Das Comeback eines Mythos?

4. November 2011, 16:00
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Der Heimatbegriff wird emotionalisiert und zur Abgrenzung gegenüber "den Anderen" verwendet

Der Sprachwissenschaftler Alexander Groh hat sich im Rahmen seiner Forschungsarbeit am Politikinstitut der Uni Wien den Begriff "Heimat" genauer angesehen. Dabei konnte er einen zunehmenden Trend zur Mystifizierung der Definition feststellen: "Der Heimatbegriff hat mit einem Mythos zu tun, dabei wird eine Gemeinschaft konstruiert, die sich abgrenzt".

Der 41-jährige hat mittels Textanalyse den Sinngehalt rund um "Heimat" durchstöbert, besonderen Fokus hat er auf die Parteiprogramme von FPÖ, BZÖ und ÖVP gelegt. Der Begriff wird von Partei zu Partei unterschiedlich verwendet, der Kontext in dem dies geschieht, sei dabei entscheidend, so der Sprachwissenschaftler.

Kein "Multi-Kulti-Experiment"

So versucht sich die FPÖ besonders im Hinblick auf die kommenden Nationalratswahlen medial als "offen darzustellen", zielt aber mit der Wortwahl auf ein "einschlägiges Klientel" ab, so der Philologe. Konkret ist das an der Positionierung von autochthonen Volksgruppen im Parteiprogramm belegbar. Diese würden als klar zu Österreich zugehörig definiert. "Gleichzeitig erfolgt eine Ausgrenzung von Fremden jedweder Art, die mittels des emotionalisierten Einsatzes des Heimatbegriffes zum Feindbild stilisiert werden", meint Groh.

Diese These lässt sich an mehreren Stellen im Parteiprogramm untermauern: Im Vergleich zum "ihr", das im Text sehr oft vorkommt, wird das "unser" nur einmal in Verbindung zu "Volkswirtschaft" erwähnt. Im FPÖ-Parteiprogramm vom 23. April 2005 wird nach der sorgfältigen Aufzählung der Volksgruppen, die "überwiegende Mehrheit der Österreicher, der deutschen Volksgruppe" zugeordnet. In seiner schriftlichen Arbeit interpretiert auch Groh, dass sich zwar jeder zu seiner Volksgruppe bekennen kann und rechtlich geschützt werden soll, aber nicht jede Volksgruppe gleich behandelt wird. Das Parteiprogramm weist auf die Verpflichtung Österreichs hin, jenen Menschen Asyl zu gewähren, die aufgrund von "rassischen, religiösen oder politischen" Gründen ihr Heimatland verlassen mussten.

Gleichzeitig wird festgelegt, dass jeder Verfolgte das Recht hat sich zu seinem "angestammten Volkstum" zu bekennen, und in Folge dessen "in seine eigene Heimat" zurückkehren kann.

Groh interpretiert hierzu, dass für die FPÖ einerseits zwar ein Grundrecht auf Heimat besteht, dieses aber in eine "Rückkehrpflicht" in die eigene Heimat umgedeutet werden kann. Dadurch sei der Verbleib von Menschen im Asylverfahren und jenen, die schon seit Jahrzehnten hier leben "pauschal in Frage gestellt".

Andererseits stellt Groh die These auf, dass durch den breit angelegten Interpretationsspielraum auch ein "Rückkehrwunsch" der heimatvertriebenen Sudetendeutschen ins Spiel gebracht wird. Diese "klare außenpolitische Positionierung", sei aufgrund der historischen Verflechtung der FPÖ durchaus plausibel, so der Philologe.

Die Absage an Österreich als Einwanderungsland folgt mit dem nächsten Satz des Parteiprogramms: "Aufgrund seiner Ressourcen, Ausdehnung und Bevölkerungsdichte kann Österreich kein Einwanderungsland sein." Hinzu kommt, dass laut dem Grundsatzprogramm "Multi-Kulti-Experimente weitere Konflikte schüren" würden. Dabei kommt "Heimat" im gesamten, 33 Seiten starkem, Dokument 14 Mal vor und "Österreich" - inklusive Ableitungen - ganze 90 Mal.

"Unveränderbare Heimat"

Bei der österreichischen Volkspartei sei das Heimatbild laut Groh stark emotional gefärbt: "Die Heimat erscheint als etwas, das es unter allen Umständen zu bewahren gilt, etwas, dass man nicht verändern darf." Auffällig seien die Verbindungen zwischen "Heimat" und "unser", die zur Emotionalisierung führen sollen - diese werden mit der Vokabel "Liebe" verstärkt. Das Wort Heimat kommt im 28-Seiten langen Programm der ÖVP 11 Mal vor, Österreich als Land mit allen Ableitungen knapp 60 Mal.

Beim Thema Aufenthaltserlaubnis unterscheidet sich die ÖVP zwischen dem Inhalt ihrer Texte und ihrer Realpolitik drastisch, so der Sprachexperte. Laut dem Grundsatzprogramm vom 22. April 1995 darf "nicht jeder Ausländer ein Recht auf Aufenthalt" zukommen. Im Folgesatz werden "jedem Ausländer" aber Rechte auf "gerechte und menschenwürdige Behandlung" eingeräumt.

Populistische Formulierungen

Diese Rechte nimmt auch das BZÖ zur Kenntnis, allerdings nur für politische Flüchtlinge. Die Parteilinie nimmt bereits in der Einleitung deutliche Konturen an. Die unmissverständliche Trennung zwischen Österreichern und Zuwanderern ist dabei deutlich:. "Der Heimatbegriff wird überall dort verwendet wo es darum geht Emotionen zu schüren", analysiert Groh den Programm-Text. Der Stil sei deshalb von populistischen Formulierungen geprägt, ohne auf konkrete Ziele hinzuweisen.

Im 89 Seiten starken Programm des BZÖ - vom 2. Mai 2010 - wird auf einen "funktionierenden Heimatschutz" und der "Errichtung einer Sonderkommission zur Bekämpfung des islamischen Terrors" hingewiesen. "Radikale Islamisten" sollen dadurch im Zaum gehalten werden. Weiters fordert das BZÖ in ihrem Papier eine "Vereinheitlichung der Bauordnungen der Länder", die "Möglichkeiten zum Bau von Moscheen und Minaretten" unterbinden sollen. Abgesehen von diesen Fundstellen gibt es in allen drei untersuchten Parteiprogrammen viele Begriffe die nicht eindeutig zugeordnet werden konnten. Das BZÖ verwendet "Österreich" mit seinen Ableitungen mehr als 100 Mal, Heimat wird 12 Mal gezählt.

Definition ist eingeengt

Die Benennung "Heimat" an sich, hat vielfältige Bedeutungen und ist nicht eindeutig definierbar - der Begriff hat sich im Laufe der Zeit verändert. Heute kann man von einer "Bedeutungseinengung" sprechen. Laut Duden-Definition bezeichnet Heimat: das Land; der Ort in dem man geboren oder aufgewachsen ist; sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt. Es ist auch der Ort an dem Sozialisation und Identitätsbildung stattfindet und eine emotionale Bindung entsteht.

Heimat ist positiv

Der Politologe Marcelo Jenny vom Institut für Staatswissenschaft unterstreicht, dass der Ausdruck Heimat grundsätzlich positiv behaftet ist. Trotzdem kommt es aufgrund von unterschiedlichen politischen Zielen zu einer negativen Verwendung des Wortes: "Die Facetten dabei sind sehr vielfältig, die Bezeichnung kann mit anderen Wörtern verknüpft werden oder für einen Zweck missbraucht werden."

Die unterschiedliche Gebrauchsweise sei dabei entscheidend, so Jenny. Dass "Heimat" in bestimmten Zeiten von der Politik gezielt benutzt wird, ist für den Politologen ein Faktum: "Das Wort 'Heimat' kann sich besonders bei Wahlen zum Leitbegriff entwickeln danach verschwindet es allmählich wieder". Bei den kommenden Nationalratswahlen wird dieser Begriff wohl vermehrt in Erscheinung treten. (Toumaj Khakpour, daStandard.at, 4. November 2011)

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    Bei der österreichischen Volkspartei sei das Heimatbild laut Groh stark emotional gefärbt: "Die Heimat erscheint als etwas, das es unter allen Umständen zu bewahren gilt, etwas, dass man nicht verändern darf."

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