Israelis über möglichen Angriff auf iranische Atomanlagen gespalten

7. November 2011, 14:13
203 Postings

Das Duo Premierminister/Verteidigungsminister wird von vielen Teilen quer durch die israelische Gesellschaft kritisiert

In die Diskussion um einen möglichen Angriff auf iranische Atomanlagen mischte sich zuletzt sogar Präsident Shimon Peres ein. Der 88-Jährige hält eine militärische Option für möglich und unterstützt damit Premier Benyamin Netanyahu und Verteidigungsminister Ehud Barak. Aber: „Es gibt Differenzen sowohl in der Regierung als auch in der Spitze des Sicherheitsapparates in Israel, ob eine Attacke gegen den Iran sinnvoll und wirksam sein könnte", sagt der Wiener Nahostexperte John Bunzl vom Österreichischen Institut für Internationale Politik.

Vielschichtige Kritik

Die Kritiker kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Für Meir Dagan - bis Ende 2010 Direktor des Geheimdienstes Mossad - wäre es eine „eine dumme Idee", den Iran anzugreifen. Es wäre danach unmöglich, die Situation in dieser instabilen Region unter Kontrolle zu bekommen. Dagan zur Seite stehen Gabi Ashkenazi und Yuval Diskin. Ashkenazi war der Vorgänger von Benny Gantz als Chef der Armee (IDF), Diskin leitete die Shin Bet, den Inlandsgeheimdienst. Beide haben sich ebenfalls gegen einen Militärschlag ausgesprochen.

Diese Befürchtungen sind berechtigt, meint auch Bunzl: „Die Hegemonie im Nahen Osten wäre beeinträchtigt, wenn der Iran Nuklearwaffen einsetzen könnte. Israel ist zwar selber eine Atommacht mit angeblich mindestens 200 Atomsprengköpfen, aber man würde das Monopol in der Region gern behalten."

Medien gegen Netanyahu

Kritik kommt auch von der größten israelischen Tageszeitung „Yediot Ahronoth", einem Boulevardmedium. Unter dem Titel „Atomic Pressure" (Anm.: Atomarer Druck) ritt Kolumnist Nahum Barnea eine Attacke gegen Netanyahu. Des Premiers Denkweise, schreibt Barnea, laute so: „Ahmadinejad ist Hitler; wenn er nicht rechtzeitig gestoppt wird, gibt es einen neuen Holocaust." Und: „Manche beschreiben Netanyahus Einstellung zu diesem Thema als Obsession - sein ganzes Leben lang träumte er davon, wie Churchill zu sein; der Iran gibt ihm nun diese Chance."

Auch in der liberalen Tageszeitung Haaretz wird das Duo Netanyahu/Barak kritisch hinterfragt. Ari Shavit sieht auf Israel große Schwierigkeiten zukommen, wenn der Iran voreilig angegriffen wird: „Ein ewiger Krieg mit Teheran, ein Krieg mit der Hamas und der Hisbollah, zehntausende Raketen auf dutzende israelische Städte."

Ein Schlag gegen den Iran als mögliches Ablenkungsmanöver

Die rhetorische Offensive der israelischen Staatsspitze könnte jedoch auch ein Ablenkungsmanöver sein. Für den Nahostexperten Bunzl stellt sich die Frage, ob nicht „diese Drohungen und diese Vorbereitungen eine Wirkung auf die Vereinigten Staaten oder andere Länder haben sollen, die Sanktionen zu verstärken." Denn auch so könnte die Bedrohung durch den Iran für Israel ein wenig gelindert werden.

Gleichzeitig könnte Premier Netanyahu versuchen, die Thematik für innenpolitische Zwecke zu nützen. „Das Thema der iranischen Gefahr ist eines, das den israelischen Diskurs lange beherrscht hat", meint Bunzl. „Es könnte eine Nebenabsicht bestehen, die ganze Aufmerksamkeit vom Arabischen Frühling, den potenziellen Auswirkungen auf Israel und den palästinensischen Bemühungen um Eigenstaatlichkeit abzulenken und das Thema zu wechseln - ‚Let's change the subject‘."

Die Rolle der USA

Wichtig werde auch sein, wie sich die USA, ein wichtiger Verbündeter Israels, verhalten. „Die Frage wird sein, wie die Kooperation mit den USA verläuft", erklärt Bunzl. In den letzten Tagen habe es Berichte gegeben, wonach vor allem der US-amerikanische Verteidigungsminister Leon Panetta Vorbehalte gegenüber einen Schlag gegen den Iran habe.

Gegen eine amerikanische Unterstützung sprechen aber viele Argumente. Zum einen wollen die USA keinen zweiten Irak - Stichwort Massenvernichtungswaffen - erleben, zum anderen muss sich Präsident Barack Obama im nächsten Jahr der Wiederwahl stellen. Ein neuer Krieg würde dem Image Obamas nicht unbedingt gut tun. Für eine Unterstützung der USA spricht jedoch etwas anderes, sagt Bunzl: „Das Thema Iran ist bei den Pro-Israel-Kräften in den USA sehr wichtig." Die Lobby könnte den Druck auf Obama „so erhöhen, dass er hinter einer möglichen Militäroperation steht". (flog, derStandard.at, 7.11.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Premier Netanyahu und Verteidigungsminister Barak bei einem Besuch des Iron Domes, einem Raketenabwehrsystem, in Ashkelon.

Share if you care.