Der professionelle Außenseiter

4. November 2011, 18:31
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Ein radikaler, schillernder, irritierender Denker ist neu zu entdecken: Paul Goodman - Seine Tochter wird in Wien über ihn sprechen

Als Kind, schrieb Paul Goodman einmal, wäre er am liebsten Mitglied einer Straßengang geworden. Das war eine der wenigen Karrieren, die er nicht eingeschlagen hatte. Dafür wurde Goodman Schriftsteller, Dichter, Sozialkritiker, Pazifist und Anarchist, er war Mitbegründer der Gestalttherapie, Befürworter der Ökologie, als noch niemand dieses Wort kannte, und - in der Eisenhower-Ära! - bekennender Bisexueller. Eines seiner Bücher, Growing Up Absurd, verstörte die Bürger, sprach den entfremdeten Jungen aus der Seele und wurde in den Sechzigerjahren eine ihrer Bibeln.

So bekannt, verehrt und angefeindet er war: Nach seinem Tod 1972 und erst recht in der Ära des erstarkenden Konservatismus in den USA wurde es still um ihn. Mittlerweile aber, und nicht nur aus Anlass seines hundertsten Geburtstages, könnte ihn eine neue Generation entdecken. Eine Dokumentation über Paul Goodman kam dieser Tage ins Kino. Und seine Tochter Susan Bendich Goodman wird nächste Woche auf der - ihm gewidmeten - internationalen Gestalttherapeuten-Tagung in Wien über ihn sprechen.

Was kam alles zusammen, dass aus dem Einwandererkind und Möchtegern-Gangster "einer der einflussreichsten Denker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts" werden konnte (wie ihn der Film-Autor Ronnie Scheib charakterisierte)?

Paul Goodman wurde 1911 in New York geboren. Statt der Straßen machte er als Schüler dann doch die Bibliotheken der Stadt unsicher - eine Leidenschaft, die er später in sein Konzept einer "educative city" übertragen sollte. Wichtig waren für ihn auch die Jahre am City College von New York, in der Zwischenkriegszeit ein Tummelplatz aller linken Strömungen der Stadt. Viele, die später als Radikale und manche, die noch später als neokonservative Renegaten bekannt wurden, studierten damals dort: Daniel Bell, Irving Howe, Norman Podhoretz, Norman Mailer, Irving Kristol, Nathan Glazer.

Radikale Skepsis

Goodman gehörte dazu und fiel bald durch seine Diskussionsfreudigkeit auf und durch eine Radikalität und Skepsis gegenüber allen Autoritäten, die die Trotzkisten und Stalinisten unter den Studenten irritieren musste. "Du bist ja ein Anarchist!", warf ihm einer von ihnen vor. "Ich wusste gar nicht, was das ist", erinnerte sich Goodman später, "ich musste in der Enzyklopädie nachschauen." Dort stieß er dann auf Kropotkin, der zu einem großen Einfluss für ihn wurde.

Von dieser und vielen anderen Episoden erzählt er in dem Film von Jonathan Lee Paul Goodman changed my life, der im Oktober in New York Premiere hatte. Die Dokumentation versammelt Zeitgenossen und TV-Passagen von seinerzeit, rückblickende Urteile und viel von Goodman selbst, in öffentlichen Auftritten, Teach-ins und in Interviews, die er souverän für seine Anliegen nutzt.

So beginnt der Film mit einem Gespräch zwischen ihm und dem konservativen Talkshow-Meister William F. Buckley, der nicht umhinkann, Goodman, dem "Exzentriker", der aus Armut einen Kult machen würde, Sympathie entgegenzubringen. Der Angesprochene ist nicht beeindruckt. Er sei kein "poverty cultist", und in Würde wenig Geld zu haben, sei ein Privileg - wenn man das will.

Dabei behält er, wie Buckley feststellt, einen leicht amüsierten Gesichtsausdruck, und es stimmt: Auch wenn seine Themen voller Ernst sind, ein Mundwinkel ist immer ein wenig nach oben gezogen, und zusammen mit dem Pullover, den Cordhosen und der Pfeife ergibt das den Eindruck einer lässigen Überlegenheit.

Schärfer wird Goodman, wie er, der bekannte Aktivist gegen den militärisch-industriellen Komplex, einmal eingeladen wird, vor einem Forum ebendieses Komplexes zu sprechen. Er sagt ihnen dasselbe, was er auf Demonstrationen sagt, auch wenn er weiß, dass er gerade hier keine Veränderungen bewirken wird.

Weitaus größer ist sein Einfluss auf die desillusionierte Jugend der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Er wird zu einer der Vaterfiguren der Bewegung, mehr als bei uns bekannte Vordenker wie Marcuse oder auch Marx. Growing Up Absurd ist eigentlich als Studie über Jugendkriminalität in Auftrag gegeben worden, nun entwickelt es sich zum Leitfaden, wie der Lebensfeindlichkeit der US-Gesellschaft zu begegnen sei.

Das Thema beschäftigt ihn, darin ganz in US-pragmatischer Tradition, auf vielfältige Arten, die der Film kaum nachkommt aufzuzählen. So entwickelt er, irritiert von Staus in Manhattan, die Idee, Maut für die Fahrt in die Stadt zu verlangen - 50 Jahre später sind Stadtplanungsstudenten verblüfft: "Goodman's is the right way!"

Wenig bekannt - weil von Fritz Perls überschattet - ist heute, dass er das grundlegende Buch über Gestalttherapie mitverfasst hat (und die Praxis zugleich in einem seiner Romane, The Empire City, geschildert hat).

Gemeinsam mit seinem Bruder Percival, einem Architekten, schreibt er ein Buch über eine utopische, dennoch praktische Stadtplanung, Comunitas. Darin plädiert er - 1947! - für Umweltschutz und Dezentralisierung: "Nicht top-down, von unten muss alles kommen", ob Bürgerrechte, Bildungsinitiativen oder Kunst.

Ein ideales Betätigungsfeld findet er im Black Mountain College in North Carolina. In diesem legendär gewordenen Treibhaus für Kreativität trifft er auf Gleichgesinnte, lehrt, schreibt, diskutiert, streitet - und ist bald wieder weg. "Er war" erinnert sich Susan Sontag, "ein professioneller Außenseiter."

Das dürfte auch mit seiner Bisexualität zu tun haben, die er als Ehemann und Vater offen lebt. Dem Film zufolge hat der tödliche Unfall seines Sohnes zu Goodmans Tod 1972 beigetragen.

Ererbte Vielseitigkeit

Tochter Susan sieht das differenzierter. Sie erlebt die Premiere des Films mit gemischten Gefühlen. "Ein guter Film", sagt sie, "der noch besser hätte sein können."

So sei ausgeblendet worden, dass ihr Vater nach dem Tod des Sohnes noch fünf Jahre aktiv gelebt und unter anderem mit dem kritischen Intellektuellen Ivan Illich eine intensive Freundschaft gehabt hat. Es kommt ihr auch zu kurz, wie schwer es während des Zweiten Weltkriegs, war, als er als bekannter Pazifist keinen Job bekam. "Und was noch fehlt: wie sehr meine Stiefmutter Sally die ganze Familie erhalten hat. Er war das Alpha-Männchen, hat geschrieben und gemacht, was er wollte, ohne Rücksicht. Sie hat dafür sorgen müssen, dass die Miete bezahlt wird."

Gut getroffen findet sie die Passagen über die Bisexualität ihres Vaters und seine Beschäftigung mit Gestalttherapie. Das hätte man noch länger zeigen können statt der Passagen mit Perls als Therapeuten. Der war wohl eher ein Showman, oder? "Oh God, and how!" Und ein Womanizer? "Oh please: non-stop!"

Susan Goodman, seit einer Polio-Erkrankung als Teenager im Rollstuhl, ist durch den Umgang ihres Vaters mit der New Yorker Gestalt-Szene geprägt worden, Perls' Frau Lora wurde ihre Lehrtherapeutin. Zudem hat sie Literatur studiert, einen Master in Public Law und einen Ph.D. in klinischer Psychologie, hat als Journalistin und Lehrerin gearbeitet - wohl eine ererbte Vielseitigkeit. Sie lebt jetzt in der Nähe ihres Sohnes Paul, Mathematiker an der Duke University.

In den immer konservativeren Zeiten sei ihr Vater ignoriert worden, sagt sie. Aber jetzt, "Occupy!", sei die Situation so schlimm, dass jemand wie er wieder mehr Beachtung finden könnte.

Man hat den Eindruck, sage ich ihr, dass sie eher daran interessiert sei, wie man Menschen jetzt helfen kann, während ihr Vater darüber nachdachte, wie sie eines Tages leben könnten. So könne man es sehen, antwortet sie. "Paul hatte viele Ideen im Kopf. Ich höre mehr zu." (Michael Freund, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 5./6. November 2011)

Das Standardwerk von F. Perls, R. Hefferline und P. Goodman, "Gestalttherapie - Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung", ist bei Klett-Cotta erschienen. Circa drei Dutzend Bücher von und über Goodman sind auf Deutsch oder Englisch lieferbar.

Die Tagung deutschsprachiger Gestalttherapie-Vereinigungen findet von 11. bis 13. November im BORG III in 1030 Wien statt. Am Freitag um 18 Uhr spricht Susan Goodman, anschließend wird der Film über ihren Vater gezeigt. Trailer und Teile des Films sind auf Youtube zu sehen.

  • Engagiert, utopisch und pragmatisch, urban und ökologisch: Paul Goodman,
 "ein Thoreau des zwanzigsten Jahrhunderts".
    foto: zeitgeist films

    Engagiert, utopisch und pragmatisch, urban und ökologisch: Paul Goodman, "ein Thoreau des zwanzigsten Jahrhunderts".

  • "Mein Vater Paul hatte viele Ideen im Kopf, ich höre mehr zu": Susan Bendich Goodman.
    foto: michael freund

    "Mein Vater Paul hatte viele Ideen im Kopf, ich höre mehr zu": Susan Bendich Goodman.

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