Aufruhr in Minimundus

7. November 2011, 17:15
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Österreich erlebt zurzeit ein kleines Rock-'n'-Roll-Revival - Die diesbezüglich überzeugendste Band kommt aus dem Burgenland und nennt sich Bo Candy & His Broken Hearts

Die Gruppe hat nun ihr Debüt veröffentlicht.

Wien - Österreich ist Rock-'n'-Roll-technisch immer ein Nasenbohrerland gewesen. Er scheint dem heimischen Wesen nicht eingeschrieben, weshalb die Popkultur hierzulande statt Bilderstürmern hauptsächlich aufgeplusterte Langeweiler, Kopisten sowie historische Irrtümer wie die langlebigste Eintagsfliege aller Zeiten hervorgebracht hat: Falco.

Erst ab der Zeitrechnung von Punk, die im hiesigen Pop-Minimundus ebenfalls verspätet anbrach, versuchte sich zumindest eine Minderheit ernsthaft an der Aneignung dieser Kulturtechnik. Immerhin zählt Rock'n'Roll seit den 1950ern zu den Globalisierungsgewinnern. Punk mahnte seinen umstürzlerischen Charakter neu ein, machte Rock'n'Roll wieder gefährlich und sexy.

Heute sind derlei Anlaufschwierigkeiten lange überwunden, zurzeit gibt es gar eine Konzentration von sich beherzt bis besessen dem Rock 'n' Roll widmenden Bands. Etwa das Duo The Happy Kids, das mit The Happy Kids Play Their Own Songs! heuer sein brutal-romantisches Debüt vorgelegt hat - der Standard berichtete.

Ana Threat, das weibliche Happy Kid, veröffentlicht nun mit Broken Heel Island ein weiteres Dokument sympathischen Irrsinns: Sechs in Vinyl gepresste Mono-Aufnahmen zwischen Surf-Rock, Voodoo-Gebrabbel und analoger Schaltkreismisshandlung, deren minimalistische Ergebnisse beim hauseigenen Trash-Rock-Productions-Label limitiert aufgelegt werden.

Gefälliger gibt sich das Wiener Trio Black Shampoo auf seinem ersten Longplayer Whipped Cream (Just 50 Records). Sie spielen skelettierten Rock 'n' Roll, der nicht zuletzt ob des einnehmenden Bassspiels relativ menschenfreundlich ausfällt.

Am breitesten aufgestellt sind Bo Candy & His Broken Hearts. Das eben erschienene titellose Album aus dem Hause Konkord Records belegt eine intensive Rock-'n'-Roll-Schulung von seinen Ausläufern bis in die 1960er-Jahre. Dementsprechend vielfältig gestaltet sich ihr Longplayer, dessen Opener I Lost My Faith In You nach britischem Sixties-Rock klingt. Derlei Gefilde verlässt die fünfköpfige Band jedoch bald. Always On My Mind bietet bei Vollgas eine Mischung aus Garagenrock mit zärtlichen Einschüben, der Coming Home Blues ist genau das und verdeutlicht die Ankunft der Band in der Wiege ihrer Kunst, dem Süden der USA.

Liebevolle Wurzelkunde

Chef von Bo Candy ist Thomas Pronai, der schon mit The Beautiful Kantine Band Erfahrung als Rock-'n'-Roll-Wiedergänger sammelte, wenngleich der Charme der burgenländischen Combo zu einem Gutteil der Heimsuchung heimischer Espresso- und Tanzkapellen-Musik aus den 1960ern geschuldet war. Pronai kennt man zudem als Produzent von Ja, Panik oder Garish, mit Bo Candy gibt er nun seit zwei Jahren selbst den Frontmann.

Mit den Broken Hearts betreibt er eine Form der Wurzelkunde, die stellenweise an den Geisterhaus-Country von 16 Horsepower erinnert, und auch die Black Keys winken durchs Stallfenster. Aber man muss Bo Candy & His Broken Hearts nicht mit Vergleichen mit US-amerikanischen Vorbildern kleinhalten, denn dieses als CD und edel gestaltetes Doppelalbum erhältliche Werk wächst Stück für Stück ins Meisterwerk. Eine breite Instrumentierung - insbesondere der Einsatz einer Orgel - streift immer wieder auch das Genre Rhythm'n'Blues, was dem Abwechslungsreichtum des Albums gut ansteht.

Diese Vielfalt überzeugt bis zum Ende hin: Der Beat von Hang On To Your Desire zeitigt eine sture Eleganz, die von der Slide-Gitarre atmosphärisch veredelt wird. Stare Into Black ist ein böser Rocker, vielleicht der Hit des Albums, das in seiner Dichte eine der überzeugendsten heimischen Veröffentlichungen dieses daran nicht schwachen Jahres ist. Wenn Bo Candy sich jetzt noch mit Al Cook zusammentäten, dem ersten ernstzunehmenden Rock 'n' Roller des Landes -, der Generationenvertrag wäre restlos erfüllt. (Karl Fluch, DER STANDARD - Printausgabe, 8. November 2011)

  • Rock 'n' Roll unkaputtbar: Bo Candy & His Broken Hearts veröffentlichen ihr super Debütalbum.
    foto: clemens schneider

    Rock 'n' Roll unkaputtbar: Bo Candy & His Broken Hearts veröffentlichen ihr super Debütalbum.

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