Gereizter Populismus

6. November 2011, 17:04
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Die republikanischen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr sind vor allem eines: Untereinander zerstitten

Washington - Wo immer er eine Rede hält, wedelt Rick Perry mit einer Postkarte: Auf sie sollte eine komplette Steuererklärung passen. "Mein Plan macht diesen ganzen Kram überflüssig", sagt der Texaner und deutet anklagend auf mannshohe Papierstapel.

Die "flat tax", die Einheitssteuer, ist zum beherrschenden Motiv des Präsidentschaftswahlkampfs geworden, zumindest bei den Republikanern. Perry schlägt vor, auf Einkommen und Unternehmensgewinne pauschal 20 Prozent zu erheben. Das liegt weit unter dem heutigen Spitzensatz von 35 Prozent, allerdings will er auch die Abzugsmöglichkeiten streichen, die heute Besserverdienenden helfen, sich arm zu rechnen. Es ist die Antwort auf Herman Cains Formel "9-9-9". Je neun Prozent Einkommens-, Unternehmens- und Umsatzsteuer.

Bis dato ist es eine Kampagne der simplen Parolen: Zweizeiler, einprägsam, aber ohne realistisches Programm dahinter. Selbst konservative Beobachter beschweren sich über mangelnde Substanz und Effekthascherei. Daniel Henninger, Kolumnist des Wall Street Journal: "Es hat den Anschein, als wollten die Republikaner denjenigen zum Kandidaten küren, der die Welt mit all ihren Problemen in dreißig Sekunden erklären kann."

Vielleicht liegt es am gereizten Ton der Favoriten, dass ein krasser Außenseiter das Feld von hinten aufrollen konnte: Herman Cain, der die Kette "Godfather's Pizza" vor dem Ruin rettete und als Radiomoderator in Atlanta zumeist konservative Ratschläge für den Alltag gab, liegt in manchen Umfragen an erster Stelle.

Praktisch bedeutet das nichts, denn erst mit dem Vorwahlauftakt am 3. Jänner in Iowa trennt sich die Spreu vom Weizen. Doch sein unerwarteter Aufstieg, wann immer er enden mag, spricht Bände über die weitverbreitete Unzufriedenheit mit der politischen Klasse. Der "Hermanator" war nie Politiker, sondern stets Geschäftsmann - in den Augen frustrierter Wähler ist das fast automatisch eine Empfehlung. Dass der Pizza-Mogul das Kandidatenrennen gewinnt, glauben nicht einmal glühende Fans. Zunächst einmal muss er eine Schlammschlacht überstehen: Wie auf Bestellung machen anonyme Vorwürfe dreier Frauen, sie seien von Cain sexuell belästigt worden, die Runde.

Perry wiederum, anfangs hoch gehandelt, enttäuscht mit seiner hölzernen Art. Dem texanischen Gouverneur fehlt es an reaktionsschneller Geschmeidigkeit. Newt Gingrich, als Chef des Repräsentantenhauses einst Gegenspieler des Präsidenten Bill Clinton, versteht es zwar brillant zu diskutieren, gilt aber als Relikt der 1990er-Jahre.

Der Libertäre Ron Paul, der außenpolitisch für amerikanischen Isolationismus steht, bedient nur eine Nische. Und Jon Huntsman, noch vor kurzem Barack Obamas Botschafter in China, kommt mit seiner staatsmännischen Art bei der Basis nicht an.

Bleibt Romney, der als Favorit an den Start ging und es immer noch ist. Der Finanzexperte versäumt keine Gelegenheit, um seine Qualitäten als Manager herauszustellen. Ein Praktiker, der Zahlenkolonnen versteht und weiß, was geschehen muss, damit Arbeitsplätze entstehen - so klingt seine Leitmelodie. Seine Rivalen kritisieren den Mormonen als aalglatten Opportunisten. (fh, DER STANDARD, Printausgabe, 7.11.2011)

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    Mitt Romney hat gute Chancen, im November 2012 gegen Barack Obama anzutreten.

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