Die Gefahren des unsichtbaren Straßenstrichs

6. November 2011, 17:55
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Viele Prostituierte halten sich an das neue Gesetz und schaffen im Wohngebiet nicht mehr an - Dort, wo sie stehen dürfen, sind sie den Freiern jedoch schutzlos ausgeliefert

Wien - Der Gang in den Prater sei "der schwerste seines Lebens gewesen", erzählt Edi Gruber. Schließlich habe er als "Anzettler" der Bürgerinitiative maßgeblich zum Ende der Straßenprostitution in der Felberstraße im 15. Bezirk beigetragen. Dass die Frauen nun im finsteren Prater stehen müssen, das habe er nicht gewollt.

Zehn Minuten später stößt Gruber eine junge Prostituierte an die Wand, die ihn anschreit. Wutentbrannt war sie aus dem "Club 28" auf der Felberstraße auf ihn zugestürmt, als sie ihn Samstagnacht vor dem Fenster patrouillieren sah. "Hau ab, du hast alles kaputtgemacht", schreit sie. Nach seinem Stoß spuckt sie Gruber ins Gesicht, bevor sie wieder in das Lokal verschwindet, wo die Frauen dichtgedrängt sitzen.

Herr Gruber ist in ihren Augen schuld daran, dass sie kein Geschäft mehr machen. Denn seit Wiens neues Prostitutionsgesetz am vergangenen Dienstag in Kraft getreten ist, darf keine Anbahnung mehr im Wohngebiet stattfinden, dafür hat sich die Bürgerinitiative monatelang starkgemacht. Die Rumänin, mit der Gruber die Auseinandersetzung hatte, hat ausprobiert, was das neue Gesetz mit sich bringt: Weil zu wenige Freier ihren Weg ins Lokal gefunden haben, stieg sie mit einem ins Auto. Das faustgroße Hämatom auf ihrer Hüfte zeugt noch von dem Biss, den ihr der Mann im Schutz der Abgeschiedenheit zugefügt hat. Sie konnte fliehen, aber das Auto als Ort des Geschäftes sei keine Option mehr für sie.

Für die anderen etwa 20 Frauen, die im "Club 28" verzweifelt auf Laufkundschaft warten, ebenso wenig. Übergriffe kämen hier natürlich auch vor - doch im Stundenhotel hat jedes Zimmer einen Alarmknopf. Im Parkhaus oder auf der Raststation sind sie dem Freier noch mehr ausgeliefert, als ohnehin.

Strafen schrecken Freier ab

Die Frauen sind vorerst von der Straße verschwunden und mit ihnen die Freier, die neuerdings gestraft werden können, wenn sie im Wohngebiet Prostituierte ansprechen. Waren es vorher zwischen fünf und zehn Kunden am Tag, seien es jetzt mit Glück zwei, erzählt Zita. Vor ein paar Tagen hat sie einem Kunden auf der anderen Straßenseite etwas zugerufen. Ein Polizist hat sie dabei erwischt, die Strafe wird sie bald per Post bekommen. Mindestens 300 Euro. Allein im "Club 28" haben die Frauen Strafen von 25.000 Euro offen. Die Vollamnestie, wie es SPÖ und Grüne ursprünglich geplant hatten, blieb aus. Sie wäre verfassungswidrig.

Wie sie die alten Strafen abbezahlen sollen, jetzt, wo sie ihre Kunden nicht mehr auf der Straße finden, wissen sie nicht. In den Prater oder nach Auhof, wo sie stehen dürfen, wollen die Frauen des "Club 28" auf gar keinen Fall. Dort sei es schmutzig, schlecht besucht und vor allem: gefährlich. In der Nacht von Freitag auf Samstag soll es bei Auhof laut Christian Knappik, der für die Plattform Sexworker.at das Frauennotruf-Telefon betreut, zur ersten Vergewaltigung gekommen sein. Anzeigen wollte die Frau den Täter nicht. Zu groß ist die Angst, sich selbst zu belasten - sie arbeitet illegal, wie geschätzte 2.500 weitere Frauen in Wien. Ein Arzt, der die NGO unterstützt, hat ihre Verletzung genäht. Anonym.

Notfall

Während Knappik die Geschichte erzählt, läutet wieder sein Telefon. Der nächste Notfall. Eine Sexarbeiterin wurde von ihrem Zuhälter verprügelt, Knappik gibt ihr Anweisung, die Wohnung zu verlassen, am Telefon zu bleiben, laut zu schreien, wenn er ihr nachläuft. Dann organisiert er eine Schutzwohnung, wo sie über Nacht bleiben kann. Sie wird später ein Handy und Bargeld von einer Frau bekommen, die auch für "Sexworker" im Einsatz ist.

In der Perspektivstraße beim Prater stehen an diesem Abend ein gutes Dutzend Frauen auf der Straße, alle paar Meter eine. Geht es nach dem Gesetz, soll ein Großteil der 150 Wiener Straßenprostituierten dort ihrem Geschäft nachgehen. Aber in der Umgebung gibt es zu wenige Stundenhotels. Ihre Notdurft müssen die Frauen hinter den Bäumen verrichten, mit den Freiern fahren sie ins nebenstehende Parkhaus.

Straßenstrich ohne Zufahrt

In der zweiten Erlaubniszone bei Auhof sieht es nicht viel besser aus. Dass es hier einen legalen Straßenstrich gibt, der mit dem Auto nicht erreicht werden kann, verwirrt selbst die Polizei. Aber hier befindet sich tatsächlich eine mit einem Schranken versperrte Sackgasse, in der Prostituierte stehen dürften. "Bisher war aber noch keine da" , sagt der Beamte, der einen der drei Streifenwagen besetzt, die in der Nacht auf Sonntag eine Sonderstreife fahren, um etwaige Verwaltungsübertretungen anzuzeigen.

Eine erfolglose Aufgabe. Gab es in der Nacht auf Samstag noch fünf Anzeigen, waren es von Samstag auf Sonntag exakt null. Der ursprünglich geplante massive Einsatz ist bereits deutlich reduziert worden. Ganz glücklich sind manche mit der neuen Regelung nicht. In Wien-Auhof gibt es beispielsweise einen weiteren legalen Bereich: auf dem Lkw-Parkplatz der Autobahnstation. "Infrastruktur haben die Frauen hier keine. Und ob es so sicher ist, wenn die Frauen zu einem Fernfahrer einsteigen, der sofort auf die Autobahn fahren kann?"

Wie lange die Polizisten noch auf die Jagd nach Prostituierten gehen, ist offen. Wo sich der Straßenstrich hinverlagern wird, ebenso. "In Wohnungen, in die U-Bahn, in illegale Bordelle", schätzt Knappik. Auch Gruber von der Bürgerinitiative sagt, die Frauen stünden zwar nicht mehr unter seinem Fenster, aber er habe nicht das Gefühl, gewonnen zu haben. (Julia Herrnböck, Michael Möseneder/DER STANDARD-Printausgabe, 7.11.2011)

  • Das Auto gilt unter Prostituierten als der mitunter gefährlichste Ort, um dem Geschäft nachzugehen. Da es in den neuen Zonen zu wenig Infrastruktur gibt, bleibt vielen keine andere Wahl.
    foto: heribert corn

    Das Auto gilt unter Prostituierten als der mitunter gefährlichste Ort, um dem Geschäft nachzugehen. Da es in den neuen Zonen zu wenig Infrastruktur gibt, bleibt vielen keine andere Wahl.

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