Ex-Außenminister Droutsas:

"Neuwahl würde Griechenland unregierbar machen"

Interview | Gianluca Wallisch, 4. November 2011, 18:04

Papandreou hätte keine andere Wahl gehabt, als ein Referendum zum EU-Maßnahmenpaket anzustreben

Standard: Europa war über Papandreous Pläne für eine Volksabstimmung extrem überrascht. Sie als sein Parteifreund auch?

Droutsas: Die sozialdemokratische Pasok hatte solche Ideen bereits im Wahlprogramm 2009 angekündigt. Der Ansatz ist, den Bürger stärker an Entscheidungsprozessen mitwirken zu lassen. Papandreou hatte also immer vor, das Volk bei wichtigen Reformen direkter als bisher einzubinden.

Standard: Bisher waren Referenden aber nicht gerade eine Tradition in Griechenland ...

Droutsas: Das stimmt. Das letzte Referendum fand 1974 statt: Nach der Militärdiktatur ging es um die Entscheidung Monarchie versus Republik. Nicht einmal beim EU-Beitritt 1981 gab es eine Volksabstimmung. Diesen Missstand will Papandreou ändern.

Standard: Programmatisch klingt das ja gut, bleibt aber nicht der Eindruck, dass diese Referendumsidee eher den Charakter eines Hauruck-Krisenmanagements hatte?

Droutsas: Papandreou musste so handeln. Das EU-Maßnahmenpaket vom 26. Oktober, mit dem Griechenland gut leben könnte, ist an Auflagen geknüpft und muss durch das Parlament. Die Opposition sagt aber aus strategischem Prinzip Nein zu allem. Gleichzeitig schmilzt die parlamentarische Mehrheit: Momentan kontrolliert die Regierung nur noch 152 von 300 Sitzen - und es gibt Signale dafür, dass weitere Abgeordnete abspringen, denn auch in der Pasok will so mancher Papandreou das Ruder entreißen. Der Premier sah also die massive Gefahr, das Paket nicht realisieren zu können. Daher wollte Papandreou seine Legitimierung im Volk direkt suchen. Das, was - wie Sie sagen - wie eine Hauruck-Aktion aussah, war ein Ding der Notwendigkeit.

Standard: Und warum dann nicht gleich Neuwahlen?

Droutsas: Das Land würde nach einer Neuwahl unregierbar werden, weil momentan keine Partei die absolute Mehrheit erringen kann. Leider gibt es bei uns auch keine Tradition, Koalitionsregierungen zu bilden. Oppositionführer Antonis Samaras hat gesagt, er würde so lange neu wählen lassen, bis er die absolute Mehrheit hätte. In dieser wichtigen Periode, in der die EU-Beschlüsse umgesetzt werden müssen, brauchen wir aber eine Regierung, daher sind Neuwahlen momentan kein gangbarer Weg.

Standard: Die Aufregung der EU-Regierungschefs wird in Athen aber schon verstanden?

Droutsas: Natürlich. Aber ich möchte schon darauf hinweisen, dass Papandreou schon in der Vergangenheit auf EU-Ebene immer wieder davon gesprochen hat, öfter den Weg von Referenden gehen zu wollen. Auch ist allen in Europa sehr klar, dass er unter großem innenpolitischen Druck steht und daher eine starke Initiative nötig war.

Standard: Hat Papandreou für Brüssel überhaupt noch Handschlagqualität?

Droutsas: Er hat sie noch, er wird sie auch niemals verlieren. Ich wage zu behaupten, dass Papandreou immer integer war, daher genießt er großes Ansehen. Ich verstehe natürlich die Reaktion einiger Staats- und Regierungschefs - doch ich glaube, alle haben nun verstanden, warum Papandreou so gehandelt hat.

Standard: Ist heute in Griechenland ein politisches Amt überhaupt noch erstrebenswert?

Droutsas: Wenn jemand die Macht dazu nützen möchte, um die notwendigen Reformen umzusetzen, dann ist das willkommen. Ich wage es aber zu bezweifeln, dass die meisten von diesem Gedanken beseelt sind. Und da meine ich das politische System als Ganzes, nicht nur einzelne Parteien. Hier gibt es Erneuerungsbedarf.

Standard: Würden Sie mitmachen wollen bei dieser Erneuerung?

Droutsas: Ich bin kein Berufspolitiker. Wo ich meinem Land helfen kann, werde ich es tun, aber die Politik als solche, als Institution, hat mich nie interessiert. Diese Einstellung und meine Kritik, die ich in Griechenland schon oft öffentlich eingebracht habe, haben mich bekanntlich auch meinen Job als Minister gekostet. Ich beobachte aber mit Genugtuung, dass Inhalte meiner Kritik am politischen System mehr und mehr Anklang finden. Ich hoffe, dass eine neue, junge Politikergeneration den Weg der Aufrichtigkeit gehen und das Vertrauen der Bevölkerung wiederfinden wird.(DER STANDARD Printausgabe/5.11.2011)


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Posting 1 bis 25 von 48
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p.p.
00
7.11.2011, 11:10

Die beste Beschreibung von Papandreou, die ich gelesen habe, lautete:
"Schrödingers Pap".

Er verspricht zu gehen, wenn man ihm vertraut,
er will bleiben, wenn er die Vertrauensabstimmung verliert,
er ist für eine Volksabstimmung, vorausgesetzt sie wird nicht abgehalten.

Ein selbständiger Politiker: er stellt sich selbst die Fallen, in die er fällt.

Utrilittn
00
6.11.2011, 01:17

Droutsas stellt sich hier taub. Es geht nicht um Volksabstimmung ja/nein, sondern darum, daß VORHER gesagt wird, was man plant.

Und nicht, daß plötzlich alles anders ist, nachdem Papandreou glaubt, er hätte das Geld schon in der Tasche.

NONE
01
5.11.2011, 23:47

Wahlen? Wahlen?

Seit wann gibt es echte Demokratie?

Die Abstimmung hat Papa. zurückgezogen. Das Volk muss nur Schulden zahlen wie der Sklave, aber selbst entscheiden darf es nicht mehr.

Die 1% sind Verräter die beseitigt werden müssen.

BPC
00
10.11.2011, 12:39

Aber das hast du überall. 1% bereichert sich, zahlen muss die Zeche der gesamte Rest.Nicht umsonst ist in Europa die Schere zwischen arm und reich so derart auseinander gegangen.Länder wie Spanien, die eine niedrige Gesamtverschuldung hatten, gerieten in den Sog, weil man die Banken "retten" musste, aber die Gelder haben andere verdient, zahlen muss das Volk.

der schwitzbär der schwitzt sehr
05
5.11.2011, 20:56
die Kommunisten sind in Umfragen auf 15%

Tendenz steigend^^

jacques05
00
6.11.2011, 04:34
nun gut, aber was ist das programm...

der kp?
man liest nirgends etwas über das programm der kommunisten.
warum eigentlich?
weil es der wahre supergau wäre, würde die kp die wahl gewinnen?

Dagmar Rehak Wien
 
00
6.11.2011, 10:34

Würde mich auch interessieren.
Leider kennen sich viele Kommunisten mit dem Geldsystem nicht aus und glauben, die Reichen haben Geld und geben es den Armen, und dabei fordern die Kommunisten, dass die Reichen den Armen mehr geben sollen. Ist jetzt ein bissl überspitzt formuliert, aber die Denksperre, wo Geld überhaupt her kommt, haben auch Kommunisten im Allgemeinen.
Jemand, der weiß, wo Geld herkommt, und auf der Seite der griechischen Bevölkerung ist, ist aber im Moment der einzige, der hier was verbessern kann.

der schwitzbär der schwitzt sehr
10
6.11.2011, 09:54

die fünf Brote und zwei Fische werden so lange umverteilt, bis alle satt sind

lessismore
00
5.11.2011, 23:26

Griechenland ist eine gespaltene Gesellschaft mit einem gewissen staatlichen Ausgleich. Wenn man den abmontiert, ...

der schwitzbär der schwitzt sehr
00
6.11.2011, 00:51

ja, gespalten in 99% und 1%

Wenn die Kommies noch stärker werden gibt's wieder eine Militärjunta

praktischerweise wurde GR im "Friedensprojekt Europa" grad wie für den 3.Weltkrieg aufgerüstet

Simplicius Simplicissimus
12
5.11.2011, 19:14
Was spricht dagegen, ...

... ohne Regierung auszukommen. Ich bin sicher, die Bauern, Bäcker, Ärzte, Pfarrer, Mechaniker wissen auch ohne Politiker, wie es geht. Im Gegenteil, ohne die Betrüger würde es allen besser gehen. Und nicht nur in Griechenland.

Utrilittn
00
6.11.2011, 01:02

Kein Mangel an Traumwandlern im Forum
eh
wie wärs mit einem Arbeiter- & Bauernstaat ?

x x3
10
5.11.2011, 19:31
Bist du so naiv,

oder tust du nur so?

NONE
00
5.11.2011, 23:47

Eh, wieso?

Direkte Demokratie braucht Politiker nicht.

Und keine Sorge, die jüngere Generation wird das verstehen.

x x3
00
6.11.2011, 11:42
Also doch Super-Naiv

Mit direkter Demokratie ohne einen "Kümmerer"/"Leiter"/"Wie auch immer du das genannt haben willst", kannst du nicht mal eine Nachmittagswanderung für 30 Leute auf den Hermannskogel organisieren.

Viel Spass allein bei der Nahrunsmittel- oder Lebensmittelversorgung einer Kleinstadt allein auf Basis von direkter Demokratie.

Mir bleibt fast die Spucke weg bei solcher Weltfremdheit.

p.p.
00
7.11.2011, 10:59

ach, kommen sie.
belgien hat im wesentlichen seit ca. 400 tage keine regierung und keiner merkt es.
;-)

net-diver
 
00
10.11.2011, 10:01
Stimmt...

... jedoch bekommen dort die Beamten ihre Gehälter auch ausbezahlt und damit funktioniert eine staatliche Infrastruktur durchaus. Große Änderungen können Sie aber in diesem System nicht herbei rufen.

Rossa Coutinho
11
5.11.2011, 18:55
Georgios Papandreou ist wieder im Spiel.

Mit Schläue und Dreistigkeit hat sich der griechische Premier aus der Schusslinie manövriert, plötzlich sind die Konservativen in der Defensive.

Es scheint, als bliebe Papandreou im Amt - und gewönne gar neue Partner hinzu.

http://www.spiegel.de/politik/a... 91,00.html

Réunion
00
5.11.2011, 17:35
war übrigens einmal

Assistent an der WU

Dr.Winter - Institut für angewandte Psychatrie
25
5.11.2011, 12:14
"Wahlen machen ein Land unregierbar"

so wird uns die Nichtdemokratie schmackhaft gemacht:

Wahlen = Chaos
Nichtwahlen = Ordnung

Pinochet reloaded?

Réunion
12
5.11.2011, 17:36
die Rede war

von vorgezogenen Neuwahlen!

und da hat er einfach recht ...

W. Müller
 
10
5.11.2011, 18:46
Vor Allem zu DEM Zeitpunkt.

Raptor Jesus
11
5.11.2011, 15:40
Deswegen auch ein Referendum.

Es sind nicht die Neuwahlen, die Griechenland unregierbar machen, es ist Samarras.

prado
12
5.11.2011, 13:46
Belgien gab dafür ein Beispiel

GG22
21
5.11.2011, 14:22

und seitdem steht Belgien in Flammen?!

Man muß die Spielregeln der Demokratie akzeptieren, auch wenn man Abstimmungen verlieren würde - aber das wird die EU nie tun, wie man am Verfahren der EU-Verfassung eindeutig entnehmen kann.

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