Tanzen und lümmeln im Western

4. November 2011, 17:29
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Nikolaus Adlers Stück "Do not forsake me oh my darling" im Wiener Wuk

Wien - Do not forsake me ... Ein Ohrwurm seit gut sechzig Jahren. Der Film dazu, mit Pferd, Mann, Gun wie Herz auf dem rechten Fleck, das war Fred Zinnemanns Western High Noon 1952. Jetzt erfährt der Klassiker des 1907 in Wien geborenen Kultregisseurs eine Art Neuinterpretation in Nikolaus Adlers choreografischer Satire Do not forsake me oh my darling, die im Wuk zu sehen ist.

In High Noon stellt sich der rechtschaffene Town-Marshal Will Kane (Gary Cooper) vier Gangstern, die ihm aus Rache den Garaus machen wollen. Das Ende ist nicht bleifrei. Adler hat die Zeitstruktur des Streifens als Grundraster für sein Stück genommen und konzentriert sich auf die Stunde, in der das sinistre Kleeblatt seinem verdienten Ende entgegentrödelt (im Film) beziehungsweise -blödelt (im Stück).

Adlers ausgezeichnete Darsteller - Luke Baio, Salvatore La Ferla, Simon Mayer und Manfred Wagner - sind als stilechte Westernbösewichter zum Schießen komisch. Da wird gerangelt und herumgelümmelt, Westernheldenposen werden karikiert, und absurde Situationskomik sorgt für viel Heiterkeit im Publikum. Ein Anflug von männlicher Identitätssuche bestimmt das Stück.

Zu erkennen sind darin Elemente von Studio5 in der Übertragung eines Livefilms auf die Bühne, von Chris Haring in der Abhandlung von Posen und von Superamas im Versuch, mediale Situationen live nachzubauen. Die wenigen Dialoge erinnern allerdings eher an die Löwinger-Bühne. Kabaretthaft wird es zu Madonnas Nummer Don't Tell Me, wenn Adlers vier Helden ohne Frontfrau abtanzen. Die Pop-Ikone trat in ihrem Video als emanzipiertes Westerngirl mit vier Cowboytänzern auf. Bingo, tolle Verbindung zu Zinnemann!

Aber das Fehlen der Frau erweist sich als Schwäche, vor allem weil auch die Figur von Will Kanes Ehefrau Amy, die Zinnemann als Alibi-Pazifistin der Verstärkung des Heldenstereotyps diente (Grace Kelly), billigst durch den Kakao gezogen wird. Adler will sich über das Pathos in High Noon lustig machen und geht seinem eigenen Schmäh auf den Leim.

Das lässt die Sache schal werden. Die Karikatur der Männerseligkeit wird unglaubwürdig und so zum Verstärker des vorgeblich Persiflierten. Nicht gut. Frauen werden im Entertainment ohnehin zur Genüge verarscht. Im Tanz muss das nicht auch noch betrieben werden. (Helmut Ploebst, DER STANDARD - Printausgabe, 5./6. November 2011)

5. 11., 20 Uhr

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