"SPÖ ist im bildungs­politischen Tiefschlaf"

Interview7. November 2011, 12:55
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Der Grünen-Abgeordnete Harald Walser hofft, auch die "Besitzstandswahrer" in der ÖVP überzeugen zu können

"Man kann heute Bildungsthemen intensiver diskutieren. Das ist schon einer der Erfolge", sagt Harald Walser, Bildungssprecher der Grünen, über das Bildungsvolksbegehren. Im Interview mit derStandard.at spricht der Abgeordnete über das Bildungsmusterland Finnland und den ehemaligen SPÖ-Unterrichtsminister Fred Sinowatz, "der in Österreich sehr stark unterschätzt wird".

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derStandard.at: Warum soll sich nach dem Volksbegehren in Bildungsfragen die politische Landschaft ändern?

Walser: Auch ein Baustoff wie Beton ist der Zeit ausgesetzt. Der Bildungsbeton in Österreich ist so alt, dass er brüchig wird. Vor wenigen Jahren wäre es noch unmöglich gewesen, dass es innerhalb des sogenannten bürgerlichen Lagers breite Kräfte gibt, die grundlegende Reformen wollen. Jetzt ist es so. Wir haben eine Pressekonferenz mit Industriellenvereinigung und Grünen. Wir sollten die positiven Seiten sehen: Der Ruf aus der Wirtschaft ist ein immer lauter werdender.

derStandard.at: Wer sich in letzter Zeit zurückhält ist die Bundes-SPÖ, wie erklären Sie sich das?

Walser: Die Bundes-SPÖ ist im bildungspolitischen Tiefschlaf, das ist sie schon länger. Es gibt auch innerhalb der SPÖ nicht genügend Unterstützung bei Vorhaben der Ministerin. Es ist ja nicht alles schlecht, was aus dem Ministerium kommt. Claudia Schmied ist aber oft "Claudia allein zu Hause". Es ist niemand da, der parteiintern Druck für Bildung macht. Sie hat deshalb die umfassende Schulreform aufgegeben. Der Blockierer ist ausgemacht, das ist die GÖD (Gewerkschaft öffentlicher Dienst, Anm.). Das ist für die SPÖ eine bequeme Situation. Die SPÖ ist leider nicht der Reformmotor, den sie früher einmal vorgegeben hat zu sein.

derStandard.at: Sie haben gesagt, der Beton innerhalb der ÖVP bröckelt. Wird er aber bis zu den nächsten Wahlen aufgeweicht sein?

Walser: Ich glaube nicht, dass es sich die Wirtschaftskreise in der ÖVP weiterhin gefallen lassen werden, dass die Besitzstandswahrer mit beiden Füßen auf der Bremse stehen. Man spürt die Bewegung, die Bereitschaft, sich auf das Thema einzulassen, auch bei Menschen, die uns parteipolitisch nicht nahe stehen. Das Bildungsvolksbegehren hilft uns vielleicht, die Reform einzuleiten.

derStandard.at: Ab wann wäre denn das Bildungsvolksbegehren ein Erfolg?

Walser: Über Zahlen zu spekulieren ist müßig. 100.000 Unterschriften wären natürlich eine Enttäuschung. Es geht nicht um die Zahlen, sondern um die Qualität der Diskussion und die hat sich verbessert. Man kann heute Bildungsthemen intensiver diskutieren. Das ist schon einer der Erfolge.

derStandard.at: Sie waren unlängst in Finnland und haben sich das Schulsystem des PISA-Musterlands angesehen. Welche Unterschiede zwischen dem österreichischen und dem finnischen System sind Ihnen aufgefallen?

Walser: Das Beeindruckendste in Finnland ist die Fokussierung auf das Individuum. Jedes Kind wird beachtet. Es wird kein Kind zurückgelassen. Jedes Kind ist in intensivster pädagogischer Betreuung. Beeindruckend ist auch die Wertschätzung, diese unaufgeregte und auf gleicher Augenhöhe stattfindende Kommunikation. Ein dritter Punkt ist die starke Beachtung des elementarpädagogischen Bereich.

derStandard.at: Was unterscheidet die Kindergärten in Österreich und in Finnland?

Walser: Das äußert sich allein im Betreuungsverhältnis. In den Kindergärten bei den bis zu Dreijährigen gibt es eine gesetzlich vorgeschriebene Betreuungsquote von maximal 1 zu 4. Bei den 3- bis 6-Jährigen hat eine Pädagogin maximal zwölf Kinder. Dann ist natürlich auch die Infrastruktur besser. Jedes Kind hat im Kindergarten sein eigenes Bett, jeder Kindergarten und alle Schulen haben eine Kantine.

derStandard.at: Was kann Österreich vom finnischen System lernen?

Walser: Es gibt wesentliche Punkte, die wir in Österreich angehen müssen. Eines ist die PädagogInnenausbildung, auffallend ist auch eine andere Schularchitektur. Es ist aber alles miteinander verzahnt, wir müssen an vielen Rädchen drehen, damit wir unser System weiterbringen. Es braucht auch die stärkere Beachtung des elementarpädagogischen Bereichs und eine gemeinsame Schule bis zum 14. Lebensjahr.

derStandard.at: In Österreich füllen die Schulen den Bildungsbereich nicht mehr alleine aus. Durch Nachhilfe muss extern Stoff nachgeholt werden. Auch ein Unterscheidungsmerkmal zu Finnland?

Walser: Die finnische Schule ist eine ganztägige Schule, das geht bis etwa 14 oder 15 Uhr in den frühen Nachmittag hinein, auch im Kindergarten. Es ist vollkommen klar, wenn es spezielle Probleme gibt, dass die Schule verantwortlich ist. Dass ist eine völlig andere Grundeinstellung. Die Schule ist verantwortlich für den Lernerfolg der Kinder und Jugendlichen.

derStandard.at: Lassen wir in Österreich die Schüler zu sehr alleine?

Walser: Friss, Vogel oder stirb! Da können Lehrkräfte oft ganz wenig unternehmen, weil sie innerhalb der Struktur nicht genügend Möglichkeiten haben. Wir lassen die Lehrkräfte mit den Problemen allein. Wenn sich in Finnland ein Problem anbahnt, beginnt ein Unterstützungssystem. Es wird ein individueller Lernplan entwickelt, um den betroffenen Jugendlichen zu helfen.

derStandard.at: Ist in Österreich der Stellenwert der Bildung in Politik und Gesellschaft niedriger?

Walser: Ja. Das merkt man am besten an der Wertschätzung, die LehrerInnen entgegen gebracht werden. Lehrkräfte werden assoziiert mit langen Ferien, nachmittags frei und einer starken Gewerkschaft. In Finnland wollen sehr viele junge Menschen Lehrer werden. Es werden auch extrem viele abgewiesen. In der Stadt in der wir waren, war die begehrteste Schule die Volksschule. Für 80 Plätze an der Pädagogischen Universität gab es 2000 BewerberInnen.

derStandard.at: Gibt es auch etwas, wo das österreichische System besser ist?

Walser: Wo wir in Österreich große Chancen hätten, wäre in der Sekundarstufe II. Einerseits bei der dualen Ausbildung, anderseits bei den berufsbildenden höheren Schulen. Das ist vom Grundansatz her ein gutes System. Hier liegen durchaus Stärken des österreichischen Schulsystems.

derStandard.at: Das heutige finnische System hat seinen Ursprung in den Reformen der 1970er-Jahren. War man in Österreich hier zu konservativ?

Walser: Ich muss da eine Lanze brechen für einen Politiker, der in Österreich sehr stark unterschätzt wird: Fred Sinowatz. Er war in den 1970er Jahren Unterrichtsminister und hat in den damals möglichen Rahmenbedingungen das Optimum herausgeholt. Man hat breiten Schichten den Bildungszugang ermöglicht und viel in Schulneubauten investiert. Das war eine Zeit des Bildungsbooms. Man hat damals auch die Oberstufengymnasien entwickelt. Ich glaube schon, dass es damals auch in Österreich einen Schub gegeben hat, aber nicht so einen grundsätzlichen wie in Finnland. (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 7.11.2011)

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    "Die SPÖ ist leider nicht der Reformmotor, den sie früher einmal vorgegeben hat zu sein."

  • Harald Walser besuchte Schulen in Finnland: "Die Schule ist verantwortlich für den Lernerfolg der Kinder und Jugendlichen."
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    Harald Walser besuchte Schulen in Finnland: "Die Schule ist verantwortlich für den Lernerfolg der Kinder und Jugendlichen."

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