Rares Gansl von der Weide

9. November 2011, 17:13
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Dass artgerecht gehaltenes Federvieh nicht nur glücklicher lebte und starb, sondern auch besser schmeckt als die Artgenossen aus den Mastfabriken, ist bei den Wirten noch kaum angekommen

Der 11. November naht, die Tage der Gans sind gezählt. Wir wollen zu viert Gansl essen gehen, aber nicht in ein hochpreisiges Restaurant, sondern gemütlich. Eine Weidegans muss es sein und die koste, was sie wolle. So rufen wir bei einem bekannten Wiener Heurigen an, der auf regionale Lebensmittel setzt: "Haben Sie Weidegans aus Österreich?" "Augenblick, ich frag einmal nach... Nein, wir haben die Gänse aus Ungarn."

Nächster Versuch bei einem Wiener Wirtshaus mit hervorragender neuer österreichischer Küche: "Haben Sie Weidegans aus Österreich?" "Interessante Frage. Ich schaue einmal in die Küche... Nein, unsere Gänse kommen aus Ungarn." Enttäuschung macht sich breit, der Kellner reagiert darauf: "Wollen Sie sich's nicht doch überlegen? Es zählt ja nicht nur die Herkunft, sondern auch die Zubereitung." Danke, wir haben schon gegessen.

Nun ist unser Ehrgeiz geweckt: Wir rufen in verschiedenen Gasthäusern und Heurigenbetrieben an, die für ihre regionalen Spezialitäten bekannt sind. Unisono ist die Reaktion auf die Frage nach Weidegans in etwa folgende: "Weidegans? Aus Österreich? Aha... Nein, haben wir nicht."

Bereits nach dem zweiten Versuch an einen Koch mit Sinn für artgerecht gehaltene Gänse zu kommen, fühlt man sich komisch. Ist man mit seinem Weidegansbewusstsein etwa zu einer zickigen Ökotante mutiert? Ist das Weidegansbewusstsein gar pathologisch, da man ja vielleicht sogar auf das Bekochtwerden mit Martinigansl verzichten muss?

Da wir weder ein gehobeneres Restaurant besuchen noch eine Stunde lang mit dem Auto zu Weidegans-Gasthäusern in die benachbarten Bundesländer kurven wollen, geht die Recherche weiter und siehe da, über das Web finden sich schließlich doch noch ein paar Weidegans-Anbieter im Bereich Gasthaus: Grünspan, Möslinger, Witwe Bolte oder Bauernbräu. Vielleicht wird der Braten aber auch aus dem eigenen Ofen kommen. Ein Glück, dass Weidegänse bereits bei einigen Greißlern in Reih und Glied in der Vitrine liegen. (tin, derStandard.at)


Wissenswertes zur Mast- und Weidegans

Rund 300.000 Gänsen geht es jedes Jahr an den Kragen, allein um die Nachfrage in Österreich zu decken. Obwohl der Umstieg von der Mast- auf die Weidegans seit Jahren ein Thema ist, kommen nach Angaben von Tierschutzorganisationen nicht einmal zehn Prozent der Gänse aus österreichischen Betrieben.

90 Prozent stammen aus zumeist ungarischen oder polnischen Mastfabriken, wo die Gänse ohne Auslauf in knapp neun Wochen auf drei Kilogramm Gewicht gemästet werden. Die EU-Öko-Verordnung schreibt dagegen ein Mindestschlachtalter von 140 Tagen vor.

Weidegänse aus Österreich werden artgerecht und oft biologisch im Freien gehalten, wo sie sich von Gras, ergänzt durch Getreide, ernähren. Um eine Fettleber zu vermeiden, verzichtet man auf Maisfütterung. Die Schlachtung erfolgt oft am Hof, möglichst schonend und ohne langen Transporte. Massenzucht-Gänse werden oft maschinell gestopft und am Ende lebend gerupft. Abgesehen vom Tierleid lässt das Fleisch aus den Mastfabriken an Konsistenz und Aroma zu wünschen übrig.


Geht's noch? / Geht doch! gibt auf subjektive Art und Weise Freude und Leid im Alltag der Lifestyle-Redaktion beim Essen, Trinken & Einkaufen wieder.

Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht? Wo lassen Sie sich mit Weidegans bekochen? Posten Sie uns Ihre Erlebnisse!


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    Obwohl die Weidegans seit Jahren ein Thema ist, dürfte sie in der Gastronomie nicht gelandet sein.

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