Gäste aus aller Welt öffnen.

Nicht weit vom Brown's entfernt beginnt Dylan's Walk. Gleich am Anfang des Spazierweges steht das "Seaview". Erst seit kurzem erstrahlt das ehemalige Haus der Familie Thomas wieder in neuem Glanz. "Restaurant with rooms" steht auf dem Willkommensschild. Britisches Understatement. Die vier hübschen, im viktorianischen Plüsch eingerichteten Zimmer sind keineswegs nur für jene gedacht, die nach einem köstlichen Dinner im exzellenten Fünf-Sterne-Restaurant der walisischen Trinkfestigkeit Tribut zahlen müssen und zum Übernachten bleiben.

Am Ende von Dylan's Walk wartet der Höhepunkt eines jeden Laugharne Besuchs: das Boathouse, in dem die Thomas-Familie bis zu Dylans Tod gelebt hat und das heute als Museum dient. Ein paar Schritte davor liegt Dylans Schreibklause. Die Autogarage hat einen frischen Außenanstrich bekommen: Das leuchtend helle Türkis wirkt exotisch angesichts des grauen Wattenschlicks. An der Vorderseite hat man eine Art Guckfenstertür eingebaut, die den Blick auf das Innere freigibt. Überall liegen Papierlisten herum. Dylan liebte Listen. Er hatte unzählige Reihen von sich reimenden Wörtern zusammengestellt, und von den Ereignissen, die in seinen Gedichten vorkommen sollten.

Die Dichterwerkstatt will authentisch wirken: der eiserne Kohleofen, ein Holztisch, daneben Dylans Bücherbord. An der Wand hängen Fotos von Walt Withman, D. H. Law-rence und Thomas Hardy - Dylans Vorbilder. Zwei Bierflaschen stehen auf dem Schreibtisch, am Stuhl hängen Sakko und Schlips, so als sei Dylan nur kurz ein Pint im Brown's trinken gegangen. (Michael Marek/DER STANDARD/Printausgabe/05.11.2011)

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