Der bunte Arbeitsmarkt hinter der Technik

4. November 2011, 17:43
35 Postings

Steter Tropfen höhlt den Stein - "MINT in der Praxis" nennt sich das neue Veranstaltungsformat, das von Uniport, dem Karriereservice der Universität Wien, und dem TU Career Center initiiert wurde

Neu ist es nicht. Dafür umso dringlicher. Die Tatsache, dass am Arbeitsmarkt händeringend nach Absolventen der sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) gesucht wird, hat wenig an den Studierenden-/Absolventenzahlen geändert. Mittlerweile gibt es zahlreiche Initiativen, die vor allem auch ganz jungen Menschen, bei manchen auch im Speziellen junge Frauen und Mädchen für die Naturwissenschaften begeistern sollen - gute und sinnvolle Initiativen. Der Erfolg wird sich erst in einigen Jahren herausstellen, nämlich dann, wenn diese Jungen vor der Schul- oder Studienwahl stehen.

Chancen auf einen guten Studienplatz und auch auf dem Arbeitsmarkt hätten diese Menschen jedenfalls gute. Unter anderem auf der Homepage der MINT-Initiative des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung (BMWF) werden Gründe dafür genannt: "40 Prozent der Industrieunternehmen haben Probleme, genügend Fachkräfte im Bereich Technik & Produktion zu beschäftigen. 54 Prozent der Industrieunternehmen haben Schwierigkeiten, genügend Hochqualifizierte im Bereich Forschung und Entwicklung zu finden. 40 Prozent der Unternehmen erwarten, dass der Bedarf an Beschäftigten dieser beiden Gruppen innerhalb der nächsten Jahre weiter ansteigen wird."

Kulturelles Phänomen

Warum sich dennoch nach wie vor zu wenig Menschen in diesem Land für Technik und Naturwissenschaft begeistern können, vermag keiner so recht zu erklären - langsam wächst sich dieser Zustand fast zu so etwas wie einem kulturellen Phänomen aus. Warum Technik und Naturwissenschaften unter vielen jungen (auch älteren) Menschen - trotz großer Errungenschaften - ein tendenziell schlechtes Image genießen, dafür gibt es ebenso einen Argumentationsnotstand.

Die Suche nach möglichen Antworten und das Angebot für entsprechende Aufklärung steigt damit zu Recht. Vor kurzem wurde eine weitere MINT-Initiative gemeinsam von Uniport, dem Karriereservice der Universität Wien, und dem TU Career Center ins Leben gerufen. Der Titel der Veranstaltungsreihe: "MINT in der Praxis". Bernhard Wundsam, Geschäftsführer von Uniport, erklärte im Rahmen eines Karrierenforums zum Thema, dass man gemeinsam mit dem TU Career Center die Initiative des BMWF, das sich zielgruppentechnisch mehr auf Schüler und Maturanten fokussiere, auf Studierenden-Ebene weiterziehen wolle.

Hier gehe es darum, vom noch unschlüssigen Studenten, der über einen Studienwechsel nachdenkt, bis hin zu den Studierenden technischer oder naturwissenschaftlicher Fächer gute Wechseloptionen bzw. überzeugende Argumente zu liefern, um das Studium auch positiv abzuschließen.

Auch aus diesem Grund werden die fünf geplanten Veranstaltungen von fünf Unternehmen gestaltet und unterstützt. Interessierte haben an den jeweiligen Terminen sowohl die Gelegenheit, die Unternehmen kennenzulernen, wie auch mehr über die dortigen Berufsbilder - die weitaus bunter sind, als viele vermuten würden - zu erfahren.

Denn auch während eines Studiums sei es von nicht zu unterschätzender Bedeutung, zu wissen, welche beruflichen Möglichkeiten einem nach einem Abschluss offenstehen, ist Helene Czanba, Geschäftsführerin des TU Career Center, überzeugt. Es sei wichtig, mit alten Mustern zu brechen, veraltete Bilder aus den Köpfen zu bringen und dadurch auch das schlechte Image der Technik zu verbessern, sagt sie.

Transparentmachen von Berufsbildern

Nach wie vor, schließt Wundsam an, "stürzen sich 60 Prozent der Studierenden auf zehn Prozent aller Studien". Durch diese weitere Initiative erhoffe man sich über das Transparentmachen von Berufsbildern auch den heterogenen Arbeitsmarkt dahinter beleuchten zu können. Dabei sollen die teilnehmenden Unternehmen Unterstützung bieten.

Dieter Kittenberger, Country Manger Enterprise Server, Storage & Networking Hewlett-Packard, gehe es um eine laufende Verbesserung in der Klarheit bestehender Positionen im Unternehmen, um Profile deutlich herauszuarbeiten. Jährlich veranstalte man bei HP einen "Graduate Day", an dem versucht werde, diese Transparenz in den Berufsbildern darzustellen, aufzuzeigen, wie Karrieren im Vertrieb oder im Service bei HP aussehen. Es ist auch wichtig und notwendig, aufzuzeigen, dass der Arbeitsmarkt hinter den MINT-Fächern extrem innovationsgetrieben und dynamisch ist, so Kittenberger weiter.

Oft biete die Außensicht auf ein Unternehmen zu wenig Informationen darüber, wie und was genau in diesen Unternehmen gearbeitet werde, schließt sich Horst Schubert, Director Global Support Center Austria, Business Suite and Technology bei SAP Austria, an. Bei SAP seien ohne Zweifel Experten gesucht, mit tiefem, fundiertem Wissen im jeweiligen Bereich. Diese Expertise müsse nicht in einem "fixen Berufsbild" münden, es sei vielmehr wichtig, Ausprägungen möglicher Berufsbilder klarer darzustellen, so Schubert weiter. An diesem Punkt schließt Michael Walzek, Personalleiter bei Roche Austria, an: "Die jungen Menschen, mit denen wir - vorzugsweise persönlich - in Kontakt treten, sind sehr flexibel. Man muss ihnen nur die entsprechenden Aufgaben erklären." Der Akademikeranteil bei Roche sei mit 60 Prozent sehr hoch, sagt Walzek, einen Großteil davon machten Absolventen der Naturwissenschaften aus, darunter viele Ernährungswissenschafter.

Viele Karrieremöglichkeiten

Wichtig sei, sagt Martin Richtsfeld, Teamleiter beim Softwarehersteller Isis Papyrus Informations Systems, dass man - so wie er - sehr früh vermittelt bekomme, wie man das jeweilige Wissen zur Anwendung bringen könne. Auch aus diesem Grund biete man bei Isis Papyrus auch die Möglichkeit über Diplomarbeiten einen Platz im Unternehmen zu finden. In einem weltweit rund 300 Mitarbeiter zählenden Betrieb und einer dynamischen Branche gebe es mehr Karrieremöglichkeiten als vermutet.

Beim Berater McKinsey haben 35 Prozent des Staffs technischen Hintergrund, sagt Stefan Helmcke, Principal im Wiener Büro. Beratungsunternehmen ganz allgemein haben relativ früh begonnen, Techniker anzusprechen, sagt er. So auch McKinsey. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: "Wir sind ein Wissensunternehmen, und Techniker sind Menschen, die extrem klar und analytisch denken können, sich schnell neuen Gegebenheiten und Aufgabenstellungen anpassen können." Was bei einem klientenfokussierten Arbeiten wie der Beratung immanent sei, so Helmcke. Den Wettbewerb mit der Industrie, die ebenfalls um Techniker und Naturwissenschafter bemüht sei, bezeichnet Helmcke als "gut". Die Technikerquote bei McKinsey sei seit Jahren "stabil". (Heidi Aichinger, DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.11.2011)

Link

Nähere Informationen zu "MINT in der Praxis" finden Sie unter: www.uniport.at/mint und www.tucareer.com

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Technikjobs haben oft mehr zu bieten als gedacht

Share if you care.