"Wir brauchen eine bessere Überwachung"

6. November 2011, 18:10
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Kostenlos gegen Pneumkokken impfen oder nicht? Diese Frage stellt Gesundheitsbehörden vor schwierige Entscheidungen. Die Expertin Sigrid Heuberger gibt Einblick in die komplexe Sachlage

STANDARD: Derzeit wird im Gesundheitsministerium darüber verhandelt, alle Kinder gegen Pneumokokken zu impfen. Ist das sinnvoll?

Heuberger: Ja. Betrachtet man ausschließlich Infektionskrankheiten, sterben weltweit die meisten Menschen, vor allem Kinder, an von Pneumokokken verursachten Erkrankungen. Außerdem lösen die Bakterien schwere Folgeschäden aus. Eine Hirnhautentzündung kann bis zur Taubheit führen und verläuft viel schlimmer als bei Meningokokken.

STANDARD: Studien bezweifeln den Nutzen der Impfung. Überprüft man, wie viele Menschen seit Einführung der Impfung in Österreich an Pneumokokken gestorben sind, stellt man fest: Es werden mehr.

Heuberger: Das ist richtig. Die erhöhte Sterblichkeit unter den Pneumokokkeninfektionen geht allerdings mehrheitlich auf die Todesfälle unter der älteren Bevölkerung zurück, die nicht mit den neueren Impfstoffen geimpft werden. Wir können auch nicht mit Bestimmtheit sagen, ob die Todesfälle tatsächlich zunehmen.

STANDARD: Warum nicht?

Heuberger: Das hängt damit zusammen, wie die Daten erhoben werden. Meldepflichtig sind die sogenannten invasiven Pneu- mokokken-Erkrankungen (IPD), wenn also die Bakterien ins Blut oder ins Hirn eingedrungen sind. Eine reine Lungen- oder Mittelohrentzündung kann, muss aber nicht gemeldet werden. Da ist es den Ärzten oder Kliniken freigestellt, ob sie ihre Daten melden. So schwankt die Anzahl der Daten, die wir auswerten. Um stichhaltige Aussagen treffen zu können, müsste man die Sterblichkeit über Jahre nach Alter, Pneumokokken-Stamm sowie dessen Resistenzverhalten und eventuelle Erkrankungen des Patienten untersuchen. Das ist sehr aufwändig.

STANDARD: Das erklärt nicht, warum in Österreich die Zahl der Pneumokokkenstämme steigt, gegen die die Impfstoffe wirken sollen. Das Gegenteil ist zu erwarten?

Heuberger: Auf den ersten Blick ist es erstaunlich. Ich vermute, dass dies mit dem Impfverhalten der Bevölkerung zusammenhängt. Bislang übernehmen die Krankenkassen lediglich die Impfungen für Frühgeborene, Senioren und Risikogruppen wie chronisch oder HIV-kranke Menschen. Für alle anderen wird die Impfung zwar empfohlen, doch die Eltern und Patienten müssen sie selbst bezahlen. Ich gehe davon aus, dass nach einer ersten Welle nach Einführung des Impfstoffs Impfmüdigkeit aufgekommen ist. Aber auch hier fehlen uns Informationen. Die Zahl der Menschen, die selbst für die Impfung aufkommen, wird nicht erhoben.

STANDARD: Kann man ausschließen, dass der Impfstoff nicht wirkungsvoll genug ist?

Heuberger: Alle ausländischen Untersuchungen belegen für die im Impfstoff enthaltenen Pneumokokkenstämme das Gegenteil.

STANDARD: Wie kann man sich vor den Stämmen schützen, die nicht in den Impfstoffen enthalten sind?

Heuberger: Der beste Schutz ist eine strenge Überwachung. Dann sind die Mediziner vorbereitet und können Maßnahmen ergreifen. Das empfehlen auch die Experten aus Großbritannien, die Kinder seit zehn Jahren impfen. (Edda Grabar, DER STANDARD, Printausgabe, 07.11.2011)

  • Sigrid Heuberger ist Leiterin der Nationalen Referenzzentrale für Pneumokokken bei der Ages in Graz.
    foto: der standard

    Sigrid Heuberger ist Leiterin der Nationalen Referenzzentrale für Pneumokokken bei der Ages in Graz.

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