Kommentar von Niki Glattauer

Bildungsvolksbegehren: Steinzeit muss sich wieder lohnen?

Kommentar der anderen | 4. November 2011, 18:50
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    foto: linecker

    Pisa-Kritiker und Trotzdem-"Hingeher" Niki Glattauer.

Bildung, Bildung, Bildung. Leistung, Leistung, Leistung - Und dazu noch ein PR-Neandertaler - Was einem Mitformulierer des B-Volksbegehrens ziemlich gegen den Strich geht - Und warum er dennoch unterschreibt - von Niki Glattauer

Dass das Werbekonzept greift, den Homo austriacus für das Bildungsvolksbegehren zu erwärmen, indem man ihm in Person eines durchs Land ziehenden Homo neanderthalensis vor der drohenden "Bildungssteinzeit" warnt, darf vorsichtig angezweifelt werden. A) kann man in Österreich Aktionismus von jeher nicht so gut leiden (egal ob es sich dabei um Uni-Gaga, Nitsch-Schüttungen oder Jeannée-Auftritte in TV-Shows handelt), b) sind ältere, unrasierte Herren in schlecht sitzender Kleidung bei uns positiv besetzt (Van der Bellen, Wolfgang Ambros, Thomas Gottschalk), c) ist Negativwerbung bei Huber und Gruber meist wirkungslos - quasi: Rauchen macht krank, aber nicht mich -, und d) hat man seit dem historischen Fund am Similaungletscher hierzulande eine geradezu herzliche Beziehung zur Steinzeit. Ich war Ohrenzeuge, als zwei Schüler des Wiener Schopenhauergymnasiums den Auftritt des Neandertalers, der dort hinbestellterweise in eine Festveranstaltung über den Wert direkter Demokratie stolperte, um zwei Minuten lang zu grunzen, bevor er wieder abging, flüsternd so kommentierten:

"- Wer war bitte er?

- Na der Ötzi, du Opfer!

- Und was wollte er uns sagen?

- Wahrscheinlich, dass er in der Schule ein paar Stunden mehr Turnen statt Mathe gebraucht hätte, dann hätten ihn seine Verfolger nämlich nicht erwischt ..."

Götzen und Idioten

Um mehr Turnen, Singen und andere schnöde Spaßhabungen in der Schule geht es im Bildungsvolksbegehren freilich nicht. Im Gegenteil. Dort geht es um Bildung, Bildung, Bildung, sowie um Leistung, Leistung, Leistung. Bildung und Leistung - die Götzen unserer Zeit. Bist du gebildet, bist du schon fast ein Mensch. Bringst du dann auch noch eine Leistung, bist du wirklich einer. Wer fragt, welche Leistung er eigentlich gebracht hat, mag kriminell sein. Wer fragt, mit welchem tieferen Sinn, mit welchem inneren Nutzen (etwa in Bezug auf so etwas wie Seelenheil oder Lebensglück), ist ein Idiot.

Damit es jetzt kein Missverständnis gibt: Ich unterstütze das "Volksbegehren Bildungsinitiative" (VBBI) durchaus überzeugt - ich habe es schließlich mitformuliert -, und seit Monaten rufe ich öffentlich: Herbert, unterschreib das! Nicht nur, weil der Langtext des Begehrens punktgenau die aktuellen Defizite aufzeigt: von den Nöten in der Kindergartenpädagogik über die veraltete Hardware unseres Schulsystems, in der Lehrer/-innen zeitgemäßen Unterricht betreiben sollen und dafür nicht einmal einen Arbeitsplatz haben. Ganz zu schweigen von dem Umstand, dass sie in der Pflichtschule immer noch Fächer unterrichten müssen, für die sie keinen Tag lang ausgebildet wurden, wo gibt es das noch außer in Aserbeidschan?

Österreich muss aber schon allein deswegen "aufstehen und hingehen", weil die stiernackigen Verweigerer jeder echten Schulreform eine Niedrigfrequenz an den Ämtern schamlos als aktives Votum für die Beibehaltung des bildungspolitischen Status quo auslegen würden. Und nein, Frau Ministerin Schmied, die Umetikettierung der Hauptschulen in Neue Mittelschulen hat mit einer echten Reform nichts, aber schon gar nichts zu tun! Und nein, ihr Heuchler landauf, landab, der skandalöse Umgang mit Schülern anderer Muttersprache - in Wiens Hauptschulen aktuell 63 Prozent (!) - ist nicht ein Nebenaspekt der Bildungsmisere, der sich mit der Einführung von Lesetests und verpflichtenden Deutschkursen aus der Welt haken ließe. Wir haben hier das Hauptsymptom der Misere. "Integration" erfolgt nämlich nicht dadurch, dass man Kinder "mit Migrationshintergrund" in Ghetto- und Restschulen steckt und dort unter Androhung von Geldentzug den regelmäßigen Schulbesuch einfordert, sondern indem man die bestehenden Parallelgesellschaften auflöst. - In meinem Buch Die Pisa-Lüge zitiere ich den in Berlin lebenden Schriftsteller türkischer Herkunft Feridun Zaimoglu, der wahrlich nicht in Verdacht der fremdenfeindlichen Agitation steht, sinngemäß so: Kinder, die umständehalber nicht ausreichend Deutsch können, müssten beinhart aufgeteilt werden, weil sie ein Recht hätten, unter deutschsprechenden Kindern aufzuwachsen, denn nur so kriegen sie eine reale Chance, eines Tages über die Mauern in ihren eigenen Köpfen zu springen. Aber da hat die Politik vor einem Bildungsbürgertum, das sich gegen scheinbare "Infiltration von außen" verwahrt, feig kapituliert. Die Plätze rund um den Leistungskuchen sind rar, und man hat ja nichts zu verschenken, Wählerstimmen schon gar nicht ...

Das Bildungsvolksbegehren ist das beste Beispiel für eine Entwicklung, die naive Lehrer wie ich noch immer nicht wahrhaben wollen: Bildung und ökonomischer Nutzen sind in den Köpfen der Menschen nicht mehr voneinander zu trennen. Nicht zufällig ist mit Hannes Androsch der Initiator des VBBI ein Unternehmer und früherer Finanzminister. Nicht zufällig ist es dem jungen Staatssekretär Sebastian Kurz erst mit der gebetsmühlenartigen Verwendung des Leistungsbegriffs gelungen, die Ausländerintegration wieder gesellschaftsfähig zu machen. Unter dem Motto "Integration durch Leistung" touren derzeit rund 100 "Botschafter der Integration" (u. a. Ivica Vastic, Arabella Kiesbauer oder Attila Dogudan) durch unsere Schulen, um Kinder davon zu überzeugen, "dass sich Anstrengung lohnt".

Ach ja - um Kinder geht es auch noch, wenn wir von Bildung sprechen. Und damit hoffentlich nicht gerade wieder auf dem falschen Dampfer unterwegs sind. Im Pisa-Vorzeigeland Taiwan - zuletzt z. B. in Mathematik auf Rang 5 unter den 65 verglichenen Ländern und damit sogar noch vor Finnland platziert, in den Naturwissenschaften auf Platz 11, im Lesen auf 22, zum Vergleich: Österreich Platz 39 - ist das Bildungsministerium dieser Tage mit einem geradezu unglaublichen Vorstoß an die Öffentlichkeit gegangen: Kindern unter sechs Jahren soll es in Zukunft per Gesetz (!) verboten (! ) werden, an "Lernkursen für Englisch, Rechnen oder anderem Gehirntraining teilzunehmen".

Eine der renommiertesten Zeitungen des Landes, die United Evening News, hat dem Vorstoß der Regierung vor ein paar Tagen sogar ihre Titelseite gewidmet: Zu intensive Früherziehung, so die Ergebnisse neuester Untersuchungen, würde den Kindern das Interesse an Bildung verleiden, außerdem würde an ihnen dadurch mehr psychischer und physischer Schaden angerichtet als kognitiver Nutzen erzielt werden.

So gesehen, ist der Neandertaler vielleicht doch wieder der richtige Werbeträger. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.11.2011)

Autor

Niki Glattauer ist Lehrer, Kolumnist und Buchautor. Zuletzt erschienen: "Die Pisa-Lüge" (Ueberreuter).

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Posting 1 bis 25 von 120
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D/E
21
7.11.2011, 09:58
Wir fassen zusammen:

Herr Glattauer ist zwar Mitinitiator des Bildungsvolksbegehrens, steht diesem jedoch (präventiv) auch gleich wieder ein bissel kritisch gegenüber, wird es aber trotzdem unterschreiben, wenn auch mit Vorbehalt.

Hauptsache, man liest seine Bücher.

Von irgendwas muss er ja leben.

CL
23
6.11.2011, 16:30

Zitat: "Kindern unter sechs Jahren soll es in Zukunft per Gesetz (!) verboten (! ) werden, an "Lernkursen für Englisch, Rechnen oder anderem Gehirntraining teilzunehmen"."

Was ist denn das? Geht's noch?
Ich kenne einige Kinder unter 6, die mit dem, was ihnen bis dahin im Kindergarten geboten wurde, schlicht und ergreifend unterfordert sind und eindeutig mehr Förderung selbst wünschen.
Vielleicht sollte man lieber Eltern Nachhilfeunterricht geben, wie sie ihre Kinder am besten individuell, entsprechend ihren Neigungen und Talenten erziehen können!

aristophokles
01
10.11.2011, 15:30

Vielleicht gibt es ja noch andere fordernde Tätigkeiten außer Lernkurse oder explizites Gehirntraining.

anmare
00
6.11.2011, 18:26

Naja, vielleicht werden die Kindergartenkinder in Taiwan vorschulisch schon so gedrillt, dass sie dadurch -verständlicherweise- jede Lust am Lernen verlieren. In Ö steht das Thema eh nicht zur Debatte. Also keine unnötige Aufregung

Brigitte Rhomberg
00
6.11.2011, 15:52
Ursprünglich...

haben sich aber alle "Experten" überschlagen, dass das mäßige Abschneiden beim PISA-Tests nichts mit den vielen Ausländern zu tun hat und nun ist nur mehr die Rede von Integration und Aufteilung der Ausländer auf Inländerklassen. Wie passt denn das zusammen?

avision
01
6.11.2011, 12:30
Urcool – zwei Maturanten unterhalten sich über die Zukunft: was willst du einmal werden, fragt eine. Das was alle hier wollen, sagt der andere: ein reicher Frühpensionist.

Eine "Erb-Elite" besetzt das Führerhaus.
Blutleere Geschöpfe, Verwalter und Bewahrer vorhandenem Vermögen, Zertifikat-Geschulte haben leider nichts anderes gelernt.
Noch nie war der Tanz um das goldene Kalb – Geld, Konkurrenz – so entfesselt.

Und was macht eine Aufgeklärte Gesellschaft um das Jahr 2012?

Manfred Spitzer – Aufklärung 2.0 – Gehirnforschung

http://www.youtube.com/watch?v=sXuSVZfzXAw

the quila
01
6.11.2011, 17:16

danke für den link!

N. N.
00
6.11.2011, 12:06
ad Götzen

Pädogogisch erfolgreich sind jene Systeme, die auf vielen Ebenen die übel beleumundete Sekektion betreiben; d.h. wo nicht jeder Lehrer und nicht jeder für jedes Fach Student werden kann. In Finnland oder auch Singapur begnügt man sich nicht damit, dass Lehrer eine standardisierte Ausbildung durchlaufen; man nimmt nur die, von denen man sich etwas verspricht. In Österreich ist das, mit Verlaub, etwas anders. Ditto die Zugangshürden an den Universitäten. Im erkennbar in rote Richtung weichgespülten Text des Bildungsbegehrens kommt das leider nicht wirklich zur Sprache.

beethovenfries
00
6.11.2011, 16:34

Wie messen Sie "pädagigischen Erfolg"? Wer ist "man", der/die "nur die nimmt" von denen er/sie sich "etwas" verspricht? Was ist dieses etwas?

N. N.
00
6.11.2011, 16:54

Pädagogischer Erfolg: PISA, Universitäts-Rankings. Verfügen Sie über bessere Daten? Warum gilt Finnland wohl als Vorbild? In Singapur sind es meines Wissens die einzelnen Schulen, die aktiv nach den besten Lehrern suchen. Ich kenne Pädogogen, die in Neuseeeland abgeworben wurden und in Singapur ein Vielfaches ihres früheren Gehalts bekommen. Daher auch das hohe Prestige des Lehrberufs - da genügt es nicht, dass man ein einschlägiges Studium absolviert hat. Auch in Finnland verdient man als Lehrer mehr, das System ist aber viel selektiver. Und das "etwas" können Sie sich denken. Oder halten Sie alle Lehrer für gleich begabt für diesen Beruf? In Österreich steht man auf einer Warteliste und die Sache hat sich.

absurdistanerin
00
10.11.2011, 21:36
2 Paar Schuhe

Die Selektion, um die es im Volksbegehren geht, ist die viel zu frühe im alter von 10Jahren, in der man vielen Kindern Möglichkeiten und Chancen nimmt.
Die Selektion von guten Fachkräften ist etwas ganz anderes und nur wünschenswert!

gogosch der Grosse
01
6.11.2011, 11:28
Es wird eines vergessen: Wer (länger) studiert kann erst später in die Pension!

Viele der Studenten bis 30 erleben ihre Pension nicht mehr, da sie nicht genügend Versicherungszeiten zusammenbekommen.
Heute wird man bestraft, wenn man sich bildet!

Uo. Steinschleifer
11
6.11.2011, 15:07

mit 30 sollte man sein Studium schon abgeschlossen haben - auch Medizin!

Count Zero Interrupt
00
6.11.2011, 17:23

warum?
ich halte es für intelligenter erst ein paar jahre zu arbeiten, als als schüler ohne ahnung vom leben u der nötigen zeit zur selbstfindung von einem abgekastelten system ins nächste zu stolpern, um sich dann erst nach dem studium daran zu gewöhnen, nun nicht mehr ständig an der hand genommen zu werden...

Uo. Steinschleifer
00
6.11.2011, 17:59

Wenn Sie arbeiten ist das eh kein Problem! Das wird Ihnen für die Pension angerechnet.

Eckman
21
6.11.2011, 10:01
beidschan?

Herr Glattauer, wenn Sie sich schon bemüßigt fühlen wegen der Bildungssituation Österreichs ganze Länder beleidigen zu müssen, dann lernens vorher wenigstens wie man sie schreibt.

gogosch der Grosse
00
6.11.2011, 09:56
Weiß der Androsch wovon er redet?

N. N.
03
6.11.2011, 13:30

Sicher weiß er das. Darum hat er ja seinen Sohn in einer renommierten Privatschule untergebracht (wie Gusenbauer, Stoisits, etc.). Wenn dann erst die 63% mit migrantischem Hintergrund in Wien (und großteils moslemischen Bekenntnisses) über die Wiener Gesamtschulen verteilt werden, können die katholischen Privatschulen jetzt schon Bauaufträge in großem Stil vergeben. Das Ende vom Lied: Ein System wie in Großbritannien und den USA, wo hochqualitative Bildung eine Frage der entsprechenden Mittel ist. Mit Finnland und seinen läppischen 2% Migranten läßt sich die österreichische Situation überhaupt nicht vergleichen.

Alvy Singer
 
00
6.11.2011, 16:00
grün

Auch Herr Glattauer hat seine Tochter in eine private Volksschule gegeben.

gogosch der Grosse
10
6.11.2011, 09:55
Was nützt die Bildung wenn es keinen Job gibt!

Mit 15 in die Lehre und mit 60 in die Pension!

Sie haben Ideologie? Wir dagegen feste Überzeugung!
10
6.11.2011, 10:45

Das Ziel ihres Lebens ist die Pension?

gogosch der Grosse
31
6.11.2011, 11:21
Jedenfalls ist mein Lebensziel nicht die Arbeit!

Arbeit versklavt und macht dumm!

Sie haben Ideologie? Wir dagegen feste Überzeugung!
00
6.11.2011, 15:42

Noch Sie sich doch einen anderen Job. Arbeit kann schon Spaß machen, und macht nicht unbedingt dumm. Dumm ist man höchsten schon vorher.

G. Lavant
11
6.11.2011, 10:04

Es ist gescheiter, dummes Stimmvieh und dummer Konsument zu sein und sich jeden Dreck reinwürgen zu lassen, als zu erkennen und zu entscheiden, was gut für einen ist.
Bildung ist der Nackscanner für unsere Politiker wie sie supernackt dastehen.

gogosch der Grosse
00
6.11.2011, 11:22
Um den Schwachfug unserer Politiker zu erkennen, bedarf es keiner Bildung!

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