Das Geschäft mit dem Joghurt

6. November 2011, 17:36
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Probiotische Joghurts sind ein Kassenschlager: Sie stärken das Immunsystem und fördern die Verdauung, sagt die Werbung. Das aber tut Naturjoghurt auch

Ein Strand im Winter: Ein kalter Wind peitscht die Brandung. Zwei Spaziergänger schauen fröstelnd aufs Meer. Ihre Wollmützen und Schals bieten offenbar nicht genügend Schutz. Plötzlich jedoch laufen Menschen in Badehosen vorbei und springen in die Wellen. Holen die sich den Tod? Nein, denn die essen täglich probiotische Joghurts, was ihnen anscheinend ein überstarkes Immunsystem sowie das Kälteempfinden eines Eisbären beschert. Das zumindest will uns ein Fernsehspot eines Milchprodukte-Herstellers glaubhaft machen.

Die Botschaft kommt an. Die mit speziellen, angeblich immunfördernden Bakterien angereicherten Joghurts sind ein erstklassiges Geschäft. Allein in Österreich sollen die Umsätze jährlich in zweistelliger Millionenhöhe liegen. Aber profitieren Verbraucher tatsächlich davon?

Jürgen König vom Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Wien betrachtet es skeptisch. "Die aggressive Werbung ist grenzwertig", sagt er. Dass probiotisches Joghurt positiv auf das menschliche Immunsystem wirkt, sei schließlich noch immer nicht eindeutig wissenschaftlich bewiesen. "Es gibt keine vernünftigen Belege dafür." Was König besonders kritisiert: Die Hersteller testen Joghurts mit ihren probiotischen Bakterienstämmen immer im Vergleich zu Milch, aber nicht zu anderen fermentierten Milchprodukten, die von sich aus schon bestimmte Mikroorganismen enthalten. "Das ist meiner Ansicht nach nicht zulässig."

Aus Königs Institut stammt eine viel zitierte Studie, die genau diese Lücke füllen sollte. 2006 veröffentlichten Ibrahim Elmadfa und einige Kollegen im Fachjournal Annals of Nutrition & Metabolism (Bd. 50, S. 282) die Ergebnisse einer vergleichenden Untersuchung über die Wirkung von konventionellem Joghurt und einer probiotischen Marke mit dem Bakterienstamm Lactobacillus casei defensis der Firma Danone, die das Forschungsprojekt auch teilweise finanziert hatte. Die Resultate waren ernüchternd.

Komplexe Immunantwort

Zwar führte der Verzehr des probiotischen Joghurts bei Testpersonen, - jungen gesunden Frauen - im Blut zu einer minimalen Zunahme der Anzahl fremdzellen-zerstörender weißer Blutkörperchen (T-Lymphozyten), was bei denjenigen, die das Standardprodukt aßen, nicht zu beobachten war. Doch die effektive Immunantwort zeigte sich bei beiden Gruppen etwa gleich stark. Der Konsum von Joghurt, egal ob, probiotisch oder konventionell, stimulierte zumindest in diesem Versuch die Aktivierung von T-Lymphozyten und somit der Abwehrkräfte.

Über welchen Mechanismus die Keime eine Stärkung des Immunsystems verursachen könnten, ist allerdings noch unbekannt. "Auch die normale Darmflora hat einen erheblichen Einfluss auf unsere Gesundheit", betont der Immunologe Dirk Haller von der TU München. Die Darmschleimhaut indes sei mit immunregulatorischen Rezeptoren und Zellen reichlich gespickt. "Das ist eine extrem überwachte Grenzfläche." Welche Bakterien, ob lebendig oder in Bruchstücken, welche Reaktion auslösen, entzieht sich unseren Kenntnissen, sagt Haller.

In Naturjoghurt tummeln sich normalerweise nur zwei Bakterienspezies: Streptococcus thermophilus und Lactobacillus delbrueckii ssp. bulgaricus, erklärt Konrad Domig, Mikrobiologe an der Wiener Universität für Bodenkunde . "Nur diese beiden sind für die Fermentierung verantwortlich." Den Geschmack des Joghurts beeinflussen sie aber unterschiedlich. Je mehr Lactobacillus, desto saurer das Ergebnis - so wie man es von den klassischen südeuropäischen Joghurt-Sorten kennt, erläutert Domig. "In Mitteleuropa tendieren wir mittlerweile eher zu den mildsauren Produkten" - mit einem höheren Anteil an S. thermophilus eben. Für die gesundheitsfördernden Eigenschaften scheinen diese Unterschiede aber keine Bedeutung zu haben.

Eine interessante Wirkung von probiotischen Bakterienkulturen hat neulich ein internationales Forscherteam bei Tests mit menschlichen Zwillingen bzw. Mäusen entdeckt (Science Translational Medicine). Die Wissenschafter ließen sieben weibliche eineiige Zwillingspaare vier Monate lang täglich einen probiotischen Joghurt essen und verglichen deren Stuhlproben vor, während und nach dem Experiment.

Langzeitergebnisse

Eine Veränderung der Darmflora fand offenbar nicht statt. Weder der eingesetzte Stamm von L. delbrueckii ssp. bulgaricus noch die ebenfalls im Produkt beigegebenen probiotischen Keime der Art Bifidobacterium animalis ssp. lactis konnten den Verdauungstrakt der Testpersonen besiedeln. Praktisch das Gleiche galt für die Mäuse, denen man gleich fünf verschiedene probiotische Bakterienspezies verabreichte.

Was sich jedoch anhand von molekularbiologischen Analysen zeigte: Die vorhandene Mikroben-Lebensgemeinschaft von Mensch und Tier im Darm reagiert sehr wohl auf die Zufuhr von Probiotika. Die Bakterien stellen Teile ihres Stoffwechsels um. Es kommt zu einer vermehrten Produktion von Enzymen zur Verarbeitung einiger pflanzlicher Polysaccharide, die Bestandteile von Obst, Gemüse sind. Für die Verdauung und ihre Effizienz könnte dies von Bedeutung sein. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, Printausgabe, 07.11.2011)

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    Laktobazillen sind für die Säure im Joghurt verantwortlich. Die Milde macht Streptococcus termophilus. Die beiden Stämme sind im Naturjoghurt enthalten.

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