Der Kunstmarkt ist ein Sensibelchen

4. November 2011, 18:28
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Noch nie waren Schätzwerte so wichtig - Das zeigen die New Yorker Bilanzen deutlich - Kommende Woche treten die Zeitgenossen an - Es bleibt spannend

Die Verkaufsquoten waren ja schon Mitte Oktober nicht gerade berauschend, als man im Zuge der Londoner Evening Sales der Sparte Contemporary & Post War mehrheitlich bei 70 Prozent dümpelte (Christie's) oder mit 76 Prozent (Sotheby's) gerade noch die Kurve kratzte. Eine Lehre? Kaum, in den Chefetagen der Auktionshäuser wähnte man den Grund wohl lieber in der Kaufkraft, die von der Frieze abgezogen worden wäre.

Denn bereits während der Preview hatten sich die angereisten Kunstjunkies ausgiebig bedient: Am ersten Öffnungstag präsentierte etwa Ropac schon die zweite Hängung, Baselitz, Gormley oder Kiefer (400. 000-500.000 Euro) verkauften sich schneller als erwartet. Die Leute hätten vom Jahr 2008 gelernt, argumentierte der Galerist, viele bereuen noch heute, bestimmte Kunstwerke damals nicht erworben zu haben. Dennoch, der Kunstmarkt ist ein Sensibelchen. Trotz der gern zitierten Wertbeständigkeit, die in der Realität nicht immer hält. Wenn sich bei einer Auktion zwei Interessenten in ein Kunstwerk verbeißen und daraus ein Sensationspreis resultiert, dann ist das eine Momentaufnahme, nicht aber auch der neue Marktwert.

Das Fazit dieser Woche: Christie's hatte im Vorfeld der New Yorker Impressionist-&-Modern-Art-Sause einfach zu hoch gepokert. Die Taxen der Abendformation (1. 11.) waren für das gegenwärtige Klima an den Weltbörsen schlicht zu aggressiv. Statt des angepeilten Umsatzes von bis zu 310 Millionen Dollar musste sich Christie's mit knapp 140,7 Millionen zufriedengeben, 38 Prozent des Angebots blieben unverkauft. Darunter auch Degas Balletteuse, von der posthum einfach zu viele produziert wurden, als dass man dafür 25 oder 35 Millionen verprasst.

Fatale Einbringerflausen

Theoretisch verschafften die verbleibenden Stunden Sotheby's Luft, etwa um bis zum Start der Auktion (2. 11.) übertriebene Erwartungsflausen der Einbringer zu züchtigen. Praktisch war dies aber nur in Einzelfällen ein Thema, die Taxen waren dort konservativer gestrickt und damit auch verführerischer für potenzielle Kunden. Und diese Strategie wurde belohnt: Mit einer stärkeren Verkaufsquote (81,4 % ggb. 62 % Christie's) und einem höheren Umsatz (199,8 Mio. Dollar).

Oder auch im Falle Gustav Klimts Litzlberg, das entgegen der taxierten 25 Millionen schließlich 40,4 einspielte. Angesichts der kommenden Woche in New York anberaumten Auktionen für Zeitgenössisches (8. bis 10. 11.) ist demnach Fingerspitzengefühl gefragt. Vermutlich täte man in den nächsten Tagen gut daran, manchem Einbringer noch schnell ein niedrigeres Limit abzuringen. Auf Millionenwerten hocken zu bleiben, wäre ein fatales Signal für den zartbesaiteten Markt. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 5./6. November 2011)

  • Sigmar Polke: eine unbetitelte Arbeit (1999), die einem realistisch 
gebliebenen Privatsammler kommende Woche bei Sotheby's in New York 
zwischen 250.00 und 350.000 Dollar bringen wird. Oder eben auch mehr.
    foto: sotheby's

    Sigmar Polke: eine unbetitelte Arbeit (1999), die einem realistisch gebliebenen Privatsammler kommende Woche bei Sotheby's in New York zwischen 250.00 und 350.000 Dollar bringen wird. Oder eben auch mehr.

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