Aussicht auf Veränderung?

Leserkommentar8. November 2011, 08:40
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Über die Chancen einer katholischen Spaltung für die ganze Gesellschaft - Eine Vision für 2020?

Aus zwei triftigen Gründen dürfte ein Einlenken der offiziellen Kirchenführung auf die Ansinnen der Pfarrerinitiative unmöglich sein. Erstens, weil Rom in den anstehenden Konflikten nicht nachgeben kann und zweitens, weil auch in Österreich genügend Rom treue Kleriker das Sagen haben.

Für die Pfarrerinitiative andererseits geht es offenbar um Substantielles, zuallererst wohl um Ehrlichkeit den Menschen und dem Gewissen gegenüber, also um ein Ende der auf mehreren Ebenen stattfindenden Heucheleien: offizielle Gebote bezüglich Zölibat oder Kommunion-Spendung - inoffiziell aber "systematisches" Tolerieren von ähnlich "systematischen" Verstößen; offiziell ständig Vertröstungen und Abwiegeleien bezüglich der Anliegen des Kirchenvolksbegehrens - realistischerweise aber keinerlei Aussicht auf Veränderungen innerhalb der katholischen Amtskirche.

Ende des Blockierens möglich?

Wenn sich Schüller und Mitstreiter nun aber (auf welchem Weg auch immer) mit einer offiziellen Abspaltung von ihrer "Mutterkirche" anfreunden könnten oder müssten - wohin könnte das führen?

Es hätte das Potential, in überraschend viele bisher blockierte Bereiche unserer Gesellschaft Bewegung zu bringen.

Vor dem Spekulieren darüber jedoch noch einige grundsätzliche Überlegungen. Bei umwälzenden Entwicklungen ist es sicher gut, auf die Tragfähigkeit der Fundamente zu achten. Insbesondere betrifft das hier

a) den Zugang zu Erkenntnis überhaupt und
b) die soziale Verträglichkeit.

Ad a) Katholische (Rom treue) Theologie fußt auf dogmatisierten Erkenntnisgrundsätzen, mit denen reformorientierte, denkende Christen kaum einverstanden sein können: Genereller Vorrang des Glaubens vor der Vernunft, Glaube als Quelle und Garant größter Gewissheit. Speziell in vatikanischer Hand erweisen sich diese Grundsätze immer wieder als ein Instrument um beliebige Vorurteile aufrecht zu erhalten und missliebige Kritik oder gar Änderungswünsche abzublocken. Sie sind konträr sowohl zu heutiger Wissenschaftsauffassung wie auch zu schlichtem Hausverstand und sind als geistige Basis noch am ehesten für fundamentalistische Selbstmordattentäter tragfähig (Insofern ist der heuchlerische Umgang der Kirche mit den eigenen Dogmen gar nicht verwunderlich.)

Gerade Forderungen wie Zölibatsaufhebung, Frauenpriestertum oder liberalere Kommunionspendung sind dagegen ja Ergebnisse vernunft- und realitätsbezogenen Nachdenkens und nicht konservativer Gläubigkeit und Kadavergehorsams.

Ad b) Es ist signifikant, mit welcher Überheblichkeit der Vatikan sozusagen dem Rest der Welt seine Sexualmoral aufprägen will. Oder wie etwa den Evangelischen abgesprochen wird, Kirche zu sein. Und aus eigener Betroffenheit: Die Antwort des Pressesprechers Kardinal Schönborns auf meinen "Offenen Brief" vom 30.9. ist wie erwartet ausgefallen und durch zahlreiche Postings kommentiert. Auch hier ist die starre kirchliche Haltung Ursache für viel Unmut, was dann z.B. mit der Bezeichnung "Krawall-Atheismus" zusätzlich herab gewürdigt wird.  All das beeinträchtigt den sozialen Frieden.

Zeitgemäßere Positionierungen

Ich habe nun die Frage dieses "Offenen Briefes" persönlich auch an die Pfarrerinitiative gestellt und noch keine Antwort erhalten. Aus einem früheren langen Gespräch mit Helmut Schüller weiß ich aber, dass er hierzu eine völlig andere, nämlich "Ungläubigen" gegenüber nicht nur tolerantere sondern sogar respektvolle Sicht hat. Auch in den Fragen der Ökumene oder der Sexualmoral kann man bei ihm von einer wesentlich liberaleren Haltung ausgehen.

Solche zeitgemäßeren Positionierungen der Pfarrerinitiative machen sie also zu einer sowohl philosophisch wie auch dem sozialen Frieden zuträglicheren Institution als die Amtskirche. Nicht nur ihre populären praktischen Forderungen (die bei Abspaltung wohl umgehend legalisiert würden) macht sie einem Großteil der Bevölkerung sympathisch, sondern eben auch eine realistischere Grundhaltung zum vernünftigen Denken, was gerade aus aufklärerischer Sicht als wichtiger Fortschritt erscheint. Viele Kirchenmitarbeiter (bis hin zu ReligionslehrerInnen) würden sich erfreut dieser Gruppe zugehörig fühlen. Und über kurz oder lang würde sich dann auch politisch eine Mehrheit finden, die als kompetenten Ansprechpartner für den Staat statt der Amtskirche die aus der Pfarrerinitiative hervorgegangene Glaubensgemeinschaft sieht. Logischerweise wäre das Konkordat mit dem Vatikan sodann aufzukündigen und die Kultusagenden im Unterrichts-Ministerium neu zu ordnen. Möglicherweise würde es in der Folge Blockaden im Bildungsbereich sogar abseits religiöser Thematik zu lockern imstande sein.

Offenes Nebeneinander ermöglichen

Ein gleichberechtigtes (gewichtet durch die Mitgliederzahl) Nebeneinander verschiedener religiöser und weltanschaulich engagierter nichtreligiöser Gruppen wäre erreichbar. Die Romt reue Kirche wäre entsprechend ihrer verbliebenen Anhängerschaft weiter präsent und würde sich wohl mehr auf Klöster und Ordenshochschulen konzentrieren, während sich katholische Fakultäten auf den Universitäten voraussichtlich eher der Reformbewegung anschließen würden.

Es könnte also eine Abtrennung nicht nur befreiend für die Pfarrerinitiative und ihre Anhänger innerhalb der Kirche(n) sein, sondern auch für die große Gruppe der Konfessionslosen (in allen religiösen und nichtreligiösen Schattierungen).

Ist die Wahrheit ist "eine Tochter der Zeit?"

Grundsätzlich nicht einverstanden mit dieser Entwicklung wären nur die eingefleischten Anhänger der romtreuen Kirche, die einem Vorrang des Glaubens vor der Vernunft und einer aus dem Glauben geschöpften Gewissheit tatsächlich etwas abgewinnen können und sich auch nicht mit einem Satz wie "die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit" (Andreas Khol) trösten könnten. Das können aber nicht besonders viele, jedenfalls nur nicht besonders gern denkende Menschen sein - wenn man von jenen absieht, die dieses System aus Repressionsgründen aufrechterhalten wollen (was aber dann auch nur mehr gedämpfte Erfolgsaussichten hätte).

Kirchen- und Religionskritiker hätten dann also ein adäquates Mitspracherecht, das sie weniger zu Protest und Ablehnung sondern mehr zu Dialog und Mitgestaltung motivieren könnte.

Vorbildwirkung über Österreich hinaus

Eine Ausstrahlung solcher Synergieeffekte über den engeren religiös-weltanschaulichen Bereich hinaus auf die Parteienlandschaft wäre zu erwarten. Bisher fürs Blockieren aufgewendete Energien würden für Nützlicheres verfügbar. Weil gerade die Jungen skeptisch gegenüber den althergebrachten und starr institutionalisierten Religionen sind, wäre folglich sogar ein Abnehmen der Politik(er)verdrossenheit und ein Vertrauensgewinn gut möglich. Eine Vorbildwirkung über Österreichs Grenzen hinaus ebenso.

Und teurer als das bisherige System würde es für den Staat bei entsprechender Gestaltung auf Dauer ganz sicher nicht. (Leser-Kommentar, Hermann Geyer, derStandard.at, 8.11.2011)

Autor

Dipl.-Ing. Dr. Hermann Geyer, Jahrgang 1951, ist Systemanalytiker.

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