Pseudobauer sucht Frau

Kolumne4. November 2011, 17:11
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Ein Fernsehskandal, der sich gewaschen hat

Bauern, Bauern, Bauern: Seit RTL und ATV mit ihrer Doku-Soap "Bauer sucht Frau" einen Quotenhit gelandet haben, ist die Verbäuerlichung des Privatfernsehens nicht aufzuhalten. Leider gehen derzeit üble Gerüchte um: Etliche der bei RTL buhlenden Bauern, berichtet Bild, seien nämlich gar keine Bauern, sondern anderen Berufsständen zugehörig, mithin also lediglich Putativ- oder Scheinbauern.

Bei diesen Pseudobauern handelt es sich meist um griechengeschädigte Investmentbanker oder Personen aus ähnlich desolatem Milieu, welche sich als Bauerndarsteller im TV ein Zubrot verdienen. Wieso aber dieser unredliche Rückgriff der TV-Anstalten auf Putativbauern? Weiß man bei RTL nicht, dass aus einem Banker noch lange kein Bauer wird, wenn man ihm schnell eine Heugabel in die Hand drückt und ein paar fette Kuhfladen auf den Nadelstreif schmiert?

Ganz einfach: Der Rückgriff der TV-Anstalten auf Putativbauern erfolgt aus purer Not. Durch die Massensuche nach telegenen Bauern in allen Kuhställen zwischen Kufstein und Kiel ist ein regelrechter Fernsehbauern-Engpass entstanden. Die Casting-Crews haben den Bauernfang zwar längst über den Kreis der landläufigen Hetero-Bauern hinaus ausgeweitet: Heute wird auch nach Homo-Bauern, Sadomaso-Bauern, ja selbst nach frigiden (im Volksmund: "kalten") Bauern gesucht. Aller sexuellen Kulanz zum Trotz sind und bleiben die brachliegenden Bauern-Ressourcen jedoch begrenzt.

Das ist peinlich, weil das TV-Publikum in Krisenzeiten erst recht nicht von seiner Bauern-Obsession lassen will. Der Bauer fasziniert, weil er im Krisenfall einfach ein paar Birnbäume oder Rübenäcker leerfrisst ("Bauernschmaus"), während wir blasierten und finanzhörigen Stadtidioten erst nach und nach lernen müssen, dass man, sobald der letzte Fisch gefangen sein wird, "Geld nicht essen kann".

Dennoch eine Warnung an alle Bauern-Enthusiasten: Vorsicht! Es gibt nicht nur den lieben Bauern, der im Märzen die Rösslein einspannt und sich den Rest des Jahres gemütlich mit dem Ja-natürlich-Schweinchen unterhält. Es gibt auch den Grind- oder Gruselbauern, der alles Geld versäuft und ungeniert seiner Sau in den Koben reihert, wenn er wieder einmal blunzenfett vom Gastwirt nach Hause kommt. Von dieser Schande des Bauernstandes kriegt man im Werbefernsehen freilich nie etwas mit. (DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 5./6. November 2011)

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