Mitarbeiter trotz Abschwungs gesucht

7. November 2011, 17:14
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Die Industrie ist der Ansicht, dass sie trotz sich eintrübender Konjunktur mehr Fachkräfte gebrauchen könnte

Die Industrie ist der Ansicht, dass sie trotz sich eintrübender Konjunktur mehr Fachkräfte gebrauchen könnte. Damit sie ihren Bedarf auch künftig decken kann, werden Bildungsberater für die Schulen gefordert.

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Wien - Eigentlich ist das wirtschaftliche Umfeld ja momentan alles andere als rosig. Die Konjunktur soll laut Prognosen 2012 abkühlen, die Arbeitslosenzahlen sind zuletzt erstmals seit eineinhalb Jahren wieder gestiegen. Dennoch werde es weiter einen Mangel an Fachkräften geben, beklagte die Industriellenvereinigung (IV) am Montag.

Laut IV-Generalsekretär Christoph Neumayer könnte die Industrie aktuell 4000 bis 5000 zusätzliche Lehrlinge gebrauchen. Gleichzeitig sind beim Arbeitsmarktservice (AMS) fast 6200 Lehrstellensuchende vorgemerkt (bei nur 4100 Stellen). Wie diese Zahlen zusammenpassen? Neumayer spricht von einer auseinandergehenden Schere zwischen den Anforderungen der Betriebe und den Fähigkeiten der Jugendlichen.

Aber auch im Bereich der ausgebildeten Facharbeiter sei eine Lücke von rund 10.000 Personen zu verzeichnen. Die IV beruft sich dabei auf Umfragen, wonach bei den Leitbetrieben 75 Prozent Schwierigkeiten haben, geeignetes Personal zu finden. Insgesamt geben sogar 86 Prozent an, Probleme zu haben. Einen Fachkräftemangel konstatierte auch eine AMS-Umfrage. Dort gab ein Drittel der Betriebe an, Stellen nicht besetzen zu können.

Von manchem Experten werden derartige Umfragen aber auch kritisch gesehen. So meint der deutsche Wissenschafter Karl Brenke (siehe unten), dass sich ein Fachkräftemangel anhand ökonomischer Daten nicht ableiten lasse. Dass man mit besserer Bezahlung leichter Personal finden würde, wird von der IV aber bezweifelt. Das Problem sei vor allem, dass Lehre noch immer als "etwas Minderwertiges" gesehen werde, wie IV-Bildungsreferent Gerhard Riemer meint. Darum müsse man auch die Möglichkeiten ausbauen, via Lehre zu einer Matura bzw. in weiterer Folge zu einem Uni-Abschluss zu kommen.

Die Durchlässigkeit des Systems ist daher ein zentraler Punkt im "Maßnahmenkatalog 2020" der IV. Ein weiterer ist die Berufsinformation, die "völlig unzureichend" sei, wie Alexander Bouvier von der Treibacher Industrie AG sagt. Unbestritten ist nämlich, dass sich Österreichs Jugend sehr stark auf wenige Lehrberufe konzentriert. Vor allem Mädchen entscheiden sich kaum für (besser bezahlte) technische Berufe. In einem Ranking kommt Chemielabortechnikerin als erster technischer Beruf auf Platz 23. Man brauche eigens ausgebildete "Bildungsberater" in den Schulen sowie in allen Schultypen der 7. und 8. Schulstufe ein Unterrichtsfach "Bildungs- und Berufsorientierung", fordert Bouvier.

Bei den Polytechnischen Schulen wird eine Überarbeitung gefordert. Diese würden zwar am Land von den Betrieben akzeptiert, nicht aber in den Städten. Die Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) müssten systematisch im Bildungssystem verankert werden. Rückenwind für ihre Anliegen erhofft sich die Industrie durch das gerade aufliegende Bildungsvolksbegehren. (go, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.11.2011)

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