Van der Bellens Studiengebühr-Irrtum

Kommentar der anderen | 6. November 2011, 18:23

Warum die Grünen die gebührenfreundliche Positionierung ihres ehemaligen Bundessprechers in der Debatte um die Hochschulreform für entbehrlich halten: Zurechtrückungen einer "Einzelmeinung" - Von Harald Walser

Studiengebühren einführen? Wir sollten in der neu entflammten Diskussion den Ball eher flachhalten und einen Blick auf die konkrete Situation werfen - das schützt vor Irrungen und Wirrungen. Der grüne Wissenschaftssprecher Kurt Grünewald macht das seit Jahren und ist folgerichtig mit guten Gründen immer vehement gegen Studiengebühren eingetreten. Mein hochgeschätzter Kollege Alexander Van der Bellen aber hatte diesbezüglich immer schon eine sehr eigenständige Meinung und sieht die Sache etwas anders (siehe Standard-Interview vom 29.10.). In einer offenen Partei ist das ja kein Problem.

Wer über die Einführung von Studiengebühren sinniert, sollte zunächst einmal jene Fakten zur Kenntnis nehmen, die dem kürzlich im Parlament diskutierten aktuellen Bericht zur sozialen Lage der Studierenden in Österreich zu entnehmen sind: 61 Prozent der Studierenden müssen während des Semesters durchschnittlich knapp 20 Wochenstunden arbeiten, um ihr Studium finanzieren zu können, weitere 19 Prozent in den Ferien. Tendenz steigend: Im Vergleich zu 2006 hat die Erwerbsquote um vier Prozentpunkte zugenommen.

Und was sind die Folgen dieser Situation? Hohe Drop-out-Quoten und eine im internationalen Vergleich überlange Studiendauer. Sie kommen Staat und Gesellschaft teuer zu stehen und bringen zudem große Probleme für die Studierenden: 28 Prozent haben Arbeits- und Konzentrationsschwierigkeiten, 16 Prozent leiden an stressbedingten gesundheitlichen Beschwerden, 15 Prozent haben psychische Probleme und Ängste wegen ihres Studienfortschritts.

Reiche Eltern für alle?

Ein lustiges Studentenleben schaut anders aus. Wer - wie Andrea Heigl in einem Standard-Kommentar - davon spricht, Grüne und SPÖ hätten eine "Justament-Haltung gegen Studiengebühren" und ignorierten "die Lebensrealität der Studierenden", verweigert sich genau dieser Realität. Außerdem: Studierende aus bildungsfernen Schichten sind an unseren Universitäten und Hochschulen nach wie vor deutlich unterrepräsentiert, der Anteil von Studierenden aus den einkommensschwachen Schichten ist zudem in den letzten zehn Jahren kontinuierlich gesunken. Wir sind auf einem schlechten Weg. Dennoch erhalten nur 25 Prozent der Studierenden staatliche Unterstützung. Laut einer Untersuchung in zwölf europäischen Ländern werden Doktoranden nirgends so wenig finanziell unterstützt wie hierzulande. Reiche Eltern für alle als Lösung?

Ungenützte Ressourcen

Es kann nicht verwundern, dass wir in Österreich "meilenweit" von Chancengleichheit beim Bildungszugang entfernt sind - so Josef Wöss, einer der Experten im Wissenschaftsausschuss Mitte September. Das ist nicht nur himmelschreiend ungerecht, sondern hat auch negative Auswirkungen auf die österreichische Wirtschaft, weil Humanressourcen ungenützt bleiben.

Es geht auch anders. Ich komme gerade aus Finnland, wo ich mit einer Studiengruppe das dortige Bildungssystem näher kennengelernt habe. Auch dort gibt es Studiengebühren - allerdings nicht von den Studierenden an den Staat, sondern vom Staat an die Studierenden. Unabhängig vom Einkommen der Eltern erhält jeder und jede Studierende zwischen 400 und 500 Euro pro Monat - je nach Mietkosten. Nebenjobs gibt es zwar auch - sie sind aber hauptsächlich in den Ferien ein Thema.

Auf ein besonders hinterlistiges Scheinargument muss noch eingegangen werden: Mit der Einführung von Studiengebühren bitte man nur die Reichen zur Kasse, während man den Ärmeren ja durch Stipendien unter die Arme greifen könne. Dieses Argument sticht nicht: Reiche bittet man am besten dadurch zur Kasse, dass man ihr Einkommen endlich entsprechend ihrer Leistungskraft besteuert. Derzeit ist das nicht der Fall.

Studiengebühren sind allemal auch eine psychologische Hürde für Menschen mit wenig Einkommen; Reiche hingegen kümmert eine solche Gebühr in der Tat nicht. Studierende aus bildungsfernen Schichten wären dann an den Unis noch schwächer vertreten, als das jetzt schon der Fall ist.

Natürlich brauchen unsere Hochschulen deutlich mehr Geld. Die Einnahmen aus Studiengebühren, die etwa 150 Millionen Euro pro Jahr bringen würden, wären da nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Kontraproduktive Strategie

Das hat auch der Gesetzgeber erkannt. Immerhin gibt es einen gültigen Beschluss des Nationalrats, dass die Mittel für den tertiären Bildungssektor auf zwei Prozent des BIPs steigen sollen. Wir halten derzeit gerade einmal bei gut 1,2 Prozent - auf den angestrebten Wert fehlen uns noch fast zwei Milliarden Euro.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Studiengebühren sind kein Teil der Lösung unserer Hochschulmisere. Ganz im Gegenteil: Sie würden diese Misere noch verschärfen.

Von den Grünen kommt daher ein klares Nein! Und das wird so bleiben. (Harald Walser, DER STANDARD Printausgabe, 7.11.2011)

Harald Walser ist Abgeordneter zum Nationalrat und Bildungssprecher des Grünen Klubs.

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pacatianus
 
00
28.11.2011, 19:10
Wir brauchen Akademiker,

wir brauchen Ärzte (werden in ganz Europa zu wenig) Ingenieure, Lehrer, Architekten, Polizisten, Steuerberater, Chemiker, Bauern, Werkzeugmacher Journalisten Maler etc etc damit dieser Staat funktioniert. Warum muss ein Chemiker für die Ausbildung bezahlen und ein Polizist nicht, warum ist die Ausbildung an der Militärakademie frei von Studiengebühren und an der medizinischen Fakultät muss der Studierende zahlen?
Davon abgesehen, dass es die größte Dummheit ist jungen Leuten die Ausbildung zu vermiesen oder deren Familien dafür zu bestrafen, verstößt es eklatant gegen den Gleichheitsgrundsatz.

1x1
00
19.11.2011, 21:41
Die Finnen

haben's drauf.

Sudieren ist nicht für alle gleich teuer:

Ein Wiener Student kann bei seinen Eltern wohnen. Das ist billig.

In Vorarlberg gibt es keine Uni - Vorarlberger Studenten müssen sich einen Bleibe - z.B. in Wien - suchen und sich selbst verpflegen. Das ist teuer.

Kreiskys Ansatz "jeder soll studieren können, unabhängig von seiner Herkunft" wurde erst in Finnland fertig gedacht.

Trombone53
 
62
7.11.2011, 16:38
Noch überlebt die "unterste Schicht"

Meine Schwägerin studiert, obwohl ihre Mutter (Witwe) nur ca. 800 € Rente monatlich bezieht. Sie bekommt ein Stipendium, kann damit leben und muss in den Ferien nicht arbeiten.

Neben dem im Studium Gelernten, hat sie noch sparen und effizient studieren gelernt. Gibt es etwas schöneres Herr Walser? So wie man Stipendien vergeben kann, kann man auch Studiengebühr nachsehen. Sie als Vorarlberger müssten den Spruch kennen: Was nix koschtat, ischt nix wert!

smea_gol
00
20.11.2011, 20:12

btw.: Ihr mundart spruch rangiert für mich in der gleichen liga, wie "machst du, spurst du, oder ich mach dich kickbox"

smea_gol
00
20.11.2011, 20:11

einmal mehr ein beweis dafür, dass so bauernschädeln wie du besser den schlapfen halten sollten.

Marquis de Venosta
01
8.11.2011, 09:42
Irrte Wolfgang Ambros, ...

... als er sang

"...
Net olles wos an Wert hot, muas a an Preis hom,
oba moch des amoi wem klor!
..."

?!

x aeins
12
8.11.2011, 09:26

Gerede. Klingt wie: "mein kettenrauchender Opa wurde auch 90". Funktioniert da wie dort nur unter speziellen Bedingungen, da bei abnormer Abbaugeschwindigkeit der Schadstoffe, dort bei Hausfrauenstudium ohne viel Praktika und bei leichter Erreichbarkeit des Studienendes innerhalb des Sollwerts. Solche Verallgemeinerung stammen von Menschen die wenig Durchblick haben, oder die solchen mit wenig Durchblick etwas aufschwatzen wollen.

danielle durands schatten
13
7.11.2011, 18:12

solche kalendersprüche sind auch in pseudo-mundart dämlich!

Helmut Hromadnik21
 
22
7.11.2011, 17:43
.........."Was nix koschtat, ischt nix wert!".........

Es gibt wohl keinen entlarvenderen satz für das kapitalistische denken des "habens" an stelle des "seins" !

Mutterliebe ist also auch nichts wert, weil sie nichts kostet ?

Es gibt kaum dümmeres als diesen satz, der erzkonservativem, rein materialistischem denken entstammt !

kerstin stiege
02
8.11.2011, 21:44

dann freuen wir uns alle gespannt darauf wie uns die antikapitalisten das sein ohne haben demonstrieren ;)

letter
11
7.11.2011, 17:59

böser, böser Kapitalismus, echt....

Kawummm !
43
7.11.2011, 16:34
was kleines nebenbei

ich habe am wifi wien die gastgewerbekonzession gemacht, der kurs dauerte 5 wochen und danach nach 2 wochen hatte ich die prüfung . kosten gesamt 1500 €, wer steht nun für mich auf ? keine teilrückerstattung vom waff weil ich nö bin. ich wohne ca 15 km von wien entfernt und wollte nicht täglich nach st.pölten pendeln weil ich damals frisch vater wurde. deshalb auch keine unterstützung von nö. ich habe mich auch erkundigt, ich hätte wenn ich wiener gewesen wäre damals 400 € unterstützung bekommen .. das wären dann auch noch für 5 wochen kurs 1100 €. die angedachten 350 € pro semester entlocken mir ein lächeln

Mr. Spock (der echte)
00
19.11.2011, 20:51

Ok, allerdings war die Ausbildung bzw. Lehre gratis, stimmts?

Wenn ich z.B. als Zahnarzt eine Zusatzausbildung mache, muss ich auch fuer diese zahlen (Laenge mal Breite). Zusatzausbildungen kosten (meistens) - allerdings sollte die Grundausbildung gratis sein. Und un diese geht es in dieser Diskussion, nicht um Zusatzqualifikationen.

trollvottel
22
7.11.2011, 16:48

LOL, Äpfel und Birnen; du zeigst damit doch nur deine Ahnungslosigkeit. Es gibt Kurse, die noch ein Vielfaches davon kosten.

Womit vergleichst du ein Studium als nächstes? Dem Thetan 3. Stufe von Scientology, der soviel kostet wie mehrere Sportwagen?

bixente uhudla
 
52
7.11.2011, 18:25

aber warum sollte ausgerechnet das studium kostenlos sein,wenn alle anderen formen von weiterbildung für erwachsene etwas kosten...?

Der Steiner
04
7.11.2011, 23:14

Ein Studium ist keine Weiterbildung. Es ist die Grundausbildung für wissenschaftliches Arbeiten, vermittelt hochkomplexes Wissen sowie die Fähigkeit selbstständig neues Wissen zu erwerben und einzusetzen.

W s
42
7.11.2011, 16:20
Da hat er aber mal recht

der Van der Bellen.

Schwarz Grün
104
7.11.2011, 15:56
ich weiss ja nicht, ob herr walser studiert hat,

aber ich nehm es mal an - so als bildungssprecher einer oberschichtpartei ....

wundern tut mich, warum ein vertreter einer partei, die sich seit monaten über die qualität der dissertation von gio hahn altruiert, selber so schlecht, unzusammenhängend und unlogisch argumentieren kann ....

aber logisch denken und schreiben scheint man halt nicht an allen fakultäten in österreich zu lernen; stimmts herr walser?

Helmut Hromadnik21
 
11
7.11.2011, 17:47

ANONYM kritisieren ist besonders mutig, herr schwarz-grün !

Ogen
41
7.11.2011, 15:41

Was spricht eigentlich gegen Studiengebühren, die nach Beendigung des Studiums ab einer gewissen Einkommenshöhe eingehoben werden.

Die Kosten des Studiums würden betraglich festgesetzt (uU auch abhängig von der Studiendauer) und erst nachträglich, ab Erreichen eines bestimmten Einkommens, zB im Wege des Lohnsteuerabzugs/ESt-Veranlagung, eingehoben. Erreicht man diese Einkommensgrenze nicht - sprich zieht man aus dem Studium keinen bzw nicht den erwarteten finanziellen Nutzen - entfällt die "Abzahlung".

MartinB
00
7.11.2011, 19:41

Gibt schon. sogar mit zusatzregelung die solidaritaet von nicht studierten besserverdienern einfordert:

Nennt sich progressives Steuersystem.

Säure- und hitzebeständiges Archaebakterium
110
7.11.2011, 14:41
Überzeugend argumentiert, sachlich unwiderlegbar!

Nur eines noch! Für die Befürworter des häufig angedachten Studienkredites:

Der frisch ausgebildete Akademiker soll seine Berufslaufbahn mit einem Berg Schulden beginnen?

Ein Akademiker zählt mit seiner Lebensverdienstsumme zu den oberen Einkommensbeziehern. Er zahlt also dementsprechend in den Staatssäckel ein und trägt so überdurchschnittlich zum BIP bei!

Wozu also die Anzahl der Akademiker durch kurzsichtige Studiengebühren weiter verringern? Oder die Studiendauer verlängern?

Fazit: Studiengebühren NEIN, sie dienen der ÖVP lediglich dazu, ihrem eigenen, begüterten Klientel einen Startvorteil zu sichern!

princeps legibus solutus
23
7.11.2011, 15:50
ihre argumentation ist unschlüssig

akademiker verdienen besser, zahlen deshalb über steuern mehr in die staatskasse ein. das trifft aber auf alle besserverdiener zu, auch auf jene, die nie studiert haben.

da die akademiker aber ihr höheres gehalt eindeutig dem studium verdanken, wäre es schon fair, wenn sie dafür auch etwas bezahlen. allerdings hat es keinen sinn, sie während des studiums dafür bezahlen zu lassen, wo sie ohnehin kein geld haben.

am besten wäre eine kleine akademikerabgabe für alle akademiker ab einem gewissen verdienst. z.b. würde 0,5 % des bruttolohnes niemand abgehen, die summe würde aber ein vielfaches von studiengebühren ausmachen und sie solle unmittelbar jener uni zu gute kommen, in der der akademiker den abschluss erworben hat

trollvottel
10
7.11.2011, 16:59

Dafür hat jeder Hackler locker 10 Jahre länger in die Pensionskasse eingezahlt.

Wennst mit 14 eine Lehre anfangst und immer hackelst, kommt einiges zusammen.
... gerade im Vergleich zu jemandem, der bis 18 in die Schule geht, dann wegen der Unterfinanzierung der Unis nicht die Kurse besuchen kann, die er braucht; nach sagen wir 7 Jahren fertig ist und dann mit "zweite Hälfte 20" erstmals überhaupt im Pensionssystem aufscheint.

trollvottel
00
7.11.2011, 16:49

Der Doktor der Geologie, mit dem ich manchmal im Taxi mitfahre, soll dann noch Sondersteuer zahlen?

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