Hinrichtung von Henry Skinner erneut aufgeschoben

8. November 2011, 18:22
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Zwei Tage vor der Hinrichtung von Henry Skinner entschied ein Gericht in Texas, die Anträge auf weitere DNA-Untersuchungen des Falles doch zu prüfen

Es würde nur 550 Dollar kosten, die eventuellen Mordwaffen per DNA-Test untersuchen zu lassen. Falls sich bewahrheitet, was Henry Skinner sagt, würden umgerechnet 400 Euro die Unschuld des Hinrichtungskandidaten beweisen. Seit Montag lebt für Skinner wieder die Hoffnung, dass es doch noch dazu kommt - obwohl die texanische Justiz Skinners Anträge auf weitere Untersuchungen bisher mit einer Hartnäckigkeit ablehnte, die am Fairplay der zuständigen Richter zweifeln lässt.

Heute, Mittwoch, hätte der 49-Jährige mittels Giftspritze hingerichtet werden sollen. Zwei Tage zuvor entschied ein Berufungsgericht doch noch, den Antrag auf die Zulassung von der DNA-Proben zu prüfen. 2010 war er bereits in die Hinrichtungszelle geführt worden, ehe das Supreme Court einen Aufschub verfügte.

Der Arbeiter aus Pampa war 1995 des dreifachen Mordes für schuldig befunden worden. Er soll seine Lebensgefährtin Twila Busby gewürgt und mit einer Axt erschlagen haben. Twilas Söhne Elwin und Randy starben an Messerstichen, und auch hier fiel der Verdacht sofort auf Skinner, an dessen Jeans sehr viel Blut klebte.

Unfähig zu morden

Dass er zur Tatzeit am Tatort war, hatte er nie bestritten. Allerdings, sagt er, habe ihn reichlicher Genuss von Alkohol und Medikamenten so benebelt, dass er zu den Morden gar nicht fähig gewesen wäre. Er habe auf einem Sofa seinen Rausch ausgeschlafen.

In dem von Skinner und Busby bewohnten Bungalow hatten Forensiker unmittelbar nach der Tat Skinners blutigen Fingerabdrücke entdeckt. Zwei Messer wurden dagegen nie genauer unter die Lupe genommen. Gleiches gilt für ein blutverschmiertes Handtuch und eine Jacke, die neben Busbys Leiche lag. Viermal in zehn Jahren hat Skinner weitere Untersuchungen verlangt. Viermal ließen texanische Richter ihn abblitzen, zuletzt vergangenen Donnerstag.

Wegen der Fülle belastender Beweise wäre er auch damals schuldig gesprochen worden, selbst wenn die Proben ihn entlastet hätten, lautet die Standardbegründung. Zusätzliche Tests ergäben nur Sinn, wenn sie alles kippten. Skinner müsste also im Grunde seine Unschuld nachweisen, bevor Messer, Handtuch und Jacke ins Labor kommen.

Groteske, verbogene Logik

Nicht nur William Sessions, ein früherer FBI-Chef, spricht von grotesk verbogener Logik. Auch Mark White, in den Achtzigern Gouverneur von Texas, rief dazu auf, den Fall neu aufzurollen. "Beweise zu prüfen ist gesunder Menschenverstand", mahnen die beiden in einem offenen Brief.

Rick Perry, texanischer Gouverneur, seit Vorgänger George W. Bush ins Weiße Haus einzog, scheint solche Bedenken nicht zu teilen. Er könnte Skinner begnadigen. Da der Favorit der Tea-Party-Bewegung US-Präsident werden möchte, steht er mit seiner Haltung zur Todesstrafe auf einmal im Rampenlicht. Seit seinem Amtsantritt ließ Texas 234 Menschen exekutieren - mehr als unter Bush. Auf die Frage eines Moderators, ob ihn nicht manchmal der Gedanke quäle, es könnte Unschuldige treffen, sagte Perry: "Nein, Sir, damit hatte ich nie zu kämpfen."

Dabei gab es in den USA eine ganze Reihe Verfahren, bei denen Verurteilte jahrelang im Todestrakt saßen, ehe DNA-Prüfungen nachträglich Justizirrtümer aufdeckten. Allein seit dem Jahr 2000 kamen so 211 Häftlinge frei. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, Printausgabe, 9.11.2011)

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