Gänsehaut-Töne abseits von Zeit und Raum

6. November 2011, 17:05
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Charles Lloyd und Don Byron beim Jazzherbst Salzburg

Salzburg - "Without meditation where is peace? Without peace where is happiness?" - Zuweilen bedient sich auch ein als Sänger ohne Worte bekannter Musikus des Verbalen. So geschehen am Wochenende in der Aula der Alten Universität in Salzburg, wo Saxofonist Charles Lloyd in der imposante 22 Minuten währenden Zugabenversion von Tagi vom Tárogató ans Klavier und weiter zum Tenorsaxofon wechselte, um zwischendurch zu einer kleinen buddhistischen Predigt anzuheben. Seit seinem Comeback Ende der 1980er reist der mittlerweile 73-Jährige als jazziger Humanist durch die Weltgeschichte.

Seine aktuellen, beinahe zwei Generationen jüngeren Quartettpartner, Drummer Eric Harland, Bassist Reuben Rogers sowie der großartige Pianist Jason Moran sind mit dem Saxofonisten längst zu einer elastischen Band-Einheit verschmolzen, wobei es immer noch vor allem Lloyds wärmedurchströmter, wie ein fernes, abgeklärtes Echo der hymnischen Ekstatik John Coltranes anmutender Ton ist, der berührt - und der dann, wenn er auf Momente melodischer Inspiration trifft, wie etwa in der nuancenreichen Meditation über Go Down Moses, Zeit und Raum vergessen lässt.

15 Jahre nach seiner Gründung ist der Salzburger Jazzherbst vom eher retrospektiv ausgerichteten Event der großen Namen zu einem verlässlichen Hort für substanzvolles Jazzmusizieren avanciert. Zwar kam das Programm auch 2011 nicht ohne Pop-Acts (Paul Anka, Dionne Warwick) aus, in der stärkeren Fokussierung jüngerer MusikerInnen (2011: Hiromi, Vijay Iyer, Miguel Zenón) freilich konnte das Festival seinen Nostalgiefaktor zuletzt erheblich verkleinern. Nicht mehr zu den Jungen, aber zu den sympathischen Quergeistern zählt Don Byron. Zuletzt aufgrund verstärkter pädagogischer Tätigkeit weniger präsent, zeigte der Klarinettist und (technisch nicht ganz so souveräne) Tenorsaxofonist, dass mit ihm noch immer zu rechnen ist. In der Stieglbrauerei überreichte er mit Ed Simon, Cameron Brown und John Betsch einen Strauß an Musikstücken zwischen trashigen Vokaleinlagen, Souljazzexkursen und eigenwilligen Eigenkompositionen wie Fosbury Flop. Ein runder Abend! (Andreas Felber, DER STANDARD - Printausgabe, 7. November 2011)

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