Akademie der Wissenschaften: Kürzung und Konzentration

04. November 2011 17:54
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    Foto: corn

    Helmut Denk wird den Gürtel der ÖAW ab 2012 deutlich enger schnallen müssen.

An der ÖAW bleibt ab sofort kaum ein Stein auf dem anderen: Die Gelehrtengesellschaft muss mehr als zehn Millionen jährlich einsparen und bis zu 300 Mitarbeiter entlassen

Wien - Das Wort "Revolution" fiel am Freitagvormittag in der altehrwürdigen Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nicht nur einmal. Tatsächlich handelt es sich bei der Leistungsvereinbarung (LV), die am Freitag zwischen der Akademie der Wissenschaften und dem Wissenschaftsministerium unterzeichnet wurde, um die wohl markanteste Zäsur in der langen Geschichte der Gelehrtengesellschaft.

Ähnlich wie beim halb vollen beziehungsweise halb leeren Glas kann man diese Revolution sehr unterschiedlich sehen, wie sich am Freitag bei der Pressekonferenz zeigte: Der Part des Optimisten kam in dem Fall Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle zu: Für ihn (und die ÖAW) biete die für die Jahre 2012 bis 2014 vereinbarte Leistungsvereinbarung jedenfalls den Vorteil der Planungs- und Finanzierungssicherheit, zugleich führe sie auch zu einer "Durchforstung und Straffung der gesamten Einrichtungen der Akademie".

ÖAW-Präsident Helmut Denk sah die Sache naturgemäß etwas anders, zumal die Leistungsvereinbarung auf eine "reale Kürzung" seines Budgets hinauslaufe. Insgesamt erhält die ÖAW in den nächsten drei Jahren ein Globalbudget in der Höhe von rund 224 Millionen Euro. Die daraus entstehende "Deckungslücke" betrage 38 bis 40 Millionen, die sich aufgrund von Verpflichtungen aus der Vergangenheit und höheren Personalkosten ergebe.

Das wiederum bedeute, dass etwa 300 Vollzeitstellen gefährdet sind, wie der neue ÖAW-Finanzdirektor Peter Lotz klarstellte. Bereits seit einiger Zeit laufen Verhandlungen mit den Universitäten, um durch Übertragung von Akademie-Einrichtungen zumindest rund 100 Mitarbeiter universitär "aufzufangen".

Schlanker und konzentrierter werden jedenfalls auch die Strukturen der ÖAW, um die bisherigen Stärken zu bündeln: In der LV wurden sechs Forschungsgebiete (Demografie, Pflanzengenetik, Biomedizin, Angewandte Mathematik, Quantenphysik und Europäische Identitätsforschung) festgelegt, in denen die ÖAW künftig schwerpunktmäßig arbeiten soll.

Damit einher gehe, dass die derzeit 63 Forschungseinrichtungen der ÖAW auf 22 Institute konzentriert werden, sagte Vizepräsident Arnold Suppan. Welche Institute geschlossen werden müssen, ist Präsident Denk allerdings noch nicht klar. Mit anderen Worten: Die Revolution ist beschlossene Sache, die schmerzliche Knochenarbeit ihrer Umsetzung hat aber gerade erst begonnen. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 5./6. 11. 2011)

Kommentar posten
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Dr. Döblinger
08.11.2011 08:26
ich frage mich nur

warum wird auf der öaw-homepage (twitter) nicht mehr gezwitschert?

ausgemustert
08.11.2011 10:03
warum wird nicht gezwitschert?

... weil man denen, die diese Vereinbarung getroffen haben, was pfeifen sollte

Dr. Döblinger
09.11.2011 08:46
und wie

könnte dann "occupy seipel square" gelingen?

Nopi
07.11.2011 22:15

Als junge Wissenschaftlerin an der OEAW bekommt man sowieso nur befristete Verträge, oft sogar nur ein paar Monate. Erst nach 6 Jahren kann man sich evaluieren lassen und einen Fixposten errhalten. Davor muss man seine Stelle mittels externen Projektgeldern (z.B. über den FWF) selbst finanzieren. Ich frage mich also welche 300 Mitarbeiter hier entlassen werden müssen?! Die, deren Verträge sowieso enden oder die, die sich auf ihren Fixposten bereits ausruhen?

N. N.
08.11.2011 17:09

Ich weiß ja nicht, welche Erfahrung Sie mit der ÖAW gemacht haben, aber ich habe dort niemanden getroffen, der ich auf einem Fixposten "ausruht". Ersten gibt´s solche Posten kaum, zweitens ist jeder, den ich kenne, enorm unter Druck. Und das bei eher schlechter Bezahlung - der Kollektivvertrag sieht eine Entlohnung deutlich unter dem vor, was die Unis zahlen. Ehrlich, Zuckerschlecken ist das keines. Ich würde es mir selbst gut überlegen, dort einen Job anzunehmen.

gabren
08.11.2011 16:00

"auf den Fixposten ausruhen" ist schon sehr polemisch, finden Sie nicht? Gekündigt kann man immer werden!

Nopi
10.11.2011 10:23
falsch ausgedrückt

Ja - da haben Sie recht. Das ist natürlich nicht so, niemand "ruht" sich aus im Sinne von er arbeitet nichts mehr. Genau das Gegenteil ist der Fall, dadurch dass man sich der Stelle sicher ist, kann man wesentlich effizienter arbeiten. Durch die Kettenverträge wiederum ist man immer unter dem Druck, dass man plötzlich auf der Straße steht. Bitte verzeihen Sie mir, dass man dadurch neigt etwas polemisch zu werden.. ;-)

chavalo
07.11.2011 18:41
wie unter schwarz blau

Damals, so lange ist es ja nicht nicht aus, waren das gängige Methoden von schwarz/blau(orange).
Den Rauswurf von 300 Bediensteten Leistungsvereinbarung nennen!! - halten die alle für so blöd, oder rechnen sie mit der Vergesslichkeit der Wähler. Ups, nein sie wissen, dass den meisten WählerInnen die Wissenschaft egal ist und setzen eine populistische Maßnahme - vorauseilender Gehorsam für Strache und Co.
Wer Wissenschaft und Forschung derart dezimiert, will keine Weiterentwicklung.
Dabei würde das versenkte Geld von Telekom, Grasser und Kärntner Hypo reichen den gesamten Wissenschaftsbetrieb für die Legislaturperiode weiterzuführen. Von den Einsparungsmöglichkeiten beim Bundesheer gar nicht zu reden. Bundesheinzi, geht da nicht etwas?

kasperl-und- Petzi
07.11.2011 14:01
eins verstehe ich nicht

Was sitzen im Ministerium fuer deppen bitte?

Inzwischen muss doch jeden klar sein das fuer Wissenschaft in A. nicht genug geld da ist und das wir das Geld lieber fuer Teurofighter, Buerokratie und praterplaetze ausgeben.
Das system ist kaputt und keiner weis wie man es repariert!.

Und was am aergerlichsten ist man wird fuer bloed verkauft. Da redet ein Schwachsinniger von Erfolg fuer Leistungsvereinbarung.... aber es ist und bleibt eine kuerzung und kein Erfolg fuer irgend etwas...

Herr Toechterle verkaufens die Leute doch nicht fuer bloed..... so deppat sind Wissenschafter auch wieder nicht.

Philipp B.
07.11.2011 12:09
österreich

verkommt immer mehr zu einem wissenschaftlichen entwicklungsland.

danke an die politik!

Atheist von Gottes Gnaden
07.11.2011 07:02

Wieviel Solidarität hat es da eigentlich innerhalb der ÖAW gegeben? Haben sich Institute, die wussten, dass sie überleben würden, für andere eingesetzt oder hießen die am Ende die Schließung eines Teils der Institute sogar willkommen?

Wie es auch gelaufen sein mag, das ganze ist eine Riesensauerei. Ich habe jedenfalls die Hoffnung aufgegeben, dass Österreich da noch irgendwas rïchtig macht.

Ein österreichischer Wissenschaftler im Ausland.

gabren
07.11.2011 16:44

Die Institute wurden auch im Dunklen gehalten und werden nun vor vollendete Tatsachen gestellt. Es soll jetzt alles sehr schnell gehen. Die Frage des Überlebens steht jetzt für die Institute und die Einzelnen natürlich an erster Stelle!

pandoras box
06.11.2011 16:28

Die Jungen stehen seit vielen Monaten unter derartigem Druck, dass die Qualität der Forschung bzw. der Ergebnisse schon längstens darunter leidet. Das nicht-wissenschaftliche Personal hat eine Arbeitsdichte die jeder Beschreibung spottet. Die Institute werden evaluiert, die Liste mit den Streichungen steht aber schon vorher fest, und das wissen auch alle. Schaurig, wie sich die Atmosphäre in den letzten 2, 3 Jahren verschlechtert hat und nun nahe der "Nulllinie" (->schlechte Stimmung schlägt noch einmal um und wird von Apathie und Resignation abgelöst) herum-wabert. So schauts intern derzeit leider aus. Darüber hinaus wird die Belegschaft auch noch untereinander ausgespielt, 'Teile und Herrsche' eben...

wizenstain
06.11.2011 13:48
wenn das inst. f. kulturwissenschaften u. theatergeschichte im dez 2012 geschlossen wird

vielleicht wird sich öaw dann auch mit film
beschäftigen,
im rahmen der wahrung und interpretation des kulturellen erbes europäischer identitäten?

Aung San Suu Tschi
 
08.11.2011 21:08
Wie soll ein (vielleicht) geschlossenes Institut eine zusätzliche Aufgabe übernehmen?

Dieses Institut hat gerade eine neue Schwerpunkt-Setzung hinter sich, vom rein historischen Arbeiten zur modernen kulturwissenschaftlichen Forschung. Es ist inzwischen eine der wenigen Forschungsstätten Österreichs, an der kulturwissenschaftliche Theorien aktiv weiterentwickelt & nicht nur passiv rezipiert werden.

Wenn das Institut weiterbestehen kann & damit diese Entwicklung fortgesetzt wird, ist es absolut denkbar, dass in Zukunft auch filmwissenschaftliche Aspekte verstärkt berücksichtigt werden.

Wenn es natürlich geschlossen wird, zack, bumm, aus, dann verlieren nicht nur die dortigen MitarbeiterInnen (ich gehöre NICHT dazu) ihren Job & sondern es gibt weniger ÖSTERREICHISCHE kulturwissenschaftliche Forschung (von wegen Identität).

wizenstain
09.11.2011 21:24
an der kulturwissenschaftliche Theorien aktiv weiterentwickelt & nicht nur passiv rezipiert werden.

sehr interessant, könnten Sie beispiele nennen

wizenstain
09.11.2011 23:09

interessant,

dann vermutlich ein fall von schlechter übersetzung
dem wiss.ministerium gegenüber

wizenstain
09.11.2011 23:09

früher hat man auch gesagt:

nicht argumentiert
nicht gut genug argumentiert

wizenstain
09.11.2011 23:29

bzw. ideologische barrieren
(hätte man früher eventuell so gesagt)

ausgemustert
06.11.2011 11:19
Leistungsvereinbarung der ÖAW

Auszüge aus dem Text: Gefördert werden soll:

1. "Demographischer Wandel, Migration und Integration von Menschen in heterogenen INNOVATIVEN Gesellschaften" (Großschreibung von mir):

"Innovative Gesellschaften"?: Österreich kann damit nicht gemeint sein, denn die ÖAW und das Wissenschaftsministerium tun ja grad alles, um in Österreich keine innovative Gesellschaft aufkommen zu lassen.

2. „Steigerung von Qualität und Quantität der in Österreich VERFÜGBAREN Humanpotenziale“:
Steigerung verfügbarer Humanpotenziale?: Macht man das in Österreich, indem man mehr als 40 Einrichtungen schließen und 300 WissenschafterInnen entlässt? Da sind 300 hochqualifizierte Personen verfügbar und man schmeißt sie raus?

:-:¦¦¦¦:+_†_+:¦¦¦¦:-:
05.11.2011 20:15
Dr. Walter Bishop?

dieweise
05.11.2011 18:44
tarnung und täuschung !

in wahrheit ist die ÖAW besonders gut bedient mit leichten budgetsteigerungen, während andere ausseruniversitäre einrichtungen brutal gekürzt werden, die politisch weniger gut connected sind.

was sich unter dem vorwand "sparmassnahmen" in der "philosophisch-historischen" klasse abspielt, ist grausam : ein klassenpräsidium aus zwei pensionierten historikerinnen (der mann natürlich CVer) befördert die teils grottenschlechten geschichte-kommissionen zu instituten und schliesst wirklich exzellente institute.

nirgens in europa könnte so eine insider-partie wie die ÖAW soviel steuergeld bekommen, um forschungsorganisation zu spielen.

ratseci
05.11.2011 23:06
...

bei der quantenoptik ist's nicht viel anders - da leistet sich oesterreich auch gleich zwei standorte - aber das hat der cv'ler quanton auch genial eingefaedelt.

HelmiD
05.11.2011 23:14
Andere müssen büßen

Dafür müssen andere büßen, wie etwa

http://derstandard.at/131500567... d-Rauschen

oder

http://wien.orf.at/news/stor... s/2508124/

und viele mehr. Die werden abgestoßen oder geschlossen.

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