Hokuspokus-Milliarden

4. November 2011, 18:10
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Gelder aus der Pensionistenkassa

Divjak: Herr Edlinger, "I live in a bubble" hat George W. Bush, dereinst ebenso hellsichtig wie philosophisch anspruchsvoll festgestellt und damit unser aller Leben im zinsbasierten Geldsystem treffend auf den Punkt gebracht.

Ich stelle fest: Ich erhalte täglich Informationen über das Wirtschaftssystem Marke Old School, und direkt proportional zu den konsumierten Artikeln wächst mein Staunen über die Chimäre des endlosen Wirtschaftswachstums - und die offenen Fragen werden mehr. Das fängt schon beim Begriff Krise an. Ist es nicht so, dass dieser etymologisch eine Entscheidung oder eine entscheidende Wendung bezeichnet? Und wenn sie, die Krise, einen negativen Verlauf nimmt, sich also auf dem Weg des Niedergangs befindet, heißt das Ganze dann Katastrophe. Richtigerweise müssten wir alle angesichts der offenkundigen Systemfehler und -crashes doch schon längst durchgehend von einer ausgewachsenen Finanzkatastrophe sprechen, oder?

Dieser Tage hat mir ein befreundeter Mobilitätsforscher, ein Exeget der Blasenmentalität - will heißen: Wenn wir nur alle weiterhin von der Virtualität unseres Geldes überzeugt sind, dann existiert es auch tatsächlich -, von einer Präsentation erzählt, bei der werbewirksam eine Batzenzukunftsinvestition vorgestellt wurde. Ausbau der österreichischen Infrastruktur bis ins Jahr was weiß ich. Tolle Tunnels, feine Verbindungen und so weiter. Kostenpunkt: läppische 55 Milliarden Euro. Und jetzt natürlich die Frage: Wie wird das wohl finanziert?

Nein, nicht durch klassische staatliche Neuverschuldung. Nein, nicht mit den jüngst aufgetauchten Hokuspokus-Milliarden des deutschen Finanzministers. Das Geld stammt - jetzt kommt's! - aus französischen Pensionsfonds ... Woher auch sonst? - In diesem Sinne: Santé!

Edlinger: Herr Divjak, ich glaube, das Gerede von der Krise ist selbst schon Teil der Krise. Man ahnt auch als Laie: Risiken mit anderen Risiken zu versichern geht sich nicht auf Dauer aus - auch wenn smarte Informatiksöldner der Börse Modelle entwickeln, die tun, als gäbe es kein Risiko. Der an den Lehman-Crash von 9/15 angelehnte Finanzbebenthriller The Margin Call erzählt recht ungerührt von der ansteckenden Krankheit an der Wall Street. Daneben sitzen die 86-Millionen-Bonus-Manager und kratzen sich am Kopf. Und wir werden nicht einmal mit der Moral der Geschicht' getröstet.

Noch gibt's ja kein Schwarzbuch Lehman. Und beim Match Schwarzbuch Kommunismus gegen Schwarzbuch Kapitalismus steht es auch tausend Seiten zu achthundert. Obwohl: Wenn man die Schwarzbücher zu Kapitalismusunterkapiteln wie Öl, Markenfirmen oder Esoterik mitrechnet, sieht die Sache schon anders aus. (DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 5./6. November 2011)

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