Ekel vor dem kleinen Glück

7. November 2011, 17:50
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Filmische Bilder und aktuelle Bezüge: Jean Anouilhs "Antigone" ist ein intensiver Theaterabend an den Kammerspielen Linz

Linz - Antigone ist die Galionsfigur des zivilen Ungehorsams. Vorbild jener, die sich auflehnen gegen patriarchale Gewaltenträger, unbeugsam gerade dann, wenn die sich zu heuchlerischer Milde herablassen. Für Antigone ist der "Ekel vor dem kleinen Glück" angesichts von Kompromissen Grund genug, lieber zu sterben. Als Tochter von Ödipus ist sie in eine fluchbeladene Familie hineingeboren - von Tragik und Inzest geprägt.

Johannes von Matuschka lässt nach einer humorvollen Einführung in diese komplexe Familiengeschichte die übriggebliebenen Mitglieder als Schatten rund um die Heroine auftauchen: Kreon (Stefan Matousch), Onkel und König von Theben, Haimon (Bastian Dulisch) als Geliebter und Ismene (Barbara Novotny) als fügsame Schwester, die nicht den Mut aufbringt, den sie Antigone als Wahnsinn vorwirft. Der besteht darin, sich zu widersetzen: Nachdem sich Antigones Brüder gegenseitig getötet haben, lässt Kreon nur einen beerdigen, den Leichnam Polyneikes' lässt er als Warnung vor Revolten aber liegen. Ihn zu bestatten ist bei Todesstrafe verboten. Antigone aber will lieber tot als unkritisch sein.

Es ist eine der am besten ausgearbeiteten Szenen, wenn der zweifelnde, sich letztlich aber seiner Herrscherrolle fügende Kreon und Antigone auf das unabwendbare Ende der Tragödie hinarbeiten. Katharina Vötter verleiht dabei der Heldin mit einer variantenreichen Sprech- und Spielweise sehr große Intensität und zeigt auch die Widersprüchlichkeiten der Heldin auf. Johannes von Matuschka erzeugt tiefe, filmische Bilder und spart nicht mit aktuellen Bezügen.

Ein intensiver Theaterabend, nach dem sich auch die Frage aufdrängt, an welchem Punkt im Leben man selbst aufgehört hat, Nein zu sagen. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD - Printausgabe, 8. November 2011)

Bis 30.11.

  • Ziviler Ungehorsam hat seinen Preis: Stefan Matousch (Kreon) und Katharina Vötter (Antigone).
    foto: brachwitz

    Ziviler Ungehorsam hat seinen Preis: Stefan Matousch (Kreon) und Katharina Vötter (Antigone).

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