Wo der Tod ein Zigarettchen raucht

7. November 2011, 17:05
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Peter Konwitschny inszeniert Tschaikowskys "Pique Dame" an der Grazer Oper

Graz - Allgegenwärtig ist der Tod: Er serviert Kulinarisches, öffnet Vorhänge, holt mit hereinschwebender Nobelyacht die todesaffine Lisa ab. Und er zündet sich, nachdem sich auch der spielverrückte Hermann ob eines verlorenen Kartenmatches mit einem Schuss ins Jenseits befördert hat, einfach eine Zigarette an. Aus der Randfigur Mascha (eindringlich Nazanin Ezazi) hat Regisseur Peter Konwitschny diese abgebrühte Besucherin (aus einer anderen Sphäre) entwickelt. Und es ist dies eine leitmotivische Idee, die hier funktioniert.

Tschaikowskys Oper Pique Dame beschert sich selbst ja drei Todesfälle. Und so man auch noch ein bisschen Biografisches hineindeutet und also, wie Konwitschny, Tschaikowskys spätes Werk im Lichte einer womöglich todessüchtigen Melancholie des Komponisten betrachtet, kann der personifizierte Tod schon szenischen Sinn ergeben.

Die Inszenierung insgesamt jedoch zeigt einige Spuren von Erschöpfung. Auf einer von trostlosen Vorhängen begrenzten Bühne (Bühnenbild: Alexander J. Mudlagk) wird ein versoffenes Soldatenmilieu mit einer zur Infantilität neigenden gehobenen Gesellschaft verzahnt. Die Schönreichen sind da auf einer Fete als mit riesigen bunten Ohren bekränzte herumhopsende Hasen zu belächeln, über denen eine übergroße Karotte leuchtet. Dieser groteske Regressionsulk findet sich allerdings szenisch auf eine wenig inspirierte Art und Weise umgesetzt, worauf er zum flachen Dauergag schrumpft.

Kaum interessanter jene Szene, da Offizier Hermann vom Geist der Gräfin die drei angeblich siegreichen Karten (Drei, Sieben, Ass) übermittelt bekommt. Zur Gräfin gesellen sich hier viele Untote, die Hermann mit sanft herumwehenden Händen massenhaft umgarnen. Und dies also in theatral eher dürftiger Form. In dieser punktuellen szenischen Hilflosigkeit sucht man quasi Konwitschny vergeblich, diesen subtilen Großmeister der leichtfüßigen Umsetzung musikalischer in theatrale Gegebenheiten.

Immerhin: Die letzten Fantasien der Gräfin (delikate Ausstrahlung: Fran Lubahn), die sich, im Bett liegend, in jene Zeit zurückfantasiert, da sie die Welt bezirzte, hatte etwas von jener tragischen Poesie, die nur eine alternde Diva zu versprühen vermag. Dass ihr Konwitschny einen finalen Liebesakt (mit Hermann) "gönnt", bevor ihr Herz stehenbleibt, tja. Kurzum: Eine etwas ideenkraftlose Inszenierung, immerhin aber eine Version mit tragfähiger vokaler Seite.

Avgust Amonov ist mitunter ein bisschen gar expressiv, er verfügt allerdings (als Hermann) über eine edle Stimme. Klangschön auch Andre Schuen (als Fürst Jeletzki) und in ihrer Intensität subtil und beeindruckend Asmik Grigorian (als Lisa). Gut auch der Ensemblerest. Und zweifellos eine Bereicherung die Arbeit des Dirigenten Tecwyn Evans, der das Orchester mit analytischer Besonnenheit zu romantischem Enthusiasmus animierte. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD - Printausgabe, 8. November 2011)

11., 16., 19., 23., 27. 11.

  • Mascha (N. Ezazi) und Hermann (Avgust Amonov).
    foto: werner kmetitsch / oper graz

    Mascha (N. Ezazi) und Hermann (Avgust Amonov).

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