"Welche Sprache spricht Europa?"

7. November 2011, 17:00
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Welche Rolle spielen Sprache und Übersetzung beim Aufbau der gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit

Zur Einstimmung auf die Podiumsdiskussion, die am 5. November im Stefan Zweig Centre in Salzburg stattfand, las der Moderator - der Philosoph Stefan Nowotny - die Anfangsstelle aus Stefan Zweigs 1942 erschienenem Roman "Die Welt von Gestern", in der eine untergegangene Epoche der Sicherheit und Berechenbarkeit heraufbeschworen wird.

"Irgendwie rührend, diese Zeilen", kommentierte einer der Diskussionsteilnehmer, der Philosoph und Übersetzer Boris Buden, "denn sie erinnern aus heutiger Sicht an die siebziger Jahre, an den modernen Wohlfahrtsstaat, den es heute nicht mehr gibt. Auch die Welt vor 2008, also die Welt vor der Finanzkrise, war noch eine Welt, in der es eine Idee der Sicherheit gab. Banken galten als Institutionen der Stabilität." Seit 2008 sei diese Idee weitgehend verschwunden, und zwar mitten im vermeintlich stabilen Westen.
Krise und Kapitalismus: ein immanenter Widerspruch

Die Podiumsteilnehmer stellten sich der Frage, welche Bedeutung Sprache, Übersetzung, Exil und Asyl beim Aufbau der gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit spielen. Seit 200 Jahren wisse man, dass die Krise untrennbar vom Kapitalismus sei, ein immanenter und zyklisch wiederkehrender Widerspruch, führte Boris Buden aus. Dennoch würde die Krise in der westlichen Wahrnehmung stets in die Dritte Welt hinein verlagert, wo sie nicht zyklisch, sondern endemisch sei, ein "Way of Life". Migranten würden die Informationen über die Krise geradewegs nach Europa tragen, so Buden weiter, aber "diese Symptome" wolle man in Europa nicht verstehen. Zeitungen würden mit Schlagzeilen wie "Jetzt reicht's, Griechen raus!" oder "Migranten raus!" reagieren, aber man weigere sich, die Sprache der Krise wirklich zu übersetzen.

"Nur ein Abbild, eine Annäherung"

Um Sprache an der Schnittstelle zwischen staatlichen Behörden und Asylsuchenden ging es auch im Kurzbeitrag von Waltraud Kolb, Lehrende und Forscherin am Zentrum für Translationswissenschaft in Wien. Sie beschäftigt sich im Rahmen eines Forschungsprojekts mit den Möglichkeiten und Grenzen der Sprachmittlung bei Einvernahmen von Asylwerbern: "Der Dolmetscher soll einerseits neutral sein, andererseits Helfer des Asylwerbers und zugleich Helfer der Institution sein. Da sind viele Erwartungen, die auf die Dolmetscher einwirken", erklärte Kolb.

Durch die Bestellung von Dolmetschern erwarte man sich eine gewisse Sicherheit, dass alles "mit rechten Dingen" zugehen möge und die Aussage des Asylwerbers eine ausreichende Grundlage für die Entscheidung über den Asylantrag biete. Doch das sei weitgehend eine Illusion, denn jede Sprachmittlung sei immer nur ein Abbild, eine Annäherung, denn es käme notwendigerweise zu Verschiebungen und Filterungen auf vielen Ebenen. Außerdem müssten Aussagen protokolliert und also notgedrungen zusammengefasst werden, wo sich wiederum die Frage stelle: Wer entscheidet und wer selektiert?

"Übersetzerische Ersatzarmee"

Auf der EU-Ebene sieht die Situation der Sprachmittlung wiederum ganz anders aus: Da gibt es ausgefeilte Apparaturen von Dolmetschern, "eine übersetzerische Ersatzarmee", wie Stefan Nowotny es nannte, die gewährleisten würden, dass Abgeordnete sich auf ihre Einsprachigkeit zurückziehen könnten und müssten. So kann die titelgebende Frage an das Podium - "Welche Sprache spricht Europa?" - nicht beantwortet werden, ohne auf die Rolle der Übersetzung als einem primären Phänomen zurückzugreifen. Das heißt, Europa spricht nicht eine Nationalsprache wie etwa Englisch, sondern die Sprache Europas ist ein permanenter Übersetzungsprozess.

Anerkennung der Einwanderung als Realität

Ein weiterer Teilnehmer des Podiums, Sprachwissenschaftler Ibrahim Cindark, warf ein Schlaglicht auf die jüngsten Entwicklungen in Deutschland. "Im Deutschland von gestern hieß es immer, wir sind kein Einwanderungsland. Nach 1998 kam es zwar zu einer Anerkennung der Realitäten, aber man war dennoch darauf bedacht, sich von den klassischen Einwanderungsländern wie Kanada und Australien abzugrenzen." Eine solche gesellschaftliche Selbstwahrnehmung hatte direkte Auswirkungen auf das Bildungssystem Deutschlands: "Es war kein Ziel, die Kinder der Migranten einzugliedern, weil man ohnehin davon ausging, dass sie bald in ihre Herkunftsländer zurückkehren würden."

Heute nimmt sich die Situation bezüglich Migration in Deutschland wieder anders aus: "Seit etwa fünf Jahren haben wir besonders bei den Türken eine neue Kategorie der Migration. Hoch qualifizierte Angehörige der zweiten und dritten Generation wandern in die Türkei aus", erzählte Cindark. "Das ist auch ein Symptom und eine Reaktion auf Europa." Es bleibt abzuwarten, ob die Lehren aus dem Europa von Gestern sich als hilfreich erweisen, den Herausforderungen von morgen zu begegnen. (Mascha Dabić, 7. November 2011, daStandard.at)

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