Jeder fünfte Wiener hat an einem Joint gezogen

7. November 2011, 19:05
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Der neue Drogenbericht zeigt eine Zunahme, die Innenministerin will Haarwurzeltests einführen

Wien - Dass ganz Wien den Wein storniert und sich nur noch einraucht, wie Wolfgang Ambros einst musikalisch überzeugt war, scheint langsam Realität zu werden. Zumindest der Teil mit dem Cannabiskonsum. Denn die Zahl jener Bundeshauptstädter und Bundeshauptstädterinnen, die zumindest einmal in ihrem Leben schon einen Joint geraucht haben, hat sich seit 1993 mehr als vervierfacht - auf 21 Prozent, zeigt der aktuelle Drogenbericht des Gesundheitsministeriums.

Bei jungen Erwachsenen liegt diese so genannte Lebenszeitprävalenz mittlerweile österreichweit bei 30 bis 40 Prozent, hat das Ressort von Alois Stöger (SPÖ) errechnet. Allerdings: Die Daten zeigen, "dass der Konsum illegaler Drogen (im Gegensatz zu Alkohol und Nikotin) in der Regel auf eine kurze Lebensphase beschränkt bleibt", wie es in der Untersuchung heißt.

Weniger Anklagen

Erkennen lässt sich das durch zwei weitere Fragen: Ob man in den vergangenen drei Jahren beziehungsweise im vergangenen Monat gekifft hat. Da lauten die positiven Antworten in Wien nur mehr neun, respektive sechs Prozent. Bei den Anzeigen durch die Polizei spiegelt sich der Trend zum Joint allerdings nicht so klar wider. Mit 17.066 Delikten lagen im Jahr 2010 Cannabis-Anzeigen zwar weiter unangefochten in Führung - gleichzeitig war es aber auch der niedrigste Wert seit 2001. Auch die Zahl der Verurteilungen wegen des Paragrafen 27 des Suchtmittelgesetzes, der den "unerlaubten Umgang mit Suchtgiften" regelt, geht seit einigen Jahren stetig zurück. Der Grund: Immer mehr Anzeigen werden von den Staatsanwaltschaften gar nicht mehr vor das Gericht gebracht.

Andere Substanzen, etwa auch die als "Legal Highs" bekannten Räuchermischungen und selbstfabrizierten Designerdrogen, spielen dagegen eine untergeordnete Rolle. Zwar gibt es in bestimmten Jugendszenen eine durchaus hohe Zahl von Konsumenten, insgesamt sind sie bei den Teens und Twens aber ein Randphänomen.

Signal für Prävention

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) sieht in den Zahlen keinen Grund, grundsätzlich an der derzeitigen Politik zu zweifeln. Allerdings: "Der Anstieg in Wien ist ein ganz klares Signal, mehr in die Prävention zu investieren." Vor allem macht sie sich im Standard-Gespräch Gedanken über erwischte Erstkonsumenten. Und will mehr Befugnisse.

"Wir wollen statt den bisher üblichen Harnproben künftig Haarwurzelanalysen machen können. Damit kann die Häufigkeit des Drogenkonsums in der Vergangenheit analysiert werden." Dass das zu härteren Strafen für Betroffene führen könnte, sieht sie nicht so. Es gehe um die Früherkennung von problematischem Konsum und darum, "zu helfen und Exit-Strategien anbieten zu können."

Auch im Büro von Gesundheitsminister Stöger sieht man im rasanten Anstieg der Wiener mit Cannabiserfahrung keinen Grund, den Erfolg der bisherigen Drogenpolitik in Frage zu stellen. "Das lässt sich aus dem Anstieg nicht ableiten, da verschiedene Faktoren eine Rolle spielen", sagt eine Sprecherin. Etwa, dass Konsumenten "harter" Drogen, die ebenso Cannabis rauchen, länger überleben, glaubt sie. Eine gesetzliche Regelung müsse es aber in jedem Fall geben.

Justizministerin Beatrix Karl (ÖVP) konnte aus Termingründen keine Stellungnahme abgeben. ( Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 8.11.2011)

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    Cannabis rückt in die Mitte der Gesellschaft

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