"Wollen möglichst alle Länder ins Boot holen"

Interview
  • Setzt auf Zeit, um ein Klimaschutzabkommen zu erreichen: EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard
    foto: heribert corn

    Setzt auf Zeit, um ein Klimaschutzabkommen zu erreichen: EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard

EU-Kommissarin Hedegaard unternimmt bei der Weltklimakonferenz einen neuen Anlauf, die Klimaerwärmung einzudämmen

Standard: Es scheint, dass bei der Bekämpfung des Klimawandels mehr denn je die Europäische Union vorprescht und die anderen großen Emittenten von Treibhausgasen, allen voran die USA, gar nichts tun.

Hedegaard: Das ist ein falsches Bild. In den USA haben hunderte Städte Emissionssparpläne oder investieren in Energieeffizienz. Kalifornien startet mit einem Emissionshandel. Es gibt sehr viele Initiativen auf dem Gebiet. Aber natürlich haben insbesondere die EU-Staaten die Aufgaben gemacht. Und darauf werden wir in Durban auch hinweisen.

Standard: Wie sieht Ihre Strategie für die Ende des Monats startende Weltklimakonferenz in Durban, Südafrika, aus?

Hedegaard: Wir werden darauf pochen, dass es ohne bindende Verpflichtungen keinen Folgevertrag zum Kioto-Klimaschutzprotokoll, das 2012 ausläuft, geben kann. Die EU hält an dem Ziel fest, die Erderwärmung auf zwei Grad plus (gemessen an den vorindustriellen Werten) einzudämmen. Aber die EU kann das nicht allein stemmen! Schließlich machen die Treibhausgas-Emissionen der EU nur elf Prozent der globalen Emissionen aus.

Standard: Es wird sehr schwierig, Länder wie die USA oder China ins Boot zu holen?

Hedegaard: Die USA signalisieren, sie würden mitmachen, wenn China mitgeht. Ich habe sehr positive Signale zu dem EU-Vorschlag einer Roadmap. Die Staaten würden damit etwas Zeit erhalten, nämlich bis 2015, sich internationalen Klimaschutzverpflichtungen zu unterwerfen und ein entsprechendes Monitoring dazu einzuführen.

Standard: Warum sollten die Staaten etwas machen, das sie im Rahmen des Kioto-Protokolls nicht einhalten?

Hedegaard: Erstens wird 2014 ein neuer Bericht von der IPCC, der UN-Klimaschutzbehörde, herauskommen - die Datenlage zum Erderwärmungsproblem wird also noch ein Stück präziser. Zweitens sollten im Rahmen der Roadmap, die verbindlich sein muss, möglichst alle Länder ins Boot geholt werden. All die Länder, die bisher keine Klimaschutzverpflichtungen haben, sollen mitmachen müssen: Entwicklungsländer und natürlich die aufstrebenden Schwellenländer. Ich denke, dass bei einem so breiten Ansatz die großen Emittenten folgen werden. Ziel sollte sein, dass mit dieser Roadmap 80 bis 85 Prozent der globalen, vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen abgedeckt sind. Das Problem bei der derzeitigen Vertragslage ist ja, dass bald zwei Drittel der antropogenen Emissionen nicht Teil des Kioto-Protokolls sind. Die wirtschaftliche Entwicklung, die die Schwellenländer nehmen würden, war ja nicht absehbar.

Standard: Trotzdem erhalten diese Schwellenländer die meisten Klimaschutzgelder.

Hedegaard: Zumindest die EU wird das ändern. Ab 2013 sollen solche projektbezogenen Mittel im Rahmen von "CDM" (Clean Development Mechanism) nur mehr den ärmsten Ländern, und da vor allem afrikanischen Staaten, zur Verfügung stehen. China, Brasilien, Indien werden da nicht mehr begünstigt sein.

Standard: Österreich ist eines der wenigen EU-Mitglieder, die die Ziele nicht erreichen werden. Ist dies für die Kommission ein Thema?

Hedegaard: Die EU selbst ist auf dem richtigen Weg. Wir werden die Vorgaben des Kioto-Protokolls, minus acht Prozent auf Basis der Zahlen von 1990, erreichen, wahrscheinlich sogar übererfüllen. In der EU sind wir bereits dabei, die 2020-Ziele anzugehen. Daran wird Österreich gemessen werden, nicht an den jetzt auslaufenden Zielen. Umweltminister Nikolaus Berlakovich hat mir versichert, dass Österreich seine Vorgaben dann einhalten wird. Aber natürlich, Österreich sollte mehr Initiativen im Bereich Klimaschutz setzen. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.11.2011)

Connie Hedegaard ist EU-Klimaschutzkommissarin. Als dänische Umweltministerin leitete sie die schwierigen, letztlich erfolglosen Verhandlungen zur UN-Klimaschutzkonferenz in Kopenhagen 2009.

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