Jugendsünden, aus der Nähe betrachtet

6. November 2011, 17:16
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Kein verflixtes siebtes Jahr: Das Theaterhaus Dschungel Wien, seit 2004 von Stephan Rabl geleitet, schärft neuerdings mit Autorenporträts sein Profil

Auf Holger Schober folgt eine Werkschau von Corinne Eckenstein.

Wien - Halbwüchsige flippen aus, als stünde Justin Bieber vor ihnen auf der Bühne im Dschungel Wien. Dabei ist es nur Theater, ein gruseliges Dreipersonenstück, wer hätte das gedacht? Genauer: Ein Stück von Holger Schober mit dem Titel Otaku, ein Psychothriller, in dem junge, dem Horrorfilmgenre verfallene Menschen die Grenzen zwischen Filmfantasien und ihrem Leben auf fatale Weise verschwinden lassen.

Da fallen kluge Sätze im Affentempo ("Ohne Fernsehen wäre ich gar nicht ich!"). Holger Schober versteht es, Themen, die eine heranwachsende Jugend frappieren, auf unbestechliche Weise aufzugreifen. So hat er sich neben seiner Regie- und Schauspielerlaufbahn zu einem der gefragtesten Autoren für Kinder- und Jugendtheater entwickelt. Seit 2009 leitet er auch die Kinder- und Jugendschiene am Landestheater Linz. Und auch der Dschungel Wien hat sich entschlossen, ihn an sich zu binden. In einer neuen Porträtreihe hat das Theater für junges Publikum den Autor näher vorgestellt. Direktor Stephan Rabl, der den Dschungel im Museumsquartier seit 2004 leitet, möchte mit dieser Fokussierung auf einzelne Künstler das Profil des Hauses schärfen: "Die größte Herausforderung für die nächsten Jahre wird sein, mit dieser neuen Generation noch stärker Theater zu formen. In den ersten Jahren war der Dschungel eher ein Veranstaltungsort, jetzt sind wir viel mehr ein Produktionsort geworden. "

Diese eigene Kraft bzw. die Bündelung von Kräften hat den Dschungel im internationalen Netzwerk zu einer "Destination" (Rabl) gemacht. Darin will Rabl weiter investieren, also die im Verlauf der letzten sieben Jahren "entdeckten" Künstler in den Vordergrund rücken. Das Kinder- und Jugendtheater hat keine mit dem Erwachsenenbereich vergleichbare Lobby. "Das Verhältnis ist wohl eins zu zehn", so Rabl. "Viele Leute wechseln in den Erwachsenenbereich, weil sie merken, hier können sie nicht überleben. Man muss zum Beispiel am Vormittag spielen; da bleiben nicht viele dran. Ich finde es extrem gut, wenn Künstler in beiden Bereichen arbeiten, damit eine Kontinuität entstehen kann, und die braucht einfach Support". So steht beispielsweise eine längere Zusammenarbeit mit der Gruppe toxic dreams auf dem Plan.

Für all das ist die "Beweglichkeit" des Hauses die Grundvoraussetzung. Der Dschungel Wien habe Möglichkeiten, die in Österreich kein zweites Haus habe, gesteht Rabl. Große Theater mit starren Strukturen sind immer zum Erfolg verdammt. Das Theater der Jugend kann sich beispielsweise keine Experimente leisten. "Wenn da zehn Prozent der Abonnenten Nein sagen, ist die Hölle los. Wir haben dieses Problem nicht."

Und um sich Experimente wie etwa Harald, das wilde Schaf (Twof2/dascollectiv) leisten zu können, setzt Rabl vorsorglich und wohldosiert einen Klassiker wie Das Dschungelbuch ins Programm, eine knallige Parabel mit dem Kontext Pflegekinddebatte (Regie: Holger Schober).

Das Autorenporträt im November ist Corinne Eckenstein gewidmet. Die Regisseurin hat vor zwanzig Jahren gemeinsam mit Lilly Axster das theaterfoxfire gegründet und war damit dann im Dschungel Wien von Anfang an eine treibende Kraft mit mehreren Inszenierungen pro Saison. Ihr sind radikale, sprühende Inszenierungen für das nicht so einfach zu erreichende Teenager-Publikum zu verdanken.

Neben Spiegelland, einer Alice im Wunderland-Paraphrase von Benedict Thill, Zazie in der Metro und Patchwork 2+2=1 zeigt Corinne Eckenstein ab 17. November ihre jüngste Arbeit, die Uraufführung von Die Wette, einem Krimi, in dem ein dummer Spaß unter Jugendlichen unheilvolle Folgen hat.

PS: Leerstehenden Proberäumen sähe Stephan Rabl herzlich gern entgegen: "Was fehlt, ist ein Probenzentrum, um den derzeitigen Verschleiß zu verringern." (Margarete Affenzeller, DER STANDARD - Printausgabe, 7. November 2011)

  • Ausgebüxt in Paris: "Zazie" in der Metro" in einer für "Stella - 
DarstellendeKunst-Preis 2011" nominierten Fassung von Corinne 
Eckenstein.
    foto: rainer berson

    Ausgebüxt in Paris: "Zazie" in der Metro" in einer für "Stella - DarstellendeKunst-Preis 2011" nominierten Fassung von Corinne Eckenstein.

  • Stephan Rabl will das Profil seines Hauses schärfen.
    foto: christa bauer

    Stephan Rabl will das Profil seines Hauses schärfen.

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