"Le Havre": Imitation eines besseren Lebens

4. November 2011, 17:26
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Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki erzählt in "Le Havre" eine Parabel um solidarisches Handeln

Ein ungewohnt optimistischer Film für den Griesgram, mit viel Feingefühl für poetische Verdichtung.

Wien - Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki blickt in der Regel wie ein romantischer Fatalist auf die Welt. Er weiß um die Anstrengungen des Menschen, dem Leben ein wenig Wärme abzutrotzen (und sei es nur ein paar Gläser lang in einer Bar), und verzeichnet dennoch immer wieder, dass sich all die Mühe nicht lohnt. Le Havre, sein neuester, in der gleichnamigen Hafenstadt der Normandie gedrehter Film weicht von dieser Maxime ein wenig ab: Zwar ist die Gesellschaft auch hier ein System, dem zu Recht jedes Misstrauen gilt, aber es gibt darin auch Mächte der Mäßigung.

Aus dem Arsenal an Themen und Figuren, deren sich Kaurismäki hier bedient, ließe sich auch eines dieser Sozialdramen bauen, die sich ganz über ihren Inhalt legitimieren: Marcel Marx (André Wilms), bekannt aus La vie de Bohème (1992), ist ein Schuhputzer mit kargem Einkommen, der mit seiner Frau Arletty (Kati Outinen) in einem bescheiden möblierten Haus lebt. Dies hindert ihn allerdings nicht daran, sich für einen zu engagieren, der noch viel weniger hat: Idrissa (Blondin Miguel), ein afrikanischer Junge, der illegal ins Land kam und nun auf der Flucht ist.

Durch die charakteristisch minimalistische Mise en scène Kaurismäkis, die literarisch gehaltenen Dialoge und mithilfe seiner unnachahmlich lapidaren Komik wird daraus jedoch ein Film, der keine Ähnlichkeit zur realen Welt sucht, sondern diese poetisch verdichtet. Le Havre, sagt Kaurismäki selbst, ist ein Märchen. Also kann es geschehen, dass ein Kommissar - der wunderbare Jean-Pierre Darroussin spielt ihn mit hochgestelltem Trenchcoatkragen wie aus einem Melville-Krimi - mit einer Ananas unterm Arm in eine Bar tritt, um im Gespräch mit der Besitzerin zu beweisen, dass er keiner dieser Kümmelspalter ist, die nur Paragrafen exekutieren. Oder es ist so, dass ein ganzes Viertel (mit einer Ausnahme) auf Solidarität setzt, statt auf Eigennutz durch Denunziation.

Schlimm genug, dass uns die andere, gemeine Welt als die eigentlich realistische erscheint, ist Le Havre doch kein versöhnlicher Film. Das Unglück ist ganz nahe, oft nur einen Gag entfernt. Kaurismäki ist ein Melodramatiker, das zeigt nicht nur seine Reverenz gegenüber Marcel Carnés Le quai des brumes, den anderen großen Le-Havre-Film, sondern auch seine Verbeugung vor Douglas Sirk, dem Gefühlssurrealisten, von dem er den plötzlichen Umschlag einer sich anbahnenden Katastrophe in ihr Gegenteil übernimmt.

Kaurismäki hat übrigens angekündigt, eine Trilogie über Hafenstädte drehen zu wollen. Noch eine gute Nachricht. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 5./6. November 2011)

  • Wenn die Sonne hinter den Wolken hervortritt und die Gesichter wärmt: 
André Wilms und Kati Outinen, das Ehepaar aus Aki Kaurismäkis "Le 
Havre".
    foto: stadtkino

    Wenn die Sonne hinter den Wolken hervortritt und die Gesichter wärmt: André Wilms und Kati Outinen, das Ehepaar aus Aki Kaurismäkis "Le Havre".

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