"Ich schlage gegen einen Sandsack"

Interview |

Die Doppel-Weltmeisterin ist Favoritin bei der Wahl zu Österreichs Sportlerin des Jahres. Antworten auf Fragen über Thaiboxen, Individualismus und Umweltschutz

Standard: Trainer erzählen, dass keine im Team so viel in den Sport investiert wie Sie. Sind Sie auch dieser Meinung?

Görgl: Ich weiß nicht, was andere investieren. Ich weiß nur, was ich investiere. Und ich mache das nur für mich. Wenn ich schlafen gehe, möchte ich mit meinem Tag zufrieden sein.

Standard: Bei der WM in Garmisch, wo Sie Ihre bisher größten Tage hatten, betonten Sie, dass Sie mittig und geerdet sind. Wie kommt man in die Mitte, wie erdet man sich?

Görgl: Das geht nicht von heute auf morgen. Ich arbeite schon lang an mir. Und habe über die Jahre einen Wandlungsprozess durchgemacht. Für mich sind Pausen wichtig. Wenn ich mich sehr anstrenge, muss ich mir anschließend Zeit nehmen für mich selber. Dann will ich allein sein, Ruhe haben, die Dinge reflektieren, meine Schlüsse daraus ziehen. So lernt man sich selbst kennen, wird ruhiger und gelassener. Und kann die Dinge geerdeter angehen.

Standard: Sie trainieren nicht nur die Wadeln und die anderen Muskeln, die man zum Skifahren braucht, sondern auch den Geist. In welchem Verhältnis steht das?

Görgl: Das eine ohne das andere geht nicht. Das ist eine Kombination. Wichtig ist, an allen Enden und Ecken zu arbeiten. Man muss immer wieder abchecken, wo man steht, wie es einem geht oder wo man vielleicht ein bisserl machen muss. Damit alles ausgewogen ist und in Harmonie.

Standard: Wie beginnt für Sie ein guter Tag?

Görgl: Dazu gehört unbedingt, dass ich am Vortag früh ins Bett gegangen und ausgeschlafen bin. Ich brauche viel Schlaf. Ganz gut ist es natürlich, wenn die Sonne scheint. Wenn sie nicht scheint, dann muss es auch gehen.

Standard: Wie kann man sich Ihr mentales Training vorstellen?

Görgl: Sehr individuell und auf mich abgestimmt. Aber das will ich für mich behalten. Was ich nach außen transportieren wollte, hab ich eh schon gesagt.

Standard: Yoga ist auch Bestandteil Ihres Trainings?

Görgl: Ich betreibe es manchmal mehr, manchmal weniger. Yoga ist eine gute Art zu entspannen, zu dehnen, zu atmen.

Standard: Gibt es einen Guru?

Görgl: Nein. Ich hab vor ein paar Jahren damit angefangen, als es voll im Trend lag. Im Fitnessstudio bei einer Yoga-Lehrerin. Von meiner Freundin habe ich eine Yoga-DVD geschenkt bekommen. Die DVD begleitet mich immer und überall hin. Es sind Power-Yoga-Übungen.

Standard: Sie sind auch Thaiboxerin. Gegen wen kämpfen Sie?

Görgl: Ich kämpfe nicht. Ich mache Schlag- und Schritttraining, ich schlage gegen einen Sandsack, gegen Pads oder in die Luft. Für die Schnelligkeit-Ausdauer ist das sehr gut.

Standard: Sie sind auch Tänzerin. Mit wem und zu welcher Musik tanzen Sie?

Görgl: Ich tanze Freestyle in der Disco. Hip-Hop mag ich gern. Professionellen Tanzkurs hab ich noch keinen besucht. Walzer tanzen gelernt habe ich bei der Vorbereitung auf den Maturaball.

Standard: Sie werden oft als Einzelgängerin in einer Mannschaft beschrieben. Trifft diese Beschreibung zu?

Görgl: Ich bin Individualist.

Standard: Sind Favoritin bei der Wahl zur österreichischen Sportlerin des Jahres, die diese Woche bekannt gegeben wird. Wäre das ein bedeutender Titel?

Görgl: Das wäre eine sehr schöne Auszeichnung und eine große Ehre.

Standard: Eine Bestätigung dafür, dass man es geschafft hat?

Görgl: Nach außen hin schaut das so aus. Schließlich muss man etwas Besonderes geleistet haben, um überhaupt in die engere Auswahl zu kommen. Die Erfolge sprechen für sich.

Standard: Haben die größten Erfolge, die zwei Goldenen von Garmisch, Ihr Leben verändert?

Görgl: Mein Bekanntheitsgrad, das Interesse an meiner Person sind stark gestiegen. Ich habe viele Anfragen bekommen für Interviews, nicht nur national, auch vom Ausland. Ich schreib mehr Autogramme. Das ist das Äußere. Für mich selbst ist das eine sehr schöne Bestätigung für meinen Weg, meine Arbeit.

Standard: Ihr Präsident, also ÖSV-Chef Peter Schröcksnadel, ist sauer, weil Sölden die US-Teams sponsert. Finden Sie das auch skandalös? Oder sind Sie in dieser Angelegenheit befangen?

Görgl: Befangen bin ich sicher nicht. Aber weil es nicht mein Kaffee ist, ist es mir egal.

Standard: Bleibt Ihnen noch Zeit für Freundschaften außerhalb des Zirkus.

Görgl: Ich habe ein paar wenige, ausgewählte, sehr, sehr gute Freundschaften in meinem Umfeld in Innsbruck.

Standard: Ihnen liegt die Umwelt am Herzen. Was tun Sie dafür?

Görgl: Ich versuche im Kleinen Dinge zu tun, die jeder normale, zivilisierte, bewusste Mensch macht. Wenn ich aus dem Hotelzimmer gehe, drehe ich das Licht ab, beim Zähneputzen lasse ich das Wasser nicht rinnen. Ich schalte den Computer wieder aus, wenn ich ihn nicht brauche, ich tue den Müll dorthin, wo er hingehört.

Standard: Befolgen Sie einen strikten Ernährungsplan?

Görgl: Nein. Es sollte ausgewogen sein. Ich kaufe heimische Produkte und keine Ananas aus Peru. Saisonales Obst und Gemüse, Fleisch und Eier vom Bauern und nicht aus der Massentierhaltung. Da investiere ich lieber ein paar Euro mehr. Oft ist es schwierig. Wir sind viel unterwegs. Da hab ich ja keine Ahnung, woher das Fleisch im Hotel kommt. Wenn ich daheim bin, koche ich selber. Zum Beispiel Piccata milanese. Oder Fleisch und Gemüse im Wok. (Der STANDARD-Printausgabe, 5.11. 2011)

ELISABETH GÖRGL (30), Steirerin aus Kapfenberg, Tochter der ehemaligen Rennläuferin Traudl Hecher-Görgl (u. a. 1960 und 1964 Olympiabronze in der Abfahrt). Bruder Stephan fährt ebenfalls im Weltcup. Görgl lebt seit zehn Jahren in Innsbruck. Absolvierte die Skihauptschule Schladming und das Skigymnasium Stams. Gewann WM-Gold 2011 in der Abfahrt und im Super-G, Olympiabronze 2010 in der Abfahrt und im Riesenslalom, WM-Bronze 2009 in der Super-Kombi. Drei Weltcupsiege. RTL-Dritte beim Weltcupauftakt in Sölden.

Share if you care