Planet der Wale

Die kolumbianische Pazifikküste gehört zu den entlegensten Regionen des Landes. Zwischen Ozean und Dschungel tummeln sich exotische Tiere aller Art - und ein paar wenige Ökotouristen

Durch den Schleier der Morgendämmerung dringt ein aufbrausendes Dröhnen. Als ob sich ein Schnellzug nähern und wieder entfernen würde. Es muss die Pazifikbrandung sein. Dicke Regentropfen trommeln auf das Dach der Hütte. Dazwischen fiepst, rattert und raschelt es in jeder Tonlage. Affen stoßen schrille Pfiffe aus, die an eine übersteuerte E-Gitarre erinnern, Zikaden brummen wie eine Armada von Zahnarztbohrern. Seltsam, wie sich die schläfrigen Sinne bemühen, den polyphonen Sound des Dschungels zu interpretieren.

Dann doch lieber die Augen öffnen: Der erste Blick durch den Moskitonetz-Kokon führt durch fensterlosen Luken direkt hinaus ins Freie, landet auf nass schillernden Blättern und grellbunten Blüten tropischer Pflanzen. Dahinter schlanke Palmen, die sich vor dem Meer verneigen. An der Rückseite des Bungalows die steil aufsteigenden Hügel des Regenwaldes, der dicht und dampfend bis an die Küste vorstößt. Als wäre die rechteckige Fensteröffnung ein LCD-Bildschirm, auf dem eine Natur-Doku läuft, bemerkt die Kollegin in der Nachbarhütte.

Dabei gibt es hier, in der Ecolodge El Cantil nahe Nuquí, weder E-Gitarren noch Fernseher noch Zahnärzte. Keine Straße führt zu der kleinen Anlage, keine Strom- oder Wasserleitung. Es gibt keine Bars, keine Postkarten, keine Handtücher auf den samtigen Sandstränden. Die Provinz Chocó im Nordwesten Kolumbiens ist die am wenigsten entwickelte und abgelegenste Region des Landes - und eine der regenreichsten der Welt. Ein grüner Waldteppich, der von currygelben Flüssen durchzogen ist, trennt den Küstenabschnitt zwischen Bahia Solano und Nuquí von der Metropole Medellín im Landesinneren. In etwa eineinhalb Flugstunden erreichen die kleinen Maschinen aus der Stadt den Pazifik. Es könnte genauso gut ein anderer Planet sein.

Zur Isolation trug nicht zuletzt die Guerillabewegung Farc bei: Die auf geschätzte 8000 aktive Kämpfer geschrumpfte Organisation nutzt den unwegsamen Urwald im Herzen von Chocó gern als Rückzugsort. Die Pazifikküste hingegen gilt als sicher - und wird nun als touristische Hoffnung des über Jahrzehnte in einen Drogenkrieg verwickelten Landes gehandelt. Armeehubschrauber, die über der Küste patrouillieren, Militärbasen und schwerbewaffnete Soldaten, die sich in gut getarnten Hütten langweilen, sind daher fixe Bestandteile der Landschaft - die ansonsten weitgehend unerschlossen ist.

Eine einzige, mit schlammigen Schlaglöchern gespickte Straße führt vom Flughafen von Bahia Solano an den Strand von El Valle, dann übernimmt das Boot die Funktion des universellen Transport- und Verkehrsmittels. Die Hauptstraße ist das Meer, gesäumt von einem schmalen Sandstreifen, einmal ockerbraun, dann wieder schieferschwarz. Dahinter baut sich übergangslos die Wand aus undurchdringlichem Dickicht auf.

Eine Uhr ist relativ überflüssig: "Bevor die Flut kommt" oder "Wenn es zu regnen aufgehört hat" sind gängige Zeitangaben. "Die Gezeiten sind unsere Zeit", bekräftigt Guillermo "Memo" Gomez. Der Mittvierziger ist ehemaliger Geschäftsmann aus Bogotá und seit 17 Jahren Aussteiger und Inhaber des El Cantil. Die Lodge gehört zu einer Handvoll Bungalowunterkünften, die mit Ökotourismus um die raren Gäste werben.

Müll zum Mitnehmen

Wobei ein nachhaltiger Lebensstil hier keine großen Anstrengungen abverlangt. Alles Nötige - und das ist nicht viel - wird notgedrungen vor Ort produziert. Strom, der nur beschränkt verfügbar ist, wird in Turbinen gewonnen, Wasser aus Regenwaldquellen. Üppige Früchte, für deren klingende Namen es keine Übersetzungen gibt, sprießen aus dem Immergrün, frischer Fisch, Kochbananen, Yamswurzeln, Reis, Maisfladen und zäher Käse bestreiten einen Gutteil der Mahlzeiten. Die Gäste sind angehalten, den anfallenden Müll in komprimierter Form in die nächste Stadt mitzunehmen.

Wer an die kolumbianische Pazifikküste kommt, hegt ohnehin keine hohen Ansprüche: Vor allem sind es Backpacker oder Touristen, die den gewissen exotischen Kick suchen. Die badewannenwarmen Gewässer an der kolumbianischen Küste sind schließlich auch bevorzugter Hideaway für Buckelwale. Zwischen Juli und Oktober zieht es ganze Herden aus der Antarktis in die großteils menschenleeren Buchten, wo sie den Nachwuchs gebären und sich paaren. Waleschauen gehört daher zum Pflichtprogramm eines jeden Besuchers. Denn wenn liebestolle Walmännchen um die Weibchen buhlen, ziehen sie alle Register.

Bereits kilometerweit entfernt erspähen die einheimischen Bootsführer die Fontänen der Wale und nehmen Kurs auf das Rudel. Dann geht alles sehr schnell. Schwarze Körper tauchen wie Felsen aus dem brodelnden Wasser auf. Meterlang schiebt sich ein buckeliges Rückgrat durch die Luft, bis sich die Schwanzflosse majestätisch erhebt - und dann wie in Zeitlupe in der Tiefe verschwindet. Von allen Seiten umringen zwölf tonnenschwere Wale das Boot, die vernarbte Haut zum Greifen nah. Akrobatisch schwingen sie ihre Flossen in die Höhe, winden sich spielerisch im Wasser, ächzen und schnauben. Bis die Bande gemächlich abzieht und sprachlose Beobachter zurücklässt.

Überhaupt ist die immense Artenvielfalt in diesen Gefilden für den Durchschnittseuropäer schlicht umwerfend: Delfine, Tukane, Pelikane, Kolibris, Pfeilgiftfrösche, Blattschneiderameisen, Leguane springen einem quasi ins Auge. In geführten Wanderungen, die in den Lodges angeboten werden, geben Bewohner aus den umliegenden Dörfern ihr umfangreiches Know-how über die Heilwirkungen der Urwaldpflanzen weiter.

Im Chocó leben bis auf wenige indigene Stämme im Landesinneren fast ausschließlich Afrokolumbianer. Das Bildungsniveau ist niedrig, die Dörfer sind verarmt. "Wir wollen den Einheimischen Arbeit geben", betont Gomez. Auch wenn er die Frauen, die im El Cantil für die Gäste kochen, manchmal dazu überreden müsse, wenn sie wieder einmal keine Lust hätten. Trotz guter Absichten bleibt der schale Nachgeschmack einer gönnerhaften Haltung bei der zugewanderten weißen Minderheit.

Mangroven statt Koks

Der Nationalpark Utría etwas weiter nördlich wird allein von den Einheimischen gemanagt. "Wir teilen sämtliche Einnahmen aus dem Tourismus untereinander auf", sagt Ranger Lincoln, der durch Mangrovenwälder führt und die Besucher zum Schnorcheln zu Korallenriffen bringt. Die Besucherzahlen halten sich in Grenzen. "Der Naturschutz ist für die Hotels der einzige Weg, um zu überleben", sagt César Isaza, Betreiber der Ecolodge El Almejal nahe Bahia Solano. Er hat sich der Rettung von Schildkröten verschrieben: Biologiestudenten buddeln die Eier aus und vergraben sie in einer geschützten Sandkiste, wo sie ungestört unter der Sonne brüten. Unter Schutz stehen auch die Gäste, scheint es. Von Koksfabriken und Farc will keiner etwas wissen. Nur einmal, 2003, habe sich die Guerilla an die Küste vorgewagt, sagt Isaza. Jetzt sei alles "clean". (Karin Krichmayr/DER STANDARD/Rondo/04.11.2011)

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