Dezent versus präpotent

Valentin E. Wille, 4. November 2011, 17:30
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    Prominentes Beispiel einer Aufstockung: Der Dachausbau der Generali Am Hof von Gert M. Mayr-Keber, 2009-2011.

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    Als "bemerkenswert" wurde der zylindrische Rundbau mit Lamellenfenstern im Dehio-Handbuch eingestuft, der an ursprüngliche Proportionen der Dachlandschaft aus der Gründerzeit anknüpft.

Früher waren sie Künstlern und Personal vorbehalten, heute sind sie heiß begehrt. Wie Wiens Dachausbauten wahrgenommen werden

Wer je versucht hat, an einem Sommernachmittag einen Platz in der Sky Bar (Kärntner Straße), auf der Terrasse des K47 (Franz-Josefs-Kai) oder des Do&Co im Haas-Haus zu ergattern, weiß: Der Trend, die Dächer Wiens zu erobern, ist ungebrochen.

Was im 19. Jahrhundert aufgrund fehlender Aufstiegshilfen und mangelnder bauphysikalischer Möglichkeiten nur als billige Absteige fürs Personal zu finden war, wurde später zum Atelier für Künstler und Freidenker. Aufzüge und künstliche Klimatisierung im Sommer machten die Dachböden auch für eine wohlhabendere Klientel attraktiv. Worin aber liegt der Reiz, in luftigen Höhen zu residieren, wo es im Winter oft zu kalt und im Sommer zu heiß ist?

Der Ausblick, richtig. Die Dachlandschaft der Wiener Innenstadt ist ziemlich homogen; außer dem Ringturm, dem Rathaus und rund einem Dutzend Kirchtürmen bietet sich von vielen ausgebauten Dächern eine freie Sicht auf Kahlenberg, Leopoldsberg und Wienerwald. Dafür müssen Interessenten (immer öfter aus Russland oder dem Nahen Osten kommend) bis zu 15.000 Euro pro Quadratmeter Dacheigentum auf den Tisch legen. Auch lockt die Möglichkeit, zentrumsnahes Wohnen mit einem eigenen Platz im Freien zu kombinieren. Terrassen werden zu Lounges, Spas oder Kräutergärten - kurzum zum eigenen "Stadt-Garten" . Und falls der Architekt es schafft, Räume ohne einer Übermacht von Dachschrägen zu entwickeln, die dem Maßtischler ein stattliches Einkommen ermöglichen, entstehen auch nutzbare Innenräume.

Historisches Fundament

Dass Wien ein reiches Erbe an Gründerzeitbauten mit meistens guten Fundamenten und größtenteils überdimensionierten tragenden Wänden aufweist, ist unerlässlich für die nachträgliche Aufstockung. Auch wenn die Baubehörde seit 2008 unter Einbeziehung einer schärferen Auslegung der Erdbebennorm mit der Unterscheidung in "unmaßgebliche" und "maßgebliche" Änderungen des Bestands (auch "Dachausbau leicht" und "Dachausbau schwer" genannt) das Entstehen neuer Projekte nicht gerade erleichtert hat, so bietet der Graubereich dieser gesetzlichen Normen dem kreativen Architekten durchaus Spielraum. Doch gerade das "historische Fundament" , auf dem der neue Entwurf aufsetzt, fordert den gewissenhaften Planer, wie denn mit dem Bestand umzugehen sei. "Dezent" , sprich unscheinbar, sensibel, feinfühlig, zurückhaltend, oder "präpotent" , sprich aufdringlich, übermächtig, frech, lautet da die Frage.

Der zurzeit am stärksten beachtete Dachneubau der Innenstadt ist sicherlich der des Generali-Hauses Am Hof. Architekt Gert M. Mayr-Keber, der für die Generali 2006 bereits den dezenten Dachausbau Wipplingerstraße 1 realisiert hat, nimmt hier ebenfalls die strenge Achsialsymmetrie des Gründerzeithauses aus dem Jahre 1882/83 von Ludwig Tischler auf und setzt ein Dachgeschoß darauf, das durch einen viertelkreisförmigen Umriss einen klar definierten Abschluss nach oben bildet und durch großflächige Glaselemente an frühere Dachateliers erinnert. Der erhöhte historische Mittelrisalit wird über der Gebäudemitte durch einen zylindrischen Rundbau mit Lamellenfenstern fortgesetzt und schließt so an die ursprünglichen Proportionen der Dachlandschaft aus der Gründerzeit an, die im Dehio-Handbuch als "bemerkenswert" eingestuft wurde. Denkmalpfleger und "Weltkulturerbe Wien" -Mitinitiator Manfred Wehdorn meint hingegen, "die Dachlandschaft Wiens hat mit ihren ungeordneten Aufbauten, wie Stiegeneinhausungen, Klimageräten etc., viel Kritik ertragen müssen. Wenn der originale Dachumriss nicht mehr gegeben ist, bietet die zeitgemäße Tradierung der historischen Dachform zweifellos die Chance einer Flächenmehrung. Dieser Lösungsansatz wird sich aber auf einige wenige Beispiele beschränken." 

Neben dem formalen Erscheinungsbild hebt sich der 2900m² zusätzliche Nutzfläche schaffende Neubau Am Hof auch durch die monochromen hellgrauen Oberflächen vom gelb gefassten Altbestand mit dem reichen neobarocken Fassadendekor ab (das nach einer "Fassadenbereinigung" 1933 erst 1990/91 wieder rekonstruiert wurde). Architekt Mayr-Keber über den Bauplatz: "Prominente Lagen führen zwar zu höherer Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, sollten aber die qualitätsvolle Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen oder der Frage nach der Richtigkeit der historischen Gebäudevolumen nicht beeinflussen, da jeder Platz gleichen Anspruch auf eine entsprechende Umsetzung hat. Es ist allerdings der Einsatz der Mittel in gehobenen Lagen ein anderer."

Weniger spektakulär fällt der Dachausbau der Österreichischen Kontrollbank in der benachbarten Strauchgasse aus. Adolf Krischanitz beschränkt sich auf einen Dachausbau anstelle eines "Neubaus" und öffnet die Dachfläche partiell mit hexagonalen Fenstern sowie Terrassen. Ebenfalls in dieser Gegend befindet sich derzeit die größte Innenstadt-Baustelle: Der Tiroler Investor René Benko lässt das Viertel zwischen Am Hof und Tuchlauben in Wohnungen, Büros und Geschäfte umbauen. Herzstück ist die ehemalige Länderbank-Zentrale, in die die Hotelkette Park Hyatt 2013 einziehen wird und für die das markante, steile Mansardendach einiges an Nutzungs- und Ausbaumöglichkeiten bietet.

Sensibler Ort

Auch einen städtebaulich sensiblen Ort mit Platzsituation versahen Rüdiger Lainer + Partner mit einem zweigeschoßigen Dachausbau neben dem Karlsplatz, der jedoch wenig auf den Bestand reagiert. Der 1870/71 nach Plänen von Johann Romano und August Schwendenwein errichtete Nibelungenhof (Nibelungengasse) ist mit seiner Westfassade zur Akademie am Schillerplatz, mit der Ostfassade zum Karlsplatz Richtung Karlskirche ausgerichtet und stellt - wenn man mit dem Auto vom Schwarzenbergplatz zur Secession fährt - eine optische Landmark dar. Der Dachaufbau hebt sich klar vom Altbestand ab und weist eine starke horizontale Gliederung auf, die durch geknickte und überlappende Gesims-ähnliche Elemente etwas aufgelockert wird. Proportional übernimmt die neue Struktur den ursprünglichen Dachbestand, bietet jedoch Spannung durch die Linienführung. An den Ecken des Dachausbaus springt der Aufbau zurück, wird dezenter und widerspricht so der historistischen Interpretation der betonten Gebäudeecke, die sich in der historistischen Fassade durch eine Pilaster-flankierte Risalit-Ausbildung erkennen lässt.

Wien hat in den letzten zehn Jahren - was die Menge an Dachaus- und Dachneubauten betrifft - vieles nachgeholt, und dennoch bleibt noch viel Platz für Neues. Auch in finanzieller Hinsicht ist der Plafond - verglichen mit Quadratmeterpreisen von Metropolen wie Rom, London oder Paris - noch nicht erreicht. Der Konflikt Ausblick versus Anblick erlaubt ein weites Spektrum an spannenden Möglichkeiten, die es - respektvoll mit dem Bestand umgehend - auszuschöpfen gilt.  (Valentin E. Wille, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6.11.2011)

Kommentar posten
18 Postings
HK-11
02
6.11.2011, 16:56

Der Dachausbau der General wirkt auf mich sehr ordinär.

immofuchs
03
7.11.2011, 13:38
genau

das sieht aus wie ein Tupperwaredeckel auf einer Meissner Suppenschüssel.

Laris
25
6.11.2011, 11:31
Verschandelung Am Hof

was die Türken Kriege und der zweite Weltkrieg nicht geschafft haben, haben die wiener Architekten geschafft. Den Dachausbau der Generali Am Hof als "prominentes Beispiel" zu nennen ist ein Scherz von Herrn Wille. Vielleicht sollte man es eher als "prominentes Beispiel der Verschandelung" aufzeigen...
Auf dem Foto schaut es vielleicht noch annehmbar aber in wirklichkeit .... eine Schande. Ich muss leider fast jeden Tag diesen "Ungeheuer" anschauen. Das ganze Bild von Am Hof, mit Sicht auf Feuerwehrzentrale, wurde für immer zerstört.. Wirklich eine Schande!!!

franz der freie
 
01
6.11.2011, 09:45
nach einsicht in den mikroerdbebenkataster sind die schwerausbauten sehr wenig verlockend.

die tragenden häuser, oft aus der gründerzeit können die schwerausbauten bei erdbeben nicht halten und werden zusammenbrechen. die statiken sind oft sehr bedenklich. ein beispiel: ( ohne erdbeben ) : franziskanerplatz, ex-besitzerin netrebko.

alla riscossa
00
6.11.2011, 20:31
falsche info!

dort hat die ärztekammer als vorbesitzer tragende wände umgelegt, folgen sind bekann!

Ausgeflippter Lodenfreak
215
5.11.2011, 21:20

Für mich ist das protzige Generali-Reindl am Hof ein passendes Symbol für die Gier der Versicherungen, Banken und Finanzwirtschaft.
Die Symbolwirkungen ist ganz klar: wir haben Geld stehen über Euch und schauen aus dem auffälligen Metalbau den wir auf unseren Prunkbau draufgesetzt haben auf Euch herab.

hast1
10
5.11.2011, 17:11
jaja, die aussicht!

der großteil der innenstadt-dachwohnungen hat eine aussicht auf andere dachausbauten, rauchfänge und div. nirosta-rauchfangkehrerstege, sowie monströse klima- und lüftungsanlagen.
aber es ist durchaus möglich, daß man dazwischen irgendwo ein stück kahlenberg sieht.

käufer derartiger immobilien müssen echt geschmacksbefreit sein.

Christoph Karl Steininger
19
5.11.2011, 14:45
Also das Ufo auf dem Haus am Hof

ist grenzwertig. Einen zurückhaltenderen Ausbau hätte man den Vorzug geben müssen! Dieser Protz-Neo-Futurismus ist unerträglich.

Mirabeau
12
5.11.2011, 13:51

Die Architektur monumentaler Innenstadt-Penthäuser ist zur Zeit unser aller größte Sorge. Gut daß sich der Standard so ausgiebig diesem Thema widmet.

Man will ja wissen, wie diverse Boni, Entgelte für "Beratungsleistungen", Gewinne aus Drogen, Glückspiel und Prostitution, Spekulationsgewinne aus Staatspleiten und sonstige Summen, bei denen man nachfragen muss, wo denn da "mei Leistung" war, angelegt werden.

Heavyweather
00
5.11.2011, 21:54

Sei froh wenn das Geld wenigstens wieder ausgegeben wird anstatt in Investmentbanken angelegt zu werden.
Da leben die Architekten und noch viele anderer davon...passt doch.

Stadtmann
67
5.11.2011, 08:13
es ufert aus

Bitte hier mehr Kontrolle bezüglich der Optik. Ein typisches Beispiel für absolute Hässlichkeit ist das:

http://www.archkorab.at/projekt-c... zgasse.htm

Es ist eine Frechheit, dass es so genehmigt wurde.

stop-making-sense
00
6.11.2011, 12:41
Stimmt!

Aber im 2. Bezirk is des eh egal!

Heavyweather
02
5.11.2011, 21:47

Gschmäker und Watschen sind verschieden...

Ich find es cool. Habe aber auch am Lainer Ausbau mitgearbeitet ;).

szigeti
00
6.11.2011, 06:08
wenn du beim Lainer-Ausbau mitgearbeitet hast, wuerde mich etwas brennend interessieren: generell sind mMn die Lainer-Dachausbauten architektonisch wirklich gelungen, gerade deswegen stoert es so unglaublich,

dass bei Lainer besonders billig anmutende Materialien verwendet werden (Bundeslaenderplatz, Nibelungenhof etc.). Gerade der Nibelungenhof ist gelungen, um dann durch diese derartig grindigen, wie Sicht-Alu wirkenden Fensterverstrebungen (bzw. Verdichtungen, weiss als Laie nicht wie das heisst) seiner Wirkung beraubt zu werden. In London und Paris werden edle, duenne schwarze Materialien fuer die Verstrebungen verwendet -wieso nicht in Wien? Generell wird bei uns architektonisch durchaus gelungen geplant, um und dann der billigen Materialauswahl und Sichtalu-Orgien zum Opfer zu fallen. Aber zurueck zu Lainer: wieso die graessliche Materialauswahl? Liegts am Geld, ist es beabsichtigt? Bitte um Antwort, wuerde mich wirklich interessieren.

barock1714
33
5.11.2011, 07:43
zum platz am hof:

wie konnte man es wagen, die wiederhergestellte, geschlossene historische schauseite (zeughaus, grunderzeitpalais, palais collalto) dieses platzes durch diesen unsäglichen dachausbau zu zerstören!

am zeughaus bemüht man sich, die nach dem kraneinsturz zerstörten monumentalen dachplastiken martinellis wieder herzustellen, dem nachbarhaus setzt man dieses ungetüm auf.

und es ist kein ende in sicht: gerade wird das geschlossene ensemble ankerhaus-schenkerhaus am hohen markt durch einen dachausbau zerstört.

wo der profit regiert, bleibt die ästhetik auf der strecke!

larryW
04
4.11.2011, 18:02
ja, die Russen und die Araber....

...ich weiß nicht wie lange die noch für fantasieprojekte herhalten müssen....damit jemand glaubt das dies ernstzunehmende anlagen sind ? wieviele dieser bauten sind weit über dem schornsteinnivaux der nachbarhäuser damit man bei niededruck die Fenster öffnen kann ? was sind immobilien wert die niemand kauft ?
schauen sie sich die inserate für den 1 Bez.an,da können sie bei dn DGW über 1 Mio € aus den Vollen schöpfen.
Mein liebling ist: 4xx m2 Luxusdachausbau. im Palais....(schwülstig,ausschweifende beschreibung folgt)...Und schließt ab mit dem tragenden satz:".....ein Parklpatz in der Garage steht zu verfügung, nach dem Ableben der älteren Dame."

Datenmeer
00
6.11.2011, 14:21

Du meinst sicher das Palais Principe!?

Da gäbe es noch eine DG "Wohnung" mit 520m2 um schlappe € 13.000.000,-

Oder meinst du das Palais am Schillerplatz 4?

Heavyweather
00
5.11.2011, 21:51

Keine Angst, es zahlt sich aus.
Ich habe an der Nibelungengasse mitgeplant und sonst auch eine Übersicht über die Käufer.
Auch österreichische Bänker mögen Dachausbauten ;)

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