"Kindergefängnisse" und Flüchtlingsabwehr

Blog5. November 2011, 16:20
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Wird es beim skandalösen Umgang mit Flüchtlingen auch 40 Jahre dauern, bis wir darüber sprechen?

Die Berichte über Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen in öffentlichen Heimen vor 40 Jahren - Stichwort: Wilhelminenberg - haben einen Wiener Flüchtlingshelfer zum Erinnern gebracht. Haben ihn einen Vergleich ziehen lassen, der eine wichtige Frage zum Umgang mit unhaltbaren Zuständen stellt.

Diese lautet: Wie weit sind Menschen - sind wir heute - imstande und willens, Ungerechtigkeiten, Ausschluss und Qual anderer zu erkennen, wenn sie geschehen? Was wird weggeschoben, so, als würde es gar nicht stattfinden - und stößt jemand mit der Nase drauf, wird es verharmlost oder man findet es sogar richtig und gut? 

Die Geschichte des Heim-Skandals zeigt, dass Verleugnungsbereitschaft sehr weit geht - und es Jahrzehnte dauert, bis sie an Wirkkraft verliert.

Verzweifelte Jugendliche

Besagter Flüchtlingshelfer ist Michael Genner von der NGO "Asyl in Not", dessen politische Anfänge bis in die (österreichischen Ansätze zur) 1968er-Bewegung zurückreichen. Angesichts der Schilderungen ehemaliger Heimzöglinge in den Medien sind ihm die Hilfsaktionen für verzweifelte Jugendliche wieder eingefallen, die er und MitstreiterInnen zu Beginn der 1970er-Jahre als Gruppe „Spartakus" unternahmen: einer - laut Genner - „linksradikalen" Jugendorganisation, die sich von der stalinistischen, autoritären KPÖ losgesagt hatte. 

1970 führten Genner und MitstreiterInnen unter Lehrlingen in der größten Wiener Berufsschule in der Mollardgasse eine Umfrage durch. Es stellte sich heraus, dass die am öftesten genannte Furcht jene vor Einweisung in ein Heim war. Grund dafür waren die Zustände dort: Die Institutionen waren Orte der Disziplinierung, vor allem junger ArbeiterInnen: Wechselte ein Lehrling aus eigenem Antrieb mehrmals die Lehrstelle oder hatte er/sie Sex mit Gleichaltrigen so riskierte er/sie, von der Fürsorge und Gutachtern als „asozial" abgestempelt und in ein Heim verfrachtet zu werden.

Dort spielte es sich zum Beispiel folgendermaßen ab: „Ich musste in Kirchberg (damals Außenstelle der berüchtigten Bundeserziehungsanstalt Kaiser Ebersdorf) arbeiten und zwar mit Handschellen. Es sieht hier ärger aus wie jeder Häfen. Glatze steht in der Hausordnung. Hier kommen die größten Schläger von Erziehern hin. Das Essen kommt von einem Gasthaus und besteht nur aus Abfällen. Jeder kommt in eine Einzelzelle. Man muss Arbeiten machen, die total beschissen sind. Zum Beispiel Splinten zupfen oder Tüten kleben. Wenn man Arbeitsverweigerung macht, oder man kann einfach nicht mehr, wird man von drei oder vier Erziehern derartig verprügelt, dass man manchmal gar nicht mehr stehen kann."

Soweit ein Protokoll, das die „Spartakus"-Leute damals anfertigten. Weiteres ist unter www.asyl-in-not.at nachzulesen.

Fluchthilfen 

Genner und MitstreiterInnen halfen Jugendlichen, aus den Heimen zu fliehen und versteckten sie. Dafür wurden sie angezeigt. Sie verhandelten mit Vätern, damals uneingeschränkte Familienoberhäupter, um Verträge, in denen diese unterschrieben, den Sohn oder die Tochter nicht mehr ins Heim zu geben.

Als die Politik nicht mehr wegsehen konnte und 1971 eine Heimenquete startete, wurde „Spartakus" nicht eingeladen. Als eine Untersuchung öffentlicher Heime 1974 Schlimmes an den Tag brachte, durfte der Bericht nur zensuriert veröffentlicht werden. Es brauchte bis zum Jahr 2000, um das letzte öffentliche Heim zu schließen - und bis heute, auf dass eine Mehrheit den Skandal dieser Zustände erkannte.

Warum hat das so lang gedauert? Weil Wegschauen und Schweigen die Interessen der damals - und auch danach lange noch - an der Macht befindlichen Generation schützte: autoritären, vielfach nationalsozialistisch und faschistisch geprägten Eltern, LehrherrInnen und BeamtInnen. Die Heim-Torturen der früher 70er-Jahre, sagt Genner, wurden den damals Schwächsten der Gesellschaft angetan: den Jungen. So wie es heute bei der „Fremdenfrage" der Fall ist, dem Umgang mit Flüchtlingen und illegalisierten Einwanderern, die in Österreich und ganz Europa rechtlich und ökonomisch ganz unten stehen..

Schweigepflicht 

Die Folgen dessen werden auch heutzutage hingenommen, als seien sie unveränderbar oder gar richtig. Flüchtlinge, die man im Mittelmeer von Booten ins Wasser drängt, unerwünschte „Fremde", die man in Haftanstalten monatelang ihrer Freiheit beraubt und mittels ausgeklügelter, unfairer Gesetze zur Abschiebung bringt, Abholaktionen in aller Hergottsfrüh, oft nach monatelangem belastendem Warten, entwurzelte Kinder, psychische Zusammenbrüche mit Langzeitschäden. Die Kritik daran existiert, aber sie verhallt. Und die, die Detaillierteres wissen - FremdenpolizistInnen, Schubhaft-Besuchskommissionen und BeobachterInnen auf Abschiebeflügen - stehen unter Schweigepflicht und halten sich daran. Während die breite Öffentlichkeit kein wirkliches Bedürfnis nach ausführlicher Information zu Thema hat: Rasch setzt „Übersättigung" ein.

Wie anders ist das derzeit beim Heim-Skandal aus den frühen 70er-Jahren! Die Vorkommnisse von einst rufen jetzt große Empörung hervor. Eine von Genner gestellte Frage scheint berechtigt: Wird es wieder vierzig Jahre dauern, bis rückblickend erkannt wird, wie inhuman Flüchtlinge und andere „Fremde" in Österreich, in Europa 2011 vielfach behandelt wurden? Werden erst - sagen wir - 2060, wenn überhaupt, Berichte Betroffener angehört werden? Zusammengefasst: Es lässt sich ganz so an. (Irene Brickner, derStandard.at, 5.11.2011)

  • Die Geschichte des Heim-Skandals zeigt, dass Verleugnungsbereitschaft 
sehr weit geht - und es Jahrzehnte dauert, bis sie an Wirkkraft verliert
    foto: dpadavid ebener

    Die Geschichte des Heim-Skandals zeigt, dass Verleugnungsbereitschaft sehr weit geht - und es Jahrzehnte dauert, bis sie an Wirkkraft verliert

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