Jagd nach Sündenböcken

Kolumne | Paul Lendvai, 7. November 2011, 17:19

Die Frage nach den Sündenböcken der europäischen Überschuldungskrise dreht sich im Kreis

Die Chefs der zwanzig größten Volkswirtschaften der Welt hatten auf ihrem Gipfeltreffen in Cannes trotz enormen PR-Aufwandes in Wirklichkeit nichts zu entscheiden. Die dramatischen Entwicklungen in Griechenland haben mit Papandreou "in der Rolle des tragischen Helden und des Machttaktikers kaum eine Woche nach der vermeintlich großen Lösung, die Unberechenbarkeit einer zerrissenen Europäischen Union bloßgestellt", meint der linksliberale deutsche Philosoph Jürgen Habermas. In seinem pathetischen Aufruf "Rettet die Würde der Demokratie" (FAZ, 5. 11) beschreibt er das "griechische Desaster" als "eine deutliche Warnung vor dem postdemokratischen Weg, den Merkel und Sarkozy eingeschlagen haben".

In der Tat dreht sich die Frage nach den Sündenböcken der europäischen Überschuldungskrise im Kreis, jeder scheint schuld zu sein: die Hedgefonds-Spekulanten und die Banken, die Architekten des "ökonomisch als schadensträchtig erwiesenen Euro" (so der Schweizer Philosoph und Politologe Hermann Lübbe) und die Finanzexperten mit falschen Prognosen, das "kopflose Chefpersonal" von EU und Internationalem Währungsfonds und die Präsidenten der Euro-Bank und der US-Notenbank mit ihrer Politik des leichten Geldes und für die internationale Boulevardpresse natürlich die Griechen und die Italiener (oder die Portugiesen und die Spanier), weil diese endlos auf Pump leben wollen.

Habermas sieht den Hauptgrund für die Krise darin, dass die Institutionen fehlen, die eine supranationale Willensbildung und die globale Durchsetzung von Beschlüssen erst ermöglichen würden. Er verbindet das Lob für Papandreous inzwischen gescheitertes Vorhaben eines Referendums mit der Kritik an Entscheidungen eines intergouvernementalen Ausschusses der Regierungschefs, die über die Köpfe der betroffenen Bevölkerungen hinweg getroffen werden. Der Ausweg? Die Politiker müssten laut ihm Risiken eingehen und in der ersten Person sprechen, um die Bürger von der Notwendigkeit der Verstärkung der politischen Handlungsfähigkeit auf supranationaler Ebene zu überzeugen.

Wo und wann findet man solche Politiker in Europa? In Irland, in Portugal, in Slowenien und in der Slowakei stürzten schon vor Griechenland Regierungen über ihre Unfähigkeit, die Finanzkrise in den Griff zu bekommen oder eine parlamentarische Mehrheit für eine gemeinsame Haushaltspolitik zu gewinnen. In Wirklichkeit geht es in Athen und Rom um den Bankrott der gesamten politischen Klasse. In beiden Ländern ist es fraglich, ob es in naher Zukunft eine funktionsfähige Regierung geben wird. Berlusconi, das Symbol der politischen Schamlosigkeit, bereitet seine fünfte CD über "die wahre Liebe" vor, aber die Opposition kann sich nicht einmal auf ein Programm einigen. In Athen geht es Oppositionsführer Antonis Samaris, einem hemmungslosen Nationalisten und Machtopportunisten, im krassen Gegensatz zu seinen Parteifreunden in Portugal, Irland und im EU-Parlament nicht um die Rettung des Landes, sondern nur um die Eroberung der Macht. Ob die Parteien und Politiker Griechenlands und Italiens trotz der Endzeitstimmung über sich hinauswachsen können, muss leider noch immer dahingestellt bleiben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.11.2011)

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25 Postings
Blick Winkel
00
8.11.2011, 16:49
Alternative Banksysteme

Erst kürzlich habe ich einen sehr interessanten Artikel über alternative Bankssysteme gelesen, die alle auf sehr unterschiedliche Art und Weise funktionieren.

Sehr überrascht hat mich unter anderem, dass die "WIR Bank" aus der Schweiz zinsfreies Kapital unter seinen Mitgliedern in Bewegung hält. Und genau das fördert extrem das Wachstum.

(http://de.wikipedia.org/wiki/WIR_Bank)

In Japan gibt es eine Bank für Zeitguthaben (Pflegedienste im Alter kann man in der Jugend "erarbeiten") und rein elektronisches Geld (z.B. "Bitcoin") hat ebenfalls das Potential das gesamte System zu verändern!

(http://de.wikipedia.org/wiki/Bitcoin)

oblomow II
00
9.11.2011, 17:43
genau!

..- und im wirtshaus zum dreckign löffi gibts an sporverein ...

Räudiger Straßenköter
01
8.11.2011, 14:15
Wo Sündenböcke gejagt werden ist was faul.

Stimmt schon: Verantwortungslose Regierungen, die Bevölkerung, die Banken usw. haben zu dem Schlamassel beigetragen.
Aber es war die EU, die von deutschen Europäisten dazu gedrängt, das alles auf verhängnisvolle weise zusammengekettet hat. Jetzt sehen sich die Deutschen als Opfer einer Entwicklung die sie zuvor selbst betrieben haben. Ganz unbeirrt spielen sie dazu die Rolle des großzügigen Retters. Der von den Parlamenten der Eurozone zu entrichtende Preis für diese sogenannte Rettung ist die Selbstausschaltung.

der schwitzbär der schwitzt sehr
01
8.11.2011, 09:58
supranationale Willensbildung und globale Beschlüsse

scheitern regelmäßig an den USA - ob das nun die Einrichtung eines tatsächlich sinnvollen Strafgerichtshofs ist, oder Kyoto

im Bereich Finanzmarkteregulierung erst recht

15% des US-BIP ist direkt davon abhängig, aus Geld Luftgeld zu produzieren

und nochmal 15% indirekt (wo die Mitarbeiter der Finanzindustrie, zB in N.Y. 1 Million Erwerbstätige, ihr geld wieder ausgeben - von Essen, Miete, Auto, Klamotten bis zur Luxusyacht)

Die können gar nicht mehr zurück, sonst sind die USA morgen pleite

Dieser gordische Knoten wird sich nicht lösen lassen, bzw. sich erst durch einen großen Rumms lösen

barbara klaric
24
8.11.2011, 08:17
Die wahre Erklärung ist sooo einfach, wird aber durch falsche Erfklärungen (Kolumnen) absichtlich verschleiert.,.Bei Geldschöpfung durch zinspflichtige Schulden sind wir gegenüber den Bankstern immer im Nachteil.

So ähnlich wie beim Roulette, wo neben den 36 Zahlen mit einer Netto-Null-Gewinnchance die NULL einen steten und todsicheren Gewinn für die Bank garantiert (no level playing field). Wenn man die Gesamtheit aller Spieler betrachtet, dann müssen diese, aufgrund mathematisch-statistischer Gesetze, langfristig bankrott gehen. Spieler mit Glück können vorübergehend gewinnen, Pechvögel gehen rasch bankrott. Rettungsschirme können einzelne Pechvögel vorübergehend retten, ändern aber nichts am gemeinsamen Untergang aller Spieler. Solange die Politiker nicht die Mathematik der Spielregeln ändern ist unser gemeinsamer Untergang gewiss. Dass sie dies nicht einmal andenken, beweist dass sie vom System gekauft sind. Revolution ist die einzige Lösung.

oblomow II
00
8.11.2011, 12:43
Sie dürfen von mir

jede form von sicherheiten verlangen. einschließlich ein pfund fleischs von meinen rippen ...

oblomow II
11
8.11.2011, 12:41
zins

super
wann und wo darf ich mich mit Ihnen wegen eines zinsenlosen darlehens von sogma 10000 euronen in verbindung setzen?

Anton Friesl
00
8.11.2011, 15:52
Zwei Methoden der Geldschöpfung.,.Methode 1: Der Staat druckt einmalig 100 Milliarden und brigt das von Bevölkerung und Wirtschaft benötigte Geld über z.B. die Beamtengehälter in Umlauf. Ergebnis: keine Staatsschulden.,.

Methode 2: Ein private Zentralbank druckt zu vernachlässigbaren Kosten einmalig 100 Milliarden und kauft damit zinspflichtige (z.B. 5 %) Anleihen vom Staat (de facto ist diese Operation ein 100 Milliarden-Geschenk des Staates an die privaten Eigentümer der Zentralbank und eine Zinsversklavung der Bevölkerung). Der Staat bringt das Geld wieder über z.B. die Beamtengehälter in Umlauf. Ergebnis: Der Staat muss jedes Jahr z.B. 5 Milliarden Anleihezinsen an die privaten Eigentümer der Zentralbank abliefern und ist nach 20 Jahren pleite.

Begreifst du jetzt den kleinen Unterschied?

Bei Methode 2 wird wegen der Zinsen die umlaufende Geldmenge Jahr für Jahr kleiner und reicht von Anfang an niemals aus um Schulden plus Zinsen bezahlen zu können.

oblomow II
00
8.11.2011, 17:58
Sie werden es nicht glauben ...

aber das ist seit mindestens 600 jahren nix neues, auch wenn es IHNEN als neue erkenntnis grad untergekommen ist.

schauns mal unter schuldverschreibung, wechsel, münzverschlechterung usw nach.

oder wenn Ihnen namen mehr sagen unter maximilian, fugger, welser usw.

oder orte der wirtschaftsgeschichte, zb siena, venedig, florenz, hanse, flandern, holland, south sea bubble usw.

Sie können aber auch bei marx nachlesen, dass das nix neues ist ...

also lassens mich mit dem anspruch anglahnd, Sie erzählten mir was neues.
mich regt dieses mainstreamgsudarads langsam echt auf.

oblomow II
00
8.11.2011, 17:39
mein gott

Sie sind im besitz der wahrhrit

oder ist es mainstreamgesudere?

AceAl
 
00
8.11.2011, 13:45
min 80% der Bevölkerung gewinnen effektiv durch Zinsen nix

Glaubst du wirklich das der kleine Sparer mit seinen Zinsen abzüglich der Steuer, der Versteckten Zinsen in Güteren und REALEN Inflation einen Gewinn macht :-)

Utrilittn
00
8.11.2011, 11:23
"Revolution ist die einzige Lösung"

Ha ha, schon wieder ein Traumwandler.

oblomow II
00
8.11.2011, 12:44
hama scho ghabt

Der durch die Schrecken des Kapitalismus „wild gewordene“ Kleinbürger ist eine soziale Erscheinung, die ebenso wie der Anarchismus allen kapitalistischen Ländern eigen ist. Die Unbeständigkeit dieses Revolutionarismus, seine Unfruchtbarkeit, seine Eigenschaft, schnell in Unterwürfigkeit, Apathie und Phantasterei umzuschlagen, ja sich von dieser oder jener bürgerlichen „Mode“strömung bis zur „Tollheit“ fortreißen zu lassen – all das ist allgemein bekannt ...

athea
31
8.11.2011, 02:03
gut...eh keine kommentare

dann gibts auch nix zu kommentieren.
hr. lendvai? alzheimer, geldprobleme, selbstlüge? entbehrliches nixgewäsch

Dalien
 
32
7.11.2011, 21:12
Meine Güte Herr Lendvai

da sind sie so alt geworden und trauen sich noch immer nicht die WAHRHEIT zu schreiben!

Jetzt nehmen sie sich ein Herz und schreiben einmal die WAHRHEIT!

Gotti
Gottie
10
7.11.2011, 21:02
postdemokratisch

das klingt so systemkundig, so nach habermas-professoral. aber ist es wirklich mehr als bloß ein wörtchen? wollen sie wirklich das volk fragen, ob die schulden nun erlassen werden sollen oder nicht? und: welches volk fragen sie denn?

dann entschließt sich herr lendvai denn doch, mehr die politiker selbst in die pflicht zu nehmen, das mit der demokratie ist im offensichtlich selbst nicht ganz geheuer. und er übt wackere kritik an die ganz argen, papandreou und berlusconi. wer mag ihm da die zustimmung verweigern?

letzlich frage ich mich was er uns bloß sagen will mit seinem artikel.

didi111
20
7.11.2011, 20:58
jagd nach Sündenböcken!?!

Die EU kann so nicht funktionieren.

Ein Gebilde von 27 Staaten (27 Wirtschaftsregierungen) mit 11 Währungen kann nicht funktionieren.

In der Gründungsphase und im Hinblick auf die LehmmanTroubles fiel das nicht so auf. Es waren auch andere Wirtschaftsdaten vorhanden.

Das wir heute keine Eurokrise haben sondern eine Schuldenkrise ist ja offensichtlich.

Begonnen hat das Ganze in Amerika unter BillyBoy (Kredite für JEDEN), und dann verkauften die Banken die Schulden weiter (auch in den Euro-Raum).

So verschuldete sich die EU immer mehr (natürlich gepaart mit einem Lebenswandel, welcher aus der Zukunft geborgt ist).

Das Zukunfstszenario kann nur sein, EINEN EU-Raum zu definieren mit EINER Währung und EINER Regierung

X Y
11
8.11.2011, 04:41
Tschuldigen, das ist ausgewachsener Unsinn, was Sie da schreiben.

Der Herr Lendvai kommt der Wahrheit schon näher. Selbstverständlich haben wir eine Eurokrise. Die kommt daher, weil wir keine europäische Nation haben, keinen funktionierenden Ausgleichsmechanismus und keine EZB, die als wirkliche Notenbank arbeitet. Der Euro wurde falsch konstruiert und kann nur funktionieren, wenn die EZB einmal anfängt, für alle Schulden einzustehen. Momentan müsste sie Geld wie verrückt drucken und eine höhere Inflation anvisieren. Das darf sie aber gar nicht.
Die Banken (hauptsächlich US) haben die Katastrophe inszeniert. Zu dem Zweck haben sie alle konservativen Parteien in die Tasche gesteckt.
Die Schulden sind nicht wirklich das Problem. ESP hat vor kurzem sogar noch Überschüsse gehabt.

didi111
00
8.11.2011, 08:51
Ich glaue, daß es genau NICHTS bringt, wenn wir den Kopf in den Sand stecken...

Ob es sich hier in Europa um eine Eurokrise, eine Schuldenkrise oder eine Strukturkrise handelt, ist m.E. eher unwesentlich.

Faktum ist, daß uns der Schuldenstand der (meisten) Länder den Hals zuschnürrt.

Die Konstruktion des Euros betreffend MUSS falsch sein, weil die EU-Struktur falsch ist.

Zum Unterschied der VEREINIGTEN Staaten von Amerika (mit EINER Wirtschaftsregierung und EINER Währung) haben wir hier in Europa einen vielstimmigen Chor.

Die Lösung kann nur sein, daß man in Brüssel ein Zielszenario definiert und dann die derzeitigen EU-Staaten an EINEM Tag darüber abstimmen.

Wer die neuen Spielregeln DANN übernimmt ist dabei, der Rest versucht sich nolens volens andereweitig.

Es kann nur so funktionieren..

daisy d
02
7.11.2011, 22:51
Ihre Idee funktionierte nur mit einem neuen Menschen

Da es aber noch nie jemand gelang, die Menschen zu ändern, ist Ihre Idee unmöglich zu verwirklichen.

Alles Ist Windhauch
 
00
26.12.2011, 19:27
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar , nur finden sich europaweit keine Verantwortlichen Politiker, die den Mut hätten diese Wahrheit auch zu sagen

Die politischen Lösungsbemühungen sind Ausdruck perfekter Planlosigkeit, kein einheitliches Vorgehen in irgendeiner Sache, so kann EU nie bedeutend werden

daisy d
00
7.11.2011, 19:58
.....muss leider noch immer dahingestellt bleiben......

Muß nicht! Es ist ganz eindeutig. Die wachsen sicher nicht mehr und bleiben, was sie sind. Regimevorsitzende, die vor nichts mehr Angst haben, als vor dem Volk. Deshalb läßt man in Österreich auch nur mehr alle fünf Jahre "den mündigen Staatsbürger" ein Kreuzerl machen und sonst hört er nur mehr "Gusch" von den Regimerepräsentanten, sollte er sich erfrechen und was fragen. Regimechange ist daher das Gebot der Stunde. Politiker haben in der heutigen Zeit die Aufträge der Bevölkerung zu erfüllen. Was wir nun eingebrockt bekommen haben, weil die Politiker dachten, sie wären viel gescheiter als das tumbe Volk, sehen wir jetzt. Daher weg mit dem Regime und her mit einer Demokratie nach dem Muster der Schweiz oder noch demokratischer

saunaecho
34
7.11.2011, 18:41
Wer ist schuld an der "Schuldenkrise" ?

Es gäbe keine Schuldenkrise, wenn die Politiker weniger Schulden gemacht hätten !
Den Geldgebern kann man nur Naivität vorwerfen - weil sie an die Theorie der unerschöpflichen Bonität von Staaten glaubten, die ja mit der unbeschränkten "Schuldknechtschaft" von Kindern und Enkeln als Sicherheit begründet wird.
Nun sind wir wieder im Mittelalter: Nicht der leichtsinnige König ist schuld sondern der Geldjud.

AceAl
 
00
8.11.2011, 13:48
Bei einem Geldsystem das auf Schuld basiert...

muss jeder Schulden machen, sonst gibts kein Geld. Würde der Staat morgen seine ganzen Schulden zurückzahlen müsste in den Bilanzen der staatlichen Geldgeber (Banken) dieselbe Menge an Geld vernichtet werden.

Johannes99
00
7.11.2011, 18:34
Wenn wir nur wüssten, worüber wir abstimmen sollen

Den Wickie in der Politik ("Ich hab's", "Ja, so geht's") gibt es halt nicht. Worüber will Habermas samt Nachplapperer Lendvai denn abstimmen? "Wollt Ihr den Griechen helfen?", na super. Irgendwie beschleicht uns das Gefühl, das derzeitige System nähert sich seinem Ende. Aber keiner hat eine Alternative. Ein kleiner Nationalratsabgeordneter hat kürzlich gesagt: "Wir dürfen weder bei den Ressourcen noch bei der Schuldenpolitik weiter so hemmungslos auf Kosten unserer Kinder leben". "Wir werden lernen müsssen, mit weniger auszukommen". Die Reaktion? Pikiertes Schweigen.

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